Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 27. Oktober 2024,
über Micha 6,1-8 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Micha 6,1-8
1Hört doch, was der Herr sagt: »Mach dich auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, auf dass die Hügel deine Stimme hören!«

2Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des Herrn, ihr starken Grundfesten der Erde; denn der Herr will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen! 3»Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir! 4Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam. 5Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit du erkennst, wie der Herr dir alles Gute getan hat.«

6»Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen, mit einjährigen Kälbern? 7Wird wohl der Herr Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

8Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.


Liebe Gemeinde!

„Womit habe ich das verdient? Was habe ich denn falsch gemacht, dass Gott mich so straft?“ Wenn etwas schwer zu Ertragendes passiert ist, dann hadern wir manchmal mit Gott. Vielleicht schütten wir auch bei jemandem unser Herz aus und bitten um Unterstützung: „Kannst Du mir sagen, was Gott sich da gedacht hat?“

Manchmal hadert Gott aber auch mit den Menschen. Darum geht es in dem Abschnitt aus dem Buch des Propheten Micha, der heute Predigttext ist. Ich werde diesen Text Stück für Stück entlanggehen.

Mein Volk, was habe ich dir getan und womit habe ich dich ermüdet? Antworte mir! Das ist das erste, was der hadernde Gott seinem Volk durch den Propheten Micha zurufen lässt. Dann wird daran erinnert, was Gott in der Vergangenheit für dieses Volk getan hat: Ich habe dich heraufgeführt aus dem Land Ägypten; aus dem Haus der Sklaverei habe ich dich losgekauft, ich habe vor dir hergeschickt Mose, Aaron und Mirjam. Diese 3 Namen sind mit der Befreiung aus Ägypten verbunden. Miriam hat jubelnd getanzt, als sie dann auch das Heer der Ägypter am Schilfmeer endgültig hinter sich gelassen hatten. Das eigenständige Leben des Volkes ist mit dieser Befreiung durch Gott untrennbar verbunden.

Aber es ging noch weiter. Gott hatte dem Volk ein Land versprochen, in dem es ihm gut gehen soll – das „gelobte Land“, in dem Milch und Honig fließt. Auf dem Weg dorthin gab es einige Hindernisse – die Moabiter zum Beispiel mit ihrem König Balak. Der wollte die Israeliten gerne wieder loswerden. Heute würde manche das vermutlich „Remigration“ dazu sagen. Jedenfalls engagiert Balak einen Mann, der offenbar über magische Kräfte oder spirituelle Fähigkeiten verfügte. Sein Name war Bileam. Der soll die Israeliten verfluchen, damit sie geschwächt werden und König Balak sie vertreiben kann. Gott schickt einen Engel. Der stellt sich Bileam in den Weg, um genau das zu verhindern. Ergebnis: Bileam kann die Israeliten nicht verfluchen – im Gegenteil: Er spricht sogar einen Segen, weil Gott das so will. Sage mir, mein Volk: Habe ich dich damit ermüdet? Bist Du etwa meiner Hilfe überdrüssig?

Vermutlich wird hier nicht das ganze Volk angesprochen sondern die Führenden und Verantwortlichen des Volkes. Sie werden daran erinnert, dass sie Gott trotz dieser Hilfe im Lauf der Zeit vergessen und andere Götter angebetet hatten. Aber Gott hat sich an das Versprechen gehalten. Das Volk kommt in das versprochene Land. Erinnert euch daran, wie Gott euch alles Gute getan hat. So weit die Anklage Gottes.

Und dann folgt die Antwort. Der Prophet Micha legt dem Volk in den Mund, wie seine Führungselite wohl auf Gottes Anklage reagieren würde. Vielleicht hat er das oder Ähnliches auch schon häufiger gehört. Vermutlich würden sie Einsicht bekunden und zugeben, dass sie in Gottes Schuld stehen. Da legt sich die Frage nahe, wie sie das wieder gut machen können. Weil die Schuld so groß und weil Gott noch viel größer ist, fallen auch die Vorschläge zur Wiedergutmachung groß aus: Womit soll ich Gott entgegentreten, mich beugen vor Gott in der Höhe?  Soll ich Gott entgegentreten mit Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Hat Gott Wohlgefallen an Tausenden von Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich mein erstgeborenes Kind für meine Verfehlung geben, die Frucht meines Leibes für mein sündiges Leben? Was können wir tun, damit Gott uns vergibt? Wie hoch ist der Preis, den wir zahlen müssen, damit wir gut genug sind für Gott? Wird Gott zufrieden sein, wenn wir das Wertvollste opfern, was wir haben?

