Predigt an Silvester, 31. Dezember 2024,
über Jesaja 51,4-6 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Jesaja 51,4-6
4Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. 5Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. 6Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.
Liebe Gemeinde!
Als der Perserkönig Kyrus Babylon erobert und die Vormachtstellung der Babylonier beendet hat, da war das ein Wendepunkt der Geschichte. Da wurde die (damals bekannte) Welt neu geordnet. Das größenwahnsinnig gewordene Babylon wurde von den Persern gedemütigt und besiegt. „Kein menschlicher Größenwahn ist immun dagegen, irgendwann im Dreck zu landen“ (GPM S.72).
Saddat ist ein Beispiel dafür. Bei Putin ist von einem Ende noch nichts zu sehen; noch manch anderer sitzt ebenfalls fest im Sattel. Trump fängt demnächst erst wieder neu an; aber das Ende seiner Amtszeit ist schon absehbar. Die Erde wird wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie die Mücken dahinsterben. Für den Propheten hatte der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen etwas Tröstliches, weil ihr auch die Tyrannen nicht entgehen werden.
Alles Irdische wird einmal vergehen. Dazu gehören auch Sonne, Mond und Sterne. Auch die Sonne wird irgendwann aufhören zu brennen und kein Licht und keine Wärme mehr verbreiten. Schätzungen zufolge bleiben ihr nach 5-6 Milliarden Jahre. Dann ist Schluss.
Zugegeben: Das bleibt etwas abstrakt – sowohl der Zeitraum, der der Sonne noch bleibt, als auch die Einsicht, dass selbst Tyrannen einmal sterben. Das allein ist aber auch nicht die ganze Hoffnung des Propheten. Er setzt noch etwas dazu: Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Es braucht einen zweifachen Blick. Das Irdische hier unten auf der Erde wird vergehen, aber – so verspricht Gott – mein Heil bleibt ewiglich und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen. Darauf setzt der Prophet seine Hoffnung: Von Gott wird Weisung ausgehen. Gottes Recht wird zum Licht der Völker. Von Gott kommen Gerechtigkeit und Heil für die Völker.
Das Vergängliche können wir sehen; es ist offensichtlich. Deshalb meinen wir nur zu oft, dass das alles sei und dass es immer so bleibt. Der Prophet macht das Bleibende stark, das wir jetzt noch nicht sehen können. Es wird Bestand haben. Das ist, was am Ende zählt. Hebt eure Augen auf gen Himmel. Von dort erhaltet Ihr Weisung. Haltet fest am Recht und an der Gerechtigkeit. Gebt nicht auf. Haltet gegen alles Bestehende und übermächtig Erscheinende fest am Glauben an Gottes Friedensordnung.
Es braucht Menschen, die sich vom Offensichtlichen nicht abhalten lassen, an das Recht und die Gerechtigkeit zu glauben und an das Heil, das Gott den Völkern zugedacht hat. Es braucht Menschen, die an Gottes Friedensordnung glauben; eine Friedensordnung, die für alle Menschen gilt und doch nicht von dieser Welt ist. Es braucht Menschen, die dafür an der richtigen Stelle den Mund aufmachen – so wie die Fußballfans in Essen am Samstag vor einer Woche. Vor dem Anpfiff wurde dort wie in vielen Stadien mit einer Schweigeminute der Getöteten und Verletzten in Magdeburg gedacht. Mitten in diese Stille hinein rief ein Mann „Deutschland den Deutschen“. Viele Fans im Stadion reagierten umgehend mit „Nazis-raus“-Sprechchören. Der Mann wurde des Stadions verwiesen und erhielt eine Anzeige wegen Volksverhetzung. Wer Hass schürt, steht ebenso wenig auf der Seite der Gerechtigkeit wie der, der andere verletzt oder gar tötet. Hebt eure Augen auf gen Himmel. Von dort erhaltet Ihr Weisung. Haltet fest am Recht und an der Gerechtigkeit.
Am Ende eines Kalenderjahres halten wir an vielen Stellen Rückblick. Aus dem Weltgeschehen bleiben uns bedrückende Bilder in Erinnerung. Der persönliche Jahresrückblick enthält daneben aber auch anderes. Ich denke: Wir tun gut daran, uns auch das in Erinnerung zu rufen, was nicht in offiziellen Jahresrückblicken erscheint. Manches schmerzt beim Gedanken daran; anderes können wir gut und gerne als vergangen ansehen; und für wieder anderes sind wir nach wie vor dankbar.
Überwiegend dankbar will ich uns ein paar Dinge in Erinnerung rufen aus dem Leben unserer Gemeinde im Jahr 2024:
Im Januar und Februar haben wir zum ersten Mal Winterkirche im Gemeindesaal gefeiert – und werden das künftig wieder so halten: Abschied von der Kirche auf Zeit, weil das Ressourcen und auch Kosten spart, weniger Schaden anrichtet und darüber hinaus andere Gottesdiensterfahrungen machen lässt.
Im Februar hat uns Johannes Blomenkamp bei „Heiter bis rauschend“ die wahre Geschichte von Bachs Toccata nahegebracht.
Im April gab es den bisher letzten Feier-Abend zum Thema „Grenzen achten“ – über die Frage, was wir zum Schutz vor sexualisiert Gewalt tun können. Mit der zurückgehenden Resonanz stellt sich die Frage nach der Vergänglichkeit dieser Form von Gottesdienst. Noch ist die Antwort nicht gegeben.
Im Juni strömten Scharen zu SIMSA und haben begeistert mitgesungen – Kirchenlieder ebenso wie „Über den Wolken“ oder „Hey Pippi Langstrumpf“.
Mit den Kindern unserer Kindergärten haben wir einen Familiengottesdienst zum Thema „Schöpfung“ gefeiert. Die Bilder an der Empore haben uns noch eine ganze Weile begleitet.
Mit einem Gottesdienst haben wir die Ausstellung „gesichtslos“ eröffnet. Das Thema „Prostitution“ und die damit verbundene Not sind uns dabei bewusst geworden.
Im Herbst sind wir als Region etwas näher zusammengerückt: Wir haben zusammen mit den Bergdörfern einen Konfirmandentag durchgeführt und Älteste aus allen Gemeinden haben über die künftige Zusammenarbeit beraten. Klima und Stimmung waren gut – nicht nur wegen und nicht erst bei der anschließenden Weinprobe.
An Erntdedank haben wir „5 Jahre Baraka“ gefeiert, im Februar und März wird es wieder Gottesdienste mit Band geben.
Viele Menschen haben am Totensonntag die berührende Aufführung des Requiems von Brahms miterlebt.
Kräftig gesungen wurde dann noch einmal beim Singalong und beim Weihnachtslieder-Singen bei Kerzenschein.
Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Lassen wir das Vergangene und das Vergängliche hinter uns – ob wehmütig oder dankbar. Werden wir wachsam für das was bleibt und neugierig auf das, was aus Gottes Hand kommt an Weisung und Heil und Recht zum Licht der Völker.
