Predigt am Erntedank-Sonntag, 6. Oktober 2024,
über 1. Timotheus 4,4-5 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
1. Timotheus 4,4-5
4Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
Liebe Gemeinde!
Der Anlass für diese Notiz im 1. Timotheus-Brief erscheint uns heute fremd und abwegig. Aber damals hat das Gemeinden z.B. in Ephesus beschäftigt. Dort gab es Tempel, in denen wurden zu Ehren anderer Götter Tieropfer dargebracht; das Fleisch wurde anschließend zum Verzehr weitergegeben. Es war klar, dass Christen an solchen Feiern nicht teilnehmen – „Du sollst keinen anderen Göttern dienen“. Wer das getan hätte, wäre als Götzendiener bezeichnet worden.
Was aber ist, wenn jemand nicht an der Tempelfeier teilnimmt, anschließend aber irgendwie ein Stück von dem dort geopferten Fleisch bekommt – darf ein Christ das essen oder nicht? Offenbar gab es Leute, die vertraten die Ansicht: „Dieses Fleisch ist ‚unrein‘. Es ist verwerflich, von diesem Götzenopferfleisch zu essen. Wer das tut, macht sich damit selbst zum Götzendiener.“
Jetzt könnten wir es uns einfach machen und sagen: „Es gibt keine Tieropfer mehr, also brauchen wir uns mit der Frage nicht weiter beschäftigen. Und am besten werden wir sowieso Vegetarier, dann stellt sich die Frage erst recht nicht“. Aber dann würde uns eine Chance entgehen, etwas für uns heute daraus zu lernen.
Es geht da ja nicht um den Nährwert von Fleisch und nicht darum, ob es allgemein gut ist, Fleisch zu essen oder nicht. Es geht um die Frage, ob die Verehrung einer anderen Gottheit sich – etwas flapsig ausgedrückt – so in das Fleisch einbrät, dass diejenigen, die das Fleisch hinterher essen, automatisch ebenfalls diese andere Gottheit anbeten. Und da sagt der Schreiber dieses Briefes ganz klar: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Es kommt auf die Einstellung an, mit der ein Mensch die Gaben der Schöpfung zu sich nimmt. Wer dieses Fleisch in dem Bewusstsein isst, dass er alle Gaben der Schöpfung Gott verdankt, der wird durch den Verzehr des Fleisches nicht zum Götzendiener. Alles andere wäre ja eigentlich auch Aberglaube – als ob das Essen bestimmter Speisen meinen Glauben ändern und mich automatisch von Gott trennen würde. Es gibt deshalb – so der 1. Timotheus-Brief – keine aus dem Glauben heraus verbotenen Speisen.
Mich erinnert das an die Debatte um sogenannte „Rückwärtsbotschaften“ in der Rockmusik. Das liegt schon einige Jahrzehnte zurück, damals ging es um Vinyl-Schallplatten – so richtig mit Rille und Abtastnadel. Es gab (vor allem evangelikale) Gruppierungen, die behaupteten: „In manchen Schallplatten sind geheime Botschaften versteckt, die Jugendliche unbewusst beeinflussen und zu Drogenkonsum und moralisch verwerflichen Handlungen motivieren wollen“. „Rückwärtsbotschaften“ hießen die deshalb, weil man sie – so die Behauptung – dann hören kann, wenn man die Schallplatte rückwärts abspielt.
Ich habe mich schon als Jugendlicher gefragt, wer den bitteschön eine Schallplatte rückwärts laufen lässt (und wie das überhaupt gehen soll). Wie soll mich eine Botschaft beeinflussen, die ich überhaupt nicht wahrnehme und erst recht nicht verstehe? Ich übertrage einmal das, was hier zum Götzenopferfleisch gesagt ist, auf die Rückwärtsbotschaften: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Wer Musik dankbar als Gottesgeschenk hört und sich an ihr erfreut (ohne seine Nachbarn damit zu nerven), der handelt nicht verwerflich. Und weil es ja heute auch um Baraka geht, sage ich das noch etwas allgemeiner: Jede Art von Musik kann durch das Wort Gottes und Gebet geheiligt werden. Es gibt nach meiner Überzeugung keine (unabhängig vom Text) per se „unchristliche“ und keine per se „christliche“ Musik. Es gibt Musik, die mir gefällt oder die nicht gefällt. Es gibt Musik, die mir eher hilft, mich mit Gott in Verbindung zu erleben, und andere, die das nicht kann. Entscheidend ist aber nicht der Klang der Instrumente als solcher, sondern meine Einstellung dazu: Kann ich Gott für diese Klänge danken und ihn damit loben – oder kann ich das nicht? Das hat viel mit Hörgewohnheiten zu tun. Was für die eine beseelend und inspirierend ist, empfindet der andere nur als grauenvoll oder nervtötend. Und doch gilt: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.