Die Opferbereitschaft wirkt echt. Da verzweifelt jemand daran, Gottes Ansprüchen nicht genügen zu können. Ganz unbegründet ist diese Sorge nicht: Gott würde kaum mit dem Volk hadern, wenn es keinen Grund zur Klage gäbe. Und doch geht der Versuch, Gott zu besänftigen, in die falsche Richtung. Da hat sich jemand ein falsches Bild von Gott gemacht – als wäre Gott nur dann zufrieden, wenn Menschen das Wertvollste opfern, was sie haben: Opfertiere in großer Zahl oder sogar das eigene Kind.

Wer solche Opfer anbietet, erkennt die eigene Schuld an, keine Frage. Aber dieses Angebot zeigt auch, dass da jemand ganz gewaltig auf dem Holzweg ist: Gott verlangt keine Opfer als Genugtuung für begangene Fehler. Gottes Erwartung ist eine andere. Sie steht im letzten (und bekanntesten) Vers dieses Abschnittes: Gott hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts anderes als Recht tun und Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.

Das ist keine Kleinigkeit und nicht so einfach zu erfüllen. Aber klar ist: Gott erwartet keine Opfer. Gott will das Gute für die Menschen. Deshalb sollen die Menschen das tun, was zum Guten dient. Dreierlei ist gefordert:

1.) Recht tun. Das kann von jeder und jedem erwartet werden. Das waren für jüdische Ohren zur Zeit des Micha die Weisungen der Tora, für uns als Bürgerinnen und Bürger eines Rechtsstaates sind das die Gesetze. Die gelten für alle, unabhängig von allen Unterschieden. Aber die unterschiedlichen Möglichkeiten der Menschen führen zu unterschiedlichen Verantwortlichkeiten. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Artikel 14 des Grundgesetzes. Das gilt unabhängig vom Glauben für alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Und es leitet schon über zum zweiten.

2.) Güte lieben. Güte geht über Gesetzestreue und Pflichterfüllung hinaus. Güte ist mehr als das, was man von allen erwarten kann. Aber das Miteinander lebt davon, dass wir nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ leisten und nicht nur das tun, was nach dem Gesetz von uns eingefordert werden kann. Wer ein Gespür dafür hat, dass er nicht alleine auf dieser Welt ist sondern als Teil einer Gemeinschaft, der wird versuchen gemeinschaftsbezogen und solidarisch zu leben. Das bedeutet Güte lieben.

3.) Das dritte geht noch einen Schritt weiter: Besonnen mitgehen mit deinem Gott. Das stellt das bisher Gesagte in einen weiteren Horizont: Meine eine eigenen Neigungen und Wünsche sind nicht die höchste Instanz. Gott will das Gute für die Menschen. Dazu sind uns die Gebote gegeben. Niemand geht seinen Weg alleine. Gott geht mit uns auf unserem Weg – wie damals beim Volk Israel. Und andere Menschen sind mit uns unterwegs. Mit ihnen und mit Gott gehen wir unseren Weg. Dafür muss sich niemand klein machen – deshalb ist die Wortwahl in Luthers Übersetzung unglücklich: Demütig sein vor deinem Gott. Es geht darum, mich selbst in diesem weiteren Horizont zu sehen – mich und die Menschen um mich herum. Dafür ist Besonnenheit gefragt. Manchmal auch aufrüttelnde, deutliche Worte, wie Gott sie hier durch Micha ausrichten lässt, weil das Volk ermüdet wirkt; vielleicht auch einige Male verpennt hat, das Richtige zu tun. Dafür ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts anderes als Recht tun und Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.

symbol back to top