„Nicht der Gedanke,
sondern die Bereitschaft zur Verantwortung
ist der Ursprung der Tat.“
Predigt am Palmsonntag, 13. April 2025,
Gottesdienst zum Gedenken an Dietrich Bonhoeffer
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
anlässlich des 80. Todestages am 9. April
mit Texten, Gebeten und Liedern von Dietrich Bonhoeffer
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
(Juli 1944) – (aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung, Gütersloh 2010 S. 188)
Wer war Dietrich Bonhoeffer?
Ein paar Daten seines Lebens seien hier genannt:
Am 4. Februar 1906 wurde Bonhoeffer in Breslau geboren.
Sein Theologiestudium führte ihn nach Tübingen, Rom und Berlin.
Schon vor Beginn lag ihm die weltweite Kirche im Blick,
sein Vikariat absolvierte er in Barcelona.
Nach dem 2. Theologischen Examen war er zu einem Studienaufenthalt in New York, wobei ihn die Zeit in den Kirchen Harlems prägte.
Von 1931-33 war er Privatdozent in Berlin, Studentenpfarrer und
Jugendsekretär des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen.
Schon am 1. Februar 1933 äußerte sich Bonhoeffer kritisch in einem Rundfunkbeitrag zum „Führerbegriff“. Prompt wurde die Sendung vom Netz genommen.
Als Pfarrer zweier deutscher Gemeinden arbeitete er von 1933-35 in London, bis er Leiter des Predigerseminars in Zingstdorf und später in Finkenwalde wurde.
In Wuppertal-Barmen gründet sich 1934 die Bekennende Kirche.
1936 entzog man Bonhoeffer die Lehrbefugnis.
1937 wurde das Predigerseminar durch die Gestapo geschlossen.
1938 wurde er aus Berlin ausgewiesen.
Erste Kontakte zum Widerstand ergaben sich.
1939 war er zu Vorträgen in den USA, wo er hätte bleiben können,
doch Bonhoeffer kehrt zurück und schließt sich dem Widerstand an.
Redeverbot und polizeiliche Meldepflicht, Druck- und Öffentlichkeitsverbote sollen ihn mundtot machen, doch das gelang nicht.
Seine vielen ausländischen Kontakte versuchte er für den deutschen Widerstand zu nutzen, Reisen nach Norwegen, Schweden
und in die Schweiz, Kontakte zur englischen Regierung über Bischof Bell brachten aber nicht den Erfolg für den Widerstand.
Die Anschläge um die Gruppe Canaris, Oster und Klaus Bonhoeffer scheitern am 13. und 21. März 1943.
Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer gleichzeitig mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi verhaftet und in das Gefängnis in Berlin-Tegel gebracht.
Die Anklage lautete: „Zersetzung der Wehrkraft“
Am 20. Juli 1944 unternahm Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein weiteres Attentat auf Adolf Hitler, das knapp fehlschlug.
Eine Beteiligung konnte Bonhoeffer zwar nicht nachgewiesen werden,
aber im September 1944 entdeckt die Gestapo die „Zossener Akten“,
in denen Bonhoeffers Widerstandstätigkeit dokumentiert ist.
Die Einlieferung in den Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht- Straße in Berlin folgt.
Am 5. April ordnete Hitler die Hinrichtung aller noch nicht exekutierten „Verschwörer“ an.
Am 7. Februar 1945 wird er in das Konzentrationslager Buchenwald und
am 8. April ins KZ Flossenbürg überführt.
Bonhoeffer ahnte wohl, was geschehen würde und vertraute seinem britischen Mitgefangenen Payne Best einige Worte für seinen Freund Bischof Bell in England an:
„Sagen Sie ihm, dass dies für mich das Ende, aber auch der Anfang ist. Mit ihm glaube ich an das Prinzip unserer universellen christlichen Brüderlichkeit, die über alle nationalen Interessen hinausgeht,…“
Ein nächtliches Standgericht verurteilt ihn.
Am 9. April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer hingerichtet.
Morgengebet von Dietrich Bonhoeffer
(in: Widerstand und Ergebung S. 73 in Auszügen (Teile sind in ELKB S. 1442 EG 841.2 zu finden)
hilf mir beten und meine Gedanken sammeln;
ich kann es nicht allein
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld
ich verstehe deine Wege nicht,
aber du weißt den rechten Weg für mich.
lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.
du warst arm und elend, gefangen und verlassen wie ich.
Du kennst alle Not der Menschen,
du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht
du vergisst mich nicht und suchst mich,
du willst, dass ich dich erkenne und mich zu dir kehre
Herr, ich höre Deinen Ruf und folge.
Hilf mir!
gib mir den Glauben,
der mich vor Verzweiflung und Laster rettet
Gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen,
die allen Hass und alle Bitterkeit vertilgt,
gib mir die Hoffnung,
die mich befreit von Furcht und Verzagtheit.
