Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis, 20. Oktober 2024,
über Matthäus 5,38-48 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Matthäus 5,38-48
38Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
43Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. 44Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
Liebe Gemeinde!
„Die andere Wange hinhalten“ statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. So verkürzt werden manchmal zwei Zitate aus der Bibel einander gegenübergestellt: Das „rachsüchtige Alte Testament“ auf der einen Seite und der „einfältig-weltfremde Pazifisten-Jesus“ auf der anderen. Aber diese vereinfachende Gegenüberstellung ist falsch und gefährlich, den sie bedient das Klischee vom rachsüchtigen Judentum.
Jesus stellt sich nicht gegen die Gebote der jüdischen Bibel, die wir Altes Testament nennen – im Gegenteil: Er will sie uneingeschränkt zur Geltung bringen. Das sagt er deutlich am Anfang dieses Kapitels mit der Auslegung von Geboten: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz … aufzulösen; ich bin gekommen …[es] zu erfüllen.
In einer Zeit, in der Antisemitismus und Judenfeindlichkeit wieder salonfähig zu werden scheinen, möchte ich an der Stelle etwas genauer hinschauen. Gegen wen wendet sich Jesus hier? Oder besser gesagt: Gegen wen wendet sich der Evangelist Matthäus mit dem, was er Jesus hier in den Mund legt?
Ihr habt gehört, das gesagt ist … So beginnen die beiden Abschnitte, die heute Predigttext sind. Davor stehen mehrere Abschnitte zu anderen Geboten, die genauso beginnen: Ihr habt gehört, das gesagt ist. Diese Einleitung ist sehr bewusst gewählt. Es könnte ja auch heißen „In der Schrift steht“; aber es heißt Ihr habt gehört, dass gesagt ist … Jesus zitiert nicht die Gebote, sondern eine Auslegung der Gebote. Ihr habt gehört – d.h. „man hat Euch gesagt“ / „man hat Euch die Gebote so erklärt“. Das ich [aber] sage euch aus dem Mund Jesu richtet sich nicht gegen die Gebote, sondern gegen eine in falsche Auslegung der Gebote.
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Die erste Satzhälfte steht in der Bibel: Du sollst deinen Nächsten lieben. Genauer gesagt steht da: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Vom Hass auf die Feinde ist überhaupt keine Rede. Und auch sonst gibt es in der jüdischen Bibel, die wir Altes Testament nennen, keinen Auftrag Gottes, die Feinde zu hassen. Geboten wird nur die Nächstenliebe – ohne genauere Angabe, wer der oder die Nächste ist. Und das bedeutet doch: Jede und jeder kann zum Nächten werden. Davon ist niemand ausgeschlossen.
Matthäus wendet sich gegen Leute, die die Reichweite der Nächstenliebe einschränken und sagen: „Es genügt, wenn Ihr Eure eigene Familie und Eure Nachbarn liebt und die Leute aus Eurer eigenen Gemeinde, die Angehörigen Eurer eigenen Religion, Eure Parteifreunde. Bei den anderen kommt es nicht so genau drauf an. Die zu lieben wäre zu viel verlangt. Die lasst mal getrost außen vor“.
Damit wird die Liebe auf die Liebenswürdigen begrenzt. Alle anderen bleiben davon ausgeschlossen. Gegen diese Botschaft von Bibelverdrehern wehrt sich Matthäus. Er weiß, dass Jesus so eine Begrenzung der Nächstenliebe nicht akzeptiert – und er weiß, dass schon das Alte Testament diese Nächstenliebe predigt, die keine Grenzen kennt. Aber im Umfeld des Evangelisten Matthäus gab es Leute, die die Gebote nach eigenem Gutdünken zurechtlegen – und die gibt es auch noch heute. Ihr habt gehört, dass gesagt ist. Mit anderen Worten: „Ihr habt diese Leute gehört. Sie haben Euch die Gebote auf ihre Weise erklärt: Deinen Nächsten sollst Du lieben, bei Deinem Feind ist das egal. Den kannst Du getrost hassen“.
