Predigt am 2. Advent, 8. Dezember 2024,
über Jesaja 35,3-10 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Jesaja 35,3-10
3Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«
5Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
7Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
9Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
10Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
Liebe Gemeinde!
„Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ Dieser Buchtitel von Joachim Meyerhoff (verfilmt 2023) passt zur Vision aus dem Jesajabuch:
Dass die Schöpfung „sehr gut“ sei – das ist von Anfang an Gottes Plan. Aber von Anfang an gab es die Wüsten und Einöden, in denen kein Leben möglich war – und das nicht erst, seit Menschen mit der Industrialisierung in großem Stil in das ökologische Gleichgewicht eingegriffen und eine dramatische Veränderung des Klimas verursacht haben. Es gab schon immer die Beeinträchtigungen des Lebens, es gab Leid und Schmerz und Tod. Und es gibt all das bis heute. Aber Jesaja ist davon überzeugt: „Die Welt – so wie sie ist – kann noch nicht alles sein. Gott hat mehr mit ihr vor. Ihre Vollendung steht noch aus.
Jesaja malt die paradiesische Zukunft der Welt in lebensfrohen Bildern. In den Wüsten wird es Wasser geben, dürres Land wird fruchtbar sein, in der Steppe werden blühende Landschaften entstehen. Blinde werden all das sehen können und Taube hören die Geräusche des Lebens um sie herum. Der Lahme wird springen wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. Fragt sich nur: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war? Und: Was können wir dafür tun, dass es möglichst bald so wird?
Ich werde auf das, was wir zu tun haben, gleich zurückkommen; aber vor allem sind wir gut beraten zu erkennen und einzusehen, was nicht unsere Aufgabe ist und was nicht in unserer Hand liegt. Mitten in dieser schier atemberaubenden Vision steht der sehr ungemütlich klingende Satz: Gott … kommt zur Rache. Man könnte darin eine Steilvorlage für Hassprediger sehen, die gerne die Angst schüren; aber das Gegenteil ist der Fall. Der Zusammenhang macht das deutlich: Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Diese Rache Gottes ist etwas völlig anderes als eine Blutfehde oder ein adrenalingesteuertes Heimzahlenwollen. Eigentlich müssten wir ein anderes Wort verwenden. „Ausgleichende Gerechtigkeit“ würde es vielleicht eher treffen: Gott kommt und hilft denen zu ihrem Recht, die unterdrückt oder ihrer Rechte beraubt wurden. Dazu gehört auch ein strafendes Handeln an denen, die die Rechte anderer einschränken – aber diese Strafe liegt in Gottes Hand und nicht unserer. Gott kommt zur Rache.
Bewässerungsprojekte für Wüstengegenden mit immer größeren Staudämmen, Medizinische Hilfsmittel für Menschen mit Seh-, Hör- oder Sprachbehinderung, künstliche Knie- und Hüftgelenke und Mittel gegen Arthrose, die dann sogar eine Teilnahme an den olympischen Spielen erlauben – was gut und lebensförderlich gemeint ist, kann doch auch in krankhaften Größenwahn ausarten. Menschen stoßen dann eben doch an ihre Grenzen: Die deutschen Stauseen haben bereits jetzt ein Viertel ihrer Kapazität eingebüßt, weil sich durch die verlangsamte Fließgeschwindigkeit große Mengen der im Wasser mitgeführten Teilchen am Boden ablagern. Die nach dem Ende der DDR 1990 erhofften „blühenden Landschaften“ sind in der Form nicht entstanden. Die gestiegene Lebenserwartung – erst einmal ein Indiz für eine bessere Lebensqualität – hat auch ihre Schattenseite. Elke Heidenreich hat das treffend auf den Punkt gebracht: „Man kann durch eine immer raffiniertere Medizin vielleicht das Leben immer weiter verlängern, aber sind wir nicht letztlich arm an Möglichkeiten, diesem verlängerten Leben noch einen Sinn zu geben?“
Nicht immer kommt etwas Gutes heraus, wenn wir versuchen, mit technischen Möglichkeiten das Leben zu verbessern. Was könnten wir wohl erreichen, wenn wir denselben Eifer und dieselben Ressourcen einsetzen würden, um den menschlichen Umgang miteinander zu verbessern?! Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht!“
Das ist die Aufgabe, die uns von Gott zugewiesen ist: Entkräftete und Ermüdete stärken; Schwankende stützen; Verzweifelten in ihrer Angst beistehen; denen, die sich nichts zutrauen, Mut zusprechen; Lebenskräfte wecken.
Wenn jemand eine Vase töpfern will, dann legt er dafür einen Klumpen Ton auf die Töpferscheibe. Für den, der zusieht, ist das einfach nur ein Klumpen Ton – unförmig, Rohmaterial, nichts Besonderes.
Der Töpfer weiß aber schon, was daraus werden soll. Er sieht schon die Vase, die aus diesem Klumpen geformt werden soll. Sein inneres Auge sieht schon die Form, die für unsere Augen noch verborgen ist.
Die Vision des Jesaja lässt uns einen Blick werfen auf die Form, die Gott der Schöpfung geben will. Sie ist eine Navigationshilfe und zeigt die Richtung an, in die es gehen soll: Am Ziel werden wir dann sein, wenn das Recht des Stärkeren nicht mehr gilt. Die großen Tiere fressen nicht mehr die kleinen auf. Stärkere Völker nehmen den schwächeren nicht auch noch das wenige weg, was sie haben. Die Angst ist gewichen – die Angst vor Unterdrückung und Gewalt, die Angst zu kurz zu kommen oder nicht genug zum Leben zu haben, auch die Angst vor der eigenen Endlichkeit. Schmerz und Seufzen wird entfliehen. Keine menschliche Anstrengung kann sie beseitigen. Gott wird dafür sorgen, dass sie verschwinden. Und Gott schafft Gerechtigkeit für Benachteiligte: Teilhabe für Menschen, die wegen ihrer Behinderung nicht am Leben teilnehmen können.
Jesaja nährt die Hoffnung auf einen Frieden, den es so noch nie gab – und der doch der Welt als Ziel eingepflanzt ist. Diese Hoffnung ist kein naiver Optimismus, der sich einredet, dass alles besser wird (so wie der abgestumpfte Pessimismus behauptet, dass früher alles besser war). Sie ist auch nicht zu verwechseln mit begründeten Erfolgsaussichten oder einer Gewinnerwartung, die dann je nach Quartalszahlen nach oben oder nach unten korrigiert wird. Eine Frau aus Russland wurde neulich zitiert mit den Worten: „Wir hoffen. Wie hoffen immer, auch wenn es nicht besser wird.“ Ich könnte auch sagen: Wir hoffen nicht, weil die Welt so ist, wie sie sein soll, sondern damit sie so wird, wie sie sein soll.
Solche Hoffnung ist eine heilsame Unruhe, die sich gegen Gegebenheiten fröhlich und mutig zur Wehr setzt. Sie pflanzt die Lust am Leben ins Herz. Sie lässt den, der nichts zu lachen hat, ein Lied anstimmen – vielleicht sogar ein fröhliches Lied. Sie lässt die Kraft für den nächsten Tag erwachsen.
Gott lässt uns die Welt schon als die sehen, die sie werden soll. Wir gehen auf sie zu – vielleicht nur in kleinen Schritten aber geleitet von der Hoffnung, dass Gott uns ins Leben führt. Darum seid getrost, fürchtet euch nicht! Gott kommt und wird euch helfen.