Lehre mich Jesus Christus erkennen und seinen Willen tun. …
Meine Zeit steht in deinen Händen. …
Schenk mir die Freiheit wieder
und lass mich derzeit so leben,
wie ich es vor dir und vor den Menschen verantworten kann.
Herr, was dieser Tag auch bringt – dein Name sei gelobt. Amen.
Kyrie, guter Gott (In Ängsten die einen) in: ELKB 626
Menschen zu allen Zeiten fragten sich und fragen sich: Wer bin ich und wer bin ich vor Gott? Wie kommt Gott in mein Leben? Wer ist dieser Gott, wer teilt sein Leben mit meinem Leben? Einige Menschen in Jerusalem erahnten es, als Jesus dorthin kam und bereiteten ihm den Weg, andere waren verstört und überlegten, wie sie ihn vernichten könnten.
1Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
4Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.
8Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?
11Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.
Korn, das in die Erde (EG 98,1-3)
Predigt: Christ sein –Auf der Suche nach Gott
Liebe Gemeinde,
„Wer ist der?“ – Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. Wer sind die, die da sonntags in die Kirche gehen, denen der Sonntag wichtig ist? Wer sind die, die sich für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Frieden, für Wahrheit und den Glauben einsetzen? Sind das Menschen, die an mehr als ihr eigenes Wohl denken? Wer ist wann und wodurch ein Christ? Ist man Christ, weil man getauft und dann konfirmiert wurde?Ja und jein oder gar nein. Ja, weil man sich öffentlich zum christlichen Glauben bekennt? Jein oder nein, weil so ein Bekenntnis auch Folgen hat, haben muss. „ Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein;“ heißt es im Jakobusbrief „sonst betrügt ihr euch selbst.
Bonhoeffer beschäftigt sich in all seinem Denken und Handeln genau mit diesem Spannungsfeld, dieser Frage: Was bedeutet es Christ zu sein?
Was heißt es, wenn man sein ganzes Leben Gott widmet und mit seinem Christsein ernst macht? Bonhoeffer verkündet den grenzenlosen Zuspruch Gottes, der den annimmt, der ihn vertraut, dem seine Gnade gilt, so wie er oder sie ist. Aber Bonhoeffer betont auch den Anspruch Gottes, der daraus erwächst, dass wir als Christen verantwortlich handeln müssen und zum Handeln berufen sind.
Er nennt das „teure Gnade“ und meint damit: Das Evangelium ist eine Gabe, um die immer wieder gerungen werden muss.
So schreibt Bonhoeffer (in: Verantwortung und Hingabe, S.9)
„Christ ist der Mensch, der sein Heil, seine Rettung,
seine Gerechtigkeit nicht mehr bei sich selbst sucht,
sondern bei Jesus Christus allein.
Er weiß, Gottes Wort in Jesus Christus spricht ihn schuldig,
auch wenn er nichts von eigener Schuld weiß,
und Gottes Wort in Jesus Christus spricht ihn frei und gerecht,
auch wenn er nichts von eigener Gerechtigkeit fühlt.
Der Christ lebt nicht mehr aus sich selbst,
aus einer eigenen Anklage und seiner eigenen Rechtfertigung,
sondern aus Gottes Anklage und Gottes Rechtfertigung.
Er lebt ganz aus Gottes Wort über ihn,
in der gläubigen Unterwerfung unter Gottes Urteil,
ob es ihn schuldig oder ob es ihn gerecht spricht.
Tod und Leben des Christen liegen nicht in ihm selbst beschlossen,
sondern er findet beides allein in dem Wort,
das von außen auf ihn zukommt, in Gottes Wort an ihn.“
Fragt sich also, welche Worte richtet Gott an uns? Welchen Inhalt haben sie?
Liebe ist nicht nur ein Wort (in: ELKB EG 650,1)
Das Mögliche tun
Das Christsein bestand für Bonhoeffer nicht nur darin, den christlichen Glauben theoretisch zu verstehen, sondern in der konkreten Nachfolge. Und das hieß für ihn, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Tun und Lassen, für das eigene Umfeld und die Gesellschaft, in der wir leben.
Daher wurde sein Widerstand gegen das sich anbahnende NS-Regime und später dann bestehende NS-Regime immer deutlicher und offener. Er unternahm Informations- und Erkundungsreisen ins Ausland. Er überlegte, wie das neue Deutschland nach der Beseitigung Hitlers gesellschaftlich und politisch gestaltet werden könnte. Er berichtete aus seiner Heimat, was geschah, sich anbahnte und schließlich vollzogen wurde. Zerstörungen, Inhaftierungen, Deportationen und schließlich Vernichtung. Doch es braucht auch Ohren und Augen, die hören und sehen und vor allem Menschen, die reagieren.
