Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 22. September 2024,
über Galater 3,26-29 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!
Wer bin ich? Was macht mich aus? Was verbindet mich mit anderen und was unterscheidet mich von ihnen? Jede und jeder von uns steht im Lauf des Lebens vor diesen Fragen – immer wieder: Als Kinder, als Jugendliche, als gerade erwachsen Gewordene, als Eltern oder als Nicht-Eltern, als Menschen in der Mitte und Kraft des Lebens oder dann, wenn die eigenen Kräfte schwinden. Wer bin ich? Was macht mich aus? Die Psychologie nennt das die Suche nach der eigenen Identität.

Im Dorsch, dem Lexikon der Psychologie (eine Art Duden für Psychologie) steht dazu:
„Identität … beschreibt die Art und Weise, wie Menschen sich selbst aus ihrer biografischen Entwicklung heraus in der ständigen Auseinandersetzung mit ihrer sozialen Umwelt wahrnehmen und verstehen.“ Meine Lebensgeschichte prägt meine Identität ebenso wie die Menschen, mit oder unter denen ich lebe. Verändert sich mein Leben und mein Umfeld, dann verändert / entwickelt sich auch meine Identität.
Aber was gehört da so alles dazu? Noch einmal Dorsch: „Wichtige Bestimmungsstücke, die in die Konstitution der eigenen Identität eingehen, sind z. B. Geschlecht, Alter und soziale Herkunft, Ethnizität, Nationalität und Gruppenzugehörigkeiten, Beruf und sozialer Status, aber auch persönliche Eigenschaften und Kompetenzen“. Geschlecht, Alter, Herkunft, Gruppenzugehörigkeit, Status.
Der Predigttext für diesen Sonntag stellt noch ein Merkmal dazu, das die anderen relativiert (Gal 3,26-29):

Ihr seid alle Kinder Gottes, weil ihr durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden seid. Denn ihr alle habt in der Taufe Christus angezogen. Und durch sie gehört ihr nun zu ihm.
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.

Die Verbindung zu Gott stellt alle anderen Identitätsmerkmale in den Schatten. Bei Gott kommt es nicht darauf an, in welchem Land Du geboren wurdest oder wo Du aufgewachsen bist; welchen Beruf Du gelernt hast oder was Du Dir alles leisten kannst. Gott sortiert auch nicht nach Geschlecht oder Alter. Bei Gott zählt, dass Du sein geliebtes Kind bist. Alles andere ist nachrangig.

Das heißt nicht, dass diese Unterschiede alle verschwinden, aber sie verlieren ihre trennende Bedeutung. Diese Unterschiede sind nicht das Wichtigste bei der Frage nach der Identität. Schubladendenken greift zu kurz bei der Frage nach der Identität.
Vielleicht kommen wir nicht darum herum, dass wir uns selbst und andere auch in Schubladen einsortieren: Männlein – Weiblein, Ausländer – Eingeborene, groß – klein, dick – dünn, arm – reich, Bayern-Fan – KSC-Fan, Hunde-Typ – Katzen-Typ und so weiter und so fort. Menschen sind so vielfältig in ihrer Identität, dass wir sie irgendwie einordnen müssen, um uns zueinander verhalten zu können. Aber diese Schubladen können zum Problem werden:

Zum einen verändern wir uns ja im Lauf des Lebens. Die Einordnung in eine Schublade passt längst nicht mehr – aber ich komme gar nicht auf die Idee umzusortieren. Das ist bei anderen schon schwierig; bei uns selbst ist es – denke ich – noch viel schwieriger: Andere können mich überraschen, aber ich selber? Wenn ich in mir einen Loser sehe, dann bleibt das Erfolgserlebnis immer eine Ausnahme oder ein Glücksfall. Und wenn ich mich selbst für perfekt halte, dann dringen kritische Äußerung gar nicht bis zu mir durch. Wenn ich mich erst einmal in eine Schublade einsortiert habe, dann komme ich da schwer wieder heraus – und bei anderen ist das ganz ähnlich.

Aber dieses Schubladen-Denken hat noch eine zweite Gefahr: Manchmal passt ein Mensch in keine der zur Auswahl stehenden Schubladen. Manchmal gibt es nicht nur „so oder so“ – obwohl ich seit Kindertagen nichts anderes kenne.

