Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 12. Januar 2025,
über Römer 12,1-8 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Römer 12,1-8
1Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
3Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.
4Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
5so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.
6Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß.
7Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.
8Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.
Liebe Gemeinde!
Am sonntäglichen Frühstückstisch kommt die Frage auf: „Was wollen wir heute unternehmen?“ Nach kurzem Grübeln kommt der Vorschlag: „Lasst uns heute einmal in eine Kirche gehen, in der ein vernünftiger Gottesdienst gefeiert wird“. „Super Idee“ sagen alle – aber was stellen sie sich darunter vor – die Oma, der Vater, die Konfirmandin? Meinen da alle dasselbe?
Einen gediegenen Gottesdienst mit klassischer Musik und ausgefeilter Liturgie? Oder einen mit moderner Musik (von Taylor Swift oder wem auch immer)? Soll die Atmosphäre besinnlich-meditativ sein oder eher lebendig und mit Action? Zum Wohlfühlen oder eher ernst? Soll die Predigt biblische Texte auslegen oder praktische Vorschläge liefern, wie man ein zufriedenes Leben führen, den Weltfrieden erreichen und das Klima retten kann?
Was stellen sich die Oma, der Vater, die Konfirmandin vor, wenn sie sagen: „Ich würde gerne in eine Kirche gehen, in der ein vernünftiger Gottesdienst gefeiert wird“? Was stellen Sie / was stellt Ihr Euch darunter vor?
Paulus hat sich zu dazu geäußert, was nach seiner Ansicht ein vernünftiger Gottesdienst ist. Er schreibt an die Gemeinde in Rom: Ich ermahne euch …, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig, und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Hier geht es nicht um den Gottesdienst als besondere Versammlung, in der wir singen und beten und auf Worte der Bibel hören. Als vernünftigen Gottesdienst bezeichnet Paulus, dass wir in unserem Alltag nach Gottes Willen leben. Wenn Frömmigkeit und alltägliches Leben nicht auseinander fallen, sondern eins sind, das ist vernünftiger Gottesdienst. „Wir gehören zu Gott“, sagt Paulus, „und deshalb sollen wir auch entsprechend leben“ – mit Leib und Seele.
Es geht ihm also weniger um eine liturgische Feier als vielmehr um das handfeste, greifbare Leben. Das soll Gott wohlgefällig sein. Wir sollen unser Leben so gestalten, dass Gott seine Freude daran hat.
In diesem Zusammenhang steht der leicht missverständliche Rat: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Auch da kann einem Unterschiedliches einfallen:
Weil diese Welt so böse und schlecht ist, kann man nur im Kloster Gott wohlgefällig leben – oder bei den Amish people in den USA, bei denen Elektrizität und Fotografieren als Technologien dieser Welt verpönt oder sogar verboten sind. Also von allen weltlichen Einflüssen der modernen Welt abgeschottet leben?
Manchmal sagen Menschen: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“. Heißt Stellt euch nicht dieser Welt gleich also „Finger weg von der Politik“? Rückzug ins Private und „die da oben“ machen lassen?
Wie immer hilft es auch hier, genau zu lesen: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Es geht um den Blick auf das Leben. Die Sinne sollen geschärft werden. Erst danach und dadurch wird es möglich zu prüfen, was Gottes Wille ist.
Lasst Euch von Gott die Sinne dafür schärfen, welche Gaben euch anvertraut sind. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Das unterscheidet die Perspektive eines gläubigen Menschen von der Perspektive dieser Welt: Alles Wesentliche im Leben ist uns geschenkt, von Gott anvertraut. Das Leben und all die Fähigkeiten und Möglichkeiten, die wir haben, sind anvertraute Gaben. Dafür, dass wir leben, haben wir selbst rein gar nichts getan. Dafür, dass wir in einem Land leben, in dem im weltweiten Vergleich privilegierte Verhältnisse herrschen, haben die meisten von uns erst einmal gar nichts selbst getan. Die meisten von uns wurden eben hier geboren und sind hier aufgewachsen. Das ist kein Grund, mir etwas darauf einzubilden oder mich für etwas Besseres zu halten (niemand halte mehr von sich, als sich‘s gebührt).
Aus den anvertrauten Gaben erwächst eine Verantwortung: Das beginnt damit, dass ich diese Gaben dankbar anerkenne. Und es geht weiter, indem wir sie einzusetzen als Glieder an dem einem Leib. Dafür haben wir uns vor Gott zu verantworten, der uns diese Gaben anvertraut hat.
Dazu gehört auch die Gabe, prüfen zu können, was Gottes Wille ist. Dazu hat Gott uns ein Gewissen und einen Verstand gegeben. Damit können wir uns unsere eigenen Gedanken machen und unser eigenes Urteil bilden. Da ist jede und jeder für sich selbst die erste Baustelle. Paulus schreibt ändert euch. Er schreibt nicht „ändert die anderen“. Was ich tun kann, das soll ich tun. Meine Möglichkeiten soll ich wahrnehmen.
Das Bild von dem einen Leib mit den vielen Gliedern ist da immer wieder zutreffend: Nicht alle haben dieselben Möglichkeiten, aber alle gehören auf ihre Weise dazu. Auch wer (scheinbar oder tatsächlich) nur wenig bewegen kann, soll diesen kleinen Beitrag wertschätzen und mutig auch kleine Schritte gehen, so wie wir das vorhin gesungen haben: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben bestehn“.
Ich alleine kann nicht die ganze Welt retten. Das ist aber kein Grund, den ersten kleinen Schritt nicht zu tun. Kleine Schritte zu gehen bringt allemal weiter, als große Schritte nicht zu gehen. Kein Schritt ist zu klein, als dass er es nicht wert wäre, gegangen zu werden.
Beppo Straßenkehrer in Michael Endes „Momo“ (S.36-37) wird gefragt, wie er es schafft, beim Straßenfegen so ruhig und freundlich zu bleiben. Seine Antwort: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen. … Dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. … Und man strengt sich noch mehr, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. … Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken … Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer nur an den nächsten. … Er hielt inne und überlegte, ehe er hinzufügte: Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“ Und abermals nach einer langen Pause fuhrt er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste“.
Schärft Eure Sinne. Seid dankbar für das, was Euch anvertraut ist. Prüft, was Gottes Wille ist und dann tut mutig und besonnen das, was Euch aufgegeben ist zu tun.