Die mutig genug sind, aufzustehen, sich zu wehren im Kleinen wie im Großen.
Damals wie heute ist das so. Leicht ist es nie. Konsequenzen hat es immer.
Bonhoeffer erkannte aber, dass die Beseitigung einer Diktatur und ein Wiederaufbau demokratischer, menschenwürdiger Zustände nur von Menschen betrieben werden kann, die sich ihrer Verantwortung bewusst und ihrem Gewissen treu blieben.
Und so erarbeitete er in den letzten Jahren eine Ethik zur Orientierung für das menschliche Handeln als Christ. Denn ihm war bewusst, dass Mord, auch der Tyrannenmord, gegen das Gebot Gottes ist. Aber er sah deutlich, dass er durch gewähren lassen mitschuldig würde. Diese persönliche Verantwortung nahm Bonhoeffer bewusst und in der Freiheit der Tat auf sich.
Die Menschen im Widerstand nahmen Opfer, auch persönliche Opfer auf sich,
für ein größeres Ganzes. Sie setzten sich ein für den Frieden und die Freiheit einer ganzen Gesellschaft, die sich zu großen Teilen verführen hat lassen. Immer wieder galt es dabei zu fragen: Was ist eigentlich zu tun? Was ist Gottes Wille?
Bonhoeffer schreibt dazu: (in: Verantwortung und Hingabe, S. 24)
„Hat uns die Bergpredigt dann wirklich gar nichts Neues zu sagen?
„Neues“ im Sinne einer neuen Forderung nicht, dafür aber etwas ganz anderes.
Der Sinn der gesamten ethischen Gebote Jesu ist vielmehr der,
dem Menschen zu sagen: Du stehst vor dem Angesicht Gottes, Gottes Gnade waltet über dir, du stehst aber zum Anderen in der Welt, musst handeln und wirken, so sei bei deinem Handeln eingedenk, dass du unter Gottes Augen handelst, dass er seinen Willen hat, den er getan haben will. Welcher Art dieser Wille ist, das wird dir der Augenblick sagen; Es gilt nur, sich klar zu sein, dass der eigene Wille jedes Mal in den göttlichen Willen hineingezwungen werden muss, dass der eigene Wille aufgegeben werden muss, wenn der göttliche verwirklicht werden soll und sofern also da völlige persönliche Anspruchslosigkeit des Menschen erforderlich ist im Handeln vor dem Auge Gottes, kann das ethische Handeln des Christen als Liebe bezeichnet werden.
Das aber ist nicht ein neues Prinzip, sondern aus der Stellung des Menschen vor Gott gewonnen. Es gibt für den Christen keine ethischen Prinzipien,
anhand derer er sich versittlichen könnte.
Es gibt immer nur den entscheidenden Augenblick,
und zwar jeden Augenblick, der ethisch wertvoll werden kann.
Aber nie kann das Gestern für mein sittliches Handeln heute entscheidend werden.
Vielmehr muss immer von Neuem die unmittelbare Beziehung
zu Gottes Willen aufgesucht werden
und nicht weil mir gestern etwas gut schien, tue ich es heute wieder, sondern weil mich auch heute der Wille Gottes in diese Bahn weist.“
Situationen können sich ändern, Erfordernisse auch. Was gestern recht und billig erschien, muss heute nicht mehr gut sein. Als Christ lebe ich im hier und jetzt und muss mich täglich neu entscheiden, was ich vor Gott verantworten kann. Nicht einfach mag das sein, aber macht es das nicht gerade auch attraktiv, als Christ in dieser Welt unterwegs zu sein. Denn es bedeutet doch, dass mein Tun zählt, dass meine Entscheidungen von Bedeutung sind, dass ich in Gottes großen Plan eine Rolle spiele!
Freiheit ist nicht nur ein Wort (ELKB EG 650,2)
Nicht Gedanke, sondern Bereitschaft zählt
Bonhoeffer ist realistisch und überfordert nicht, wenn er unser Handeln von der jeweiligen Situation abhängig macht. Es geht nicht darum, das „absolut Gute“ zu verwirklichen, sondern das, was mir möglich ist – eben „ein relativ Besseres dem relativ Schlechteren“ gegenüber vorzuziehen. Diese Herangehensweise überfordert nicht.
Er schreibt:
(in: Verantwortung und Hingabe: S. 27 Nicht…sage. … Das letzte… Handeln.)
„Nicht die Welt aus den Angeln zu heben, sondern am gegebenen Ort das im Blick auf die Wirklichkeit Notwendige zu tun, kann die Aufgabe sein.