Jan Böhmermann begrüßt sein Publikum schon eine ganze Weile mit „Meine Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb“. Die Grenzen zwischen „Mann“ und „Frau“ sind viel durchlässiger, als zumindest ich das bisher immer wahrgenommen hatte. Dabei geht es nicht nur um die sogenannten „typischen Männer- oder Frauenberufe“ oder das Tragen von Hosen bzw. Röcken. Es geht um die Frage, ob mein gewohntes Bild von „entweder Frau oder Mann“ so noch stimmt. Deshalb ein kleiner Exkurs in die Biologie (auch wenn wir den beim Feier-Abend schon einmal hatten).

Üblicherweise gibt es 4 Ebenen für die Unterscheidung der Geschlechter:

  1. Genetisch nach xx- bzw. xy-Chromosomen
  2. Nach den Keimdrüsen (Eierstöcke / Hoden)
  3. Nach den äußeren und inneren Geschlechtsmerkmalen – danach erfolgt in der Regel nach der Geburt die Einordnung als Mädchen oder Junge
  4. Nach den Hormonen.

Dabei ist (zumindest) zweierlei wichtig zu wissen:

1) Es gibt nicht „rein männliche“ oder „rein weibliche“ Hormone, sondern nur ein unterschiedliche Hormonkonzentration im Blut. Testosteron z.B. beeinflusst bei Männern und Frauen u.a. die Muskel- und Knochenbildung. Im Durchschnitt beträgt der Testosteronwert bei Männern in jungen Jahren bei 3-8ng, bei Frauen unter 0,5ng. Das klingt eindeutiger als es ist, denn der Testosteronwert ist nicht konstant: Im Alter sinkt er bei Männern auf die Hälfte. Das ist ein bisschen wie beim Blutalkohol: Ab 0,8 Promille gilt man als nicht mehr fahrtüchtig. Ab welchem Testosteronwert gilt eine Frau dann als Mann oder umgekehrt? Das kann über die Zulassung zu den Olympischen Spielen entscheiden.

2) Bei vielen, vielleicht bei den meisten Menschen stimmen die Zuordnungen auf allen 4 Ebenen überein – aber eben nicht bei allen.
Es gibt eben auch Menschen, die werden bei ihrer Geburt nach dem äußeren Augenschein als weiblich identifiziert, sind aber genetisch oder hormonell männlich.
Bei manchen steht die erlebte Geschlechtsidentität im Gegensatz zur äußerlich wahrgenommenen, bei anderen passt schlicht das „Entweder – oder“ nicht.
In jedem Fall ist ausgesprochen belastend, wenn sie in eine Schublade gepresst werden, die ihnen nicht entspricht – weil sie „dazwischen“ oder „außerhalb“ liegen.
Hier ist nicht Mann noch Frau – vermutlich hat Paulus damals noch gar nicht geahnt, welche Bedeutung dieser Satz noch hat. Für die Zugehörigkeit zu Gott spielt das jedenfalls keine Rolle; und wir tun gut daran, dieser Unterscheidung nicht mehr an Bedeutung zuzubilligen als unbedingt nötig.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, z.B. bei der Bezahlung oder bei der verübten Gewalt: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 155 Frauen von ihren  (Ex-)Partnern getötet. Das waren 22 mehr als im Jahr zuvor. Von ihren (Ex-)Partnerinnen wurden 24 Männer getötet – das sind zwar auch 24 zu viel, aber weniger als ein Sechstel. Das markiert, dass da noch immer viel zu tun, um Frauen dieselben Rechte zu sichern wie Männern.
Aber eine Frage beschäftigt mich dabei immer wieder: Liegt ein Grund für ungerechte Verhältnisse zwischen Frauen und Männern vielleicht genau darin, dass wir die Schubladen zu hoch hängen? dass wir nur nach der Einteilung in diese oder jene Schublade fragen und darüber den einzelnen Menschen nicht gerecht werden und die „dazwischen und außerhalb“ aus dem Blick verlieren oder abwerten?

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Wenn das Einteilen in Schubladen Menschen voneinander trennt oder ihnen unterschiedliche Wertigkeiten zumisst, da ist das eine heilsame Erinnerung: Für Gott spielen diese Unterschiede keine Rolle – woher nehmen wir dann das Recht, diese Grenzen aufzurichten? Paulus lehrt uns da eine heilsame und befreiende „Gleich-Gültigkeit“. Ihr seid alle Kinder Gottes, weil ihr durch den Glauben mit Christus Jesus verbunden seid. Das soll Eure / soll unsere gemeinsame Identität bestimmen. Und wenn wir schon Unterschiede in den Blick nehmen, dann aber richtig – nicht nur als Entweder so oder so. Dazwischen, daneben und darüber hinaus ist eben auch anderes möglich.

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