Da ist der Sinn der Gebote Gottes verfehlt. Sie werden ausgehöhlt. Dagegen wehrt sich (der) Jesus (des Matthäusevangeliums): „Wenn Ihr nur mit denen anständig umgeht, die zur Eurer Clique oder zu Eurer Familie gehören, dann ist das nichts Besonderes. Wenn Ihr nur die akzeptiert, die nie Fehler machen und keine Schwächen haben, dann ist das keine Kunst. Wenn Ihr nur die mit Respekt behandelt, die Euch sympathisch sind, dann bringt uns das noch nicht weiter. Wenn Ihr die Nächstenliebe auf die beschränkt, denen Ihr auf der Gefühlsebene nahe seid, dann habt Ihr von der Nächstenliebe noch nicht viel verstanden“.
Nächstenliebe ist nicht so sehr ein Frage des Gefühls. Gefühle kann man nicht gebieten. Aber Jesus sagt ja nicht: „Mögt Eure Feinde“ oder „findet Eure Feinde nett“. Das wäre in der Tat absurd. („Liebt Eure Feinde“ bedeutet auch „Feindschaften wollen gepflegt werden“). Nächstenliebe bedeutet: „Die Menschen, die Dir begegnen, sollst Du so behandeln, wie Du es Dir auch von Ihnen wünschst. Respektiere sie. Gestehe ihnen dasselbe Recht zu wie Dir selbst. Gebiete ihnen Einhalt, wenn sie sich falsch verhalten oder übergriffig. Versage ihnen nicht Deine Hilfe, wenn sie in Schwierigkeiten stecken.“ Oder vielleicht auch: „Gehe ihnen lieber aus dem Weg, wenn Du nicht anständig mit ihnen umgehen kannst.“
Es geht um ein vernünftiges Miteinander, zu dem es auch gehören kann, über den eigenen Schatten zu springen. Damit zieht Jesus die Linie weiter, die schon in der Schrift angelegt ist. Bei dem Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ging es um die Frage, welche Strafe in einem Rechtsstreit angemessen ist. Die verhängte Strafe für ein Vergehen soll nicht höher ausfallen als das, was der Straftäter getan hat: Eben nicht dem Dieb die Hand abhacken oder dem Lügner die Zunge herausschneiden. Schon das war ein Versuch, den Kreislauf der Gewalt zu begrenzen und die Spirale des „immer-noch-eins-mehr-draufschlagens“ zu unterbrechen.
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Zur Zeit des Matthäus gab es offenbar Leute, die sagten: „Lass Dir nichts gefallen. Wenn Dir einer Unrecht tut, dann zahl‘ es ihm heim. Wenn Dir einer blöd kommt, dann zahle es ihm mit gleicher Münze zurück“. Solche Leute gibt es ja heute auch noch. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen.
Zwei Gedanken dazu:
1) Jesus schreitet dagegen ein, dass Menschen das Recht in die eigenen Hände nehmen. Strafe als „Vergeltung“ von Unrecht ist keine Privatangelegenheit. Da kommt nie etwas Gescheites bei raus: Nicht bei der Rangelei auf dem Schulhof – „der hat aber angefangen“; nicht beim Streit unter Nachbarn, wenn die Hecke über den Zaun wächst oder der Müll in der Einfahrt landet; und auch nicht bei allen anderen Formen von Selbstjustiz.
2) Auge um Auge, Zahn um Zahn – aber nicht mehr. Die Angemessenheit der Reaktion ist auch im Handeln von Staaten ein vernünftiger Grundsatz. Die Vergeltung darf nicht größer ausfallen als der vorausgegangene Angriff. „Jüdinnen und Juden zu töten ist kein Widerstandskampf, Zivilisten zu bombardieren ist keine Selbstverteidigung“ (Max Czollek). Grenzüberschreitende Menschlichkeit und Friedensverhandlungen sind nicht nur ein Gebot Gottes, sondern schon ein Gebot der Vernunft; im Krieg gibt es nämlich (außer ein paar Profiteuren wie Rüstungsherstellern und Waffenhändlern und vielleicht noch denen, die meinen, damit ihre Macht zu sichern) keine Gewinner, sondern nur Verlierer.