Mit der Musik bin ich bei dem Anlass, der heute zumindest für mich/uns den Erntedank mitprägt. Gottes Gaben sind nicht nur die Früchte auf dem Feld, sondern auch der Klang der menschlichen Stimmen und der Instrumente. Mit gutem Grund ist ja im Jubilate-Fenster hinter dem Kreuz die „singende Gemeinde“ dargestellt. Eine Gottesgabe sind die Begabungen, die Menschen geschenkt sind – da gehört die Musik dazu. Heute danken wir Gott dafür, dass er seinen Segen auf die Arbeit der Menschen legt und die Gaben gedeihen lässt, die uns anvertraut sind. Deshalb danken wir Gott – wie ich finde – ganz zu Recht heute auch für 5 Jahre Baraka.
Am 18. Oktober 2019 waren wir beim ersten Feier-Abend als Band zu hören. „Ich sammle Farben für den Winter“ war damals das Thema. Ich möchte an einige Stationen erinnern.
10 mal haben wir in diesen 5 Jahren bei einem Feier-Abend gespielt. Nach dem zweiten („All you need is love“) kam der Einschnitt mit Corona. In der Zeit der Kontakt-Beschränkungen haben wir immerhin 4 Band-Gottesdienste in der Kirche feiern können. Und dann gab es ab Juli 2022 wieder Feier-Abende, z.B. „Wasser des Lebens“, „bubble-net“, „anders als du denkst“ oder im April zuletzt „Grenzen achten“.
Viermal waren wir bei der Kirche um halb12 an Himmelfahrt dabei – in diesem Jahr ökumenisch „auf dem heiligen Rasen“ des DJK, der sein 100jähriges Jubiläum gefeiert hat.
Bei zwei Gottesdiensten in Luther-Melanchthon haben wir gespielt – dort proben wir in der Regel ja auch. Im März haben wir den Gottesdienst der Konfirmanden-Eltern begleitet – das ist auch wieder geplant.
Highlights waren die Mitwirkung beim Lieder-Marathon in diesem und beim Fest der Chöre im letzten Jahr und im Jahr davor beim Ökumenischen Gottesdienst im Schlossgarten.
Es gab auch nichtöffentliche Anlässe: 3 Band-Mitglieder haben einen runden Geburtstag gefeiert und wir haben das musikalisch gewürdigt – während Corona mit einem per Handy gefilmten Ständchen für unsere Sängerin.
Unser Altersschnitt ist von etwas über 50 auf etwas über 55 gestiegen. Und fest steht: Wenn wir in der Besetzung weitermachen, werden wir auch in den kommenden Jahren nicht jünger. Aber 5 Jahre Baraka – damit ist die Band ein Teil unseres Lebens geworden. Wir haben einmal gesammelt, was Baraka für uns – die Bandmitglieder – inzwischen ist:
Baraka ist für mich die Verbindung von Hobby und Beruf (mein Ehrenamt in der Kirche), es ist die Entfaltung meiner Begabung.
Baraka ist für mich Gott durch Musik zu dienen und die Freude, Musik mit anderen zu teilen.
Baraka ist für mich die Möglichkeit, auf zeitgemäße Art und Weise, Glaube und Musik miteinander zu verbinden und die Menschen damit zu berühren.
Baraka ist für mich eine Flucht vor dem getaktetem, normalen Alltag.
Teil von Baraka zu sein ist für mich mehr als nur Musik. Es ist ein Ausdruck meiner Verbindung zu Gott, eine Art, meine Dankbarkeit und meine Freude mit anderen zu teilen. In der Musik finde ich einen Weg, mich Gott näher zu fühlen, indem ich mit meiner Stimme das Lob und die Liebe ausdrücke, die ich im Herzen trage. Wenn ich singe, bin ich Teil von etwas Größerem, und gemeinsam mit meinen Band Mitgliedern und der Gemeinde schaffe ich einen Raum, in dem Gottes Gegenwart spürbar wird.
So Gott es gibt darf das von mir aus gerne so weitergehen, wie wir vorhin im Psalm gebetet haben: „Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin“ (Ps 104,33).
Zum Abschluss noch eine Bemerkung zu unserem Bandnamen. „Baraka“ ist das arabische Wort für „Segenskraft“ oder „Atem des Lebens“. Im Hebräischen steht es für das „Dankopfer“, was dann im Griechischen mit „Eucharistia“ übersetzt wird – Danksagung. Da schließt sich der Kreis zum Predigttext. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.