Es muss auch dabei noch die Frage nach dem Möglichen gestellt, es kann nicht immer sofort der letzte Schritt getan werden, und verantwortliches Handeln darf nicht blind sein wollen. Das alles muss so sein, weil Gott in Christus Mensch wurde, weil er zum Menschen „Ja“ sagte. …Das letzte Nicht wissen des eigenen Guten und Bösen und damit das Angewiesensein auf Gnade gehört wesentlich zum verantwortlichen geschichtlichen Handeln.“
Hoffnung ist nicht nur ein Wort (ELKB EG 650,3)
Es gilt – Ich bin der Weg, die Wahrheit…
Am 5. April 1943 wurde Dietrich Bonhoeffer mit Hans von Dohnanyi und andere in Berlin verhaftet. Damit endete die aktive Teilnahme am Widerstand. Er nutzte die Zeit in der Zelle und widmete sich theologischen Fragen. Er wollte Rechenschaft ablegen, zu seiner Stellung im Widerstand und seinem Tun. Er schickte viele Briefe illegal an seinen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge. In einem findet sich ein Satz, der deutlich macht, was geht und was nicht geht!
Da heißt es: „Wer gregorianisch singen will, der muss auch für die Juden schreien.“ Und meint damit, als Christ kann ich nicht die Hände in den Schoß legen angesichts von Unrecht und Gewaltherrschaft. Es geht nicht, sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, wenn ich sehe, dass andere mich brauchen können. Ein Christ kann sich nicht in sein Reich zurückziehen, wenn es draußen brennt,
Frömmigkeit allein genügt nicht. Aus Bonhoeffers Sicht hat das nichts mit opfern zu tun, sondern mit Erfüllung.
So schreibt er: (in: Verantwortung und Hingabe S. 36)
„Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann. Dabei kommt es gar nicht auf die Zahl sondern auf die Intensität an. Schließlich sind eben die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben; Daran kann auch der moderne „Leistungsmensch „ nichts ändern, aber auch nicht die Halbgötter oder die Irrsinnigen, die von menschlichen Beziehungen nichts wissen. Gott lässt sich von uns im Menschlichen dienen.
Ich meine demgegenüber hier die schlichte Tatsache, dass die Menschen uns wichtiger im Leben sind als alles andere. Das bedeutet gewiss keine Gering-schätzung der Welt der Dinge und der sachlichen Leistung. Aber was ist mir das schönste Buch oder Bild oder Haus oder Gut gegenüber meiner Frau, meinen Eltern meinem Freund? So kann allerdings nur sprechen, wer wirklich in seinem Leben Menschen gefunden hat.“
Nicht anders formulierte es Jesus gegenüber seinen Jünger immer wieder, wenn er sagt. „Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbat willen“ (Markus 2, 27) „Der Kranke bedarf des Arztes nicht der Gesunde.“ (Lukas 5, 31b)
Es geht nicht darum, was andere von uns womöglich denken könnten, sondern ob wir uns vorstellen können, dass es Gottes Wille ist, das eine Situation so bleibt wie sie ist oder ob wir was ändern können, verbessern können.
Bonhoeffer setzte sich in seinem Leben für andere ein. Er dachte nicht nur an sich selbst, denn locker hätte er sich rechtzeitig ins Ausland absetzen können, doch er blieb, leistete Widerstand auf seine Art. Er vertrat glaubwürdig, worauf er vertraute.
Und blieb dadurch ein bedeutender, protestantischer Theologe seiner Zeit und des Widerstandes. Sein Einsatz, seine Theologie ist heute noch genauso relevant wie damals, weil sie lehrt, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es mir zum Nachteil geraten kann. „Nicht der Gedanke, sondern die Bereitschaft zur Verantwortung ist der Ursprung der Tat.“
Bonhoeffer war der festen Überzeugung:
„Ich glaube, dass mir nichts Sinnloses widerfährt
und dass es für uns alle gut so ist,
wenn es auch unseren Wünschen zuwiderläuft.
Ich sehe in meinem gegenwärtigen Dasein eine Aufgabe
und hoffe nur, dass ich sie erfülle.
Von dem großen Ziel her gesehen sind alle Entbehrungen
und versagten Wünsche geringfügig.
Und ein Ziel hatte Bonhoeffer immer vor Augen oder besser gesagt, das Ziel, auf dass wir in der Passions- und Osterzeit zugehen. .Folgender Ausspruch weist daraufhin: „Es kann nicht verzweifeln, wer Ostern kennt“
Dieser Satz zeugt angesichts der Situation, in der sich Bonhoeffer befand, von großem Vertrauen.
Ideologien sind vergänglich und oft fanatisch, selten dem Leben zugewandt.
Gott aber ist ein Gott des Lebens. Er will, dass wir leben, auch wenn wir eines Tages sterben. „Jeden Tag“ so sagte es Bonhoeffer „Jeden Tag zu nehmen als wäre es der letzte, und doch in Glauben und Verantwortung zu leben, als gäbe es noch eine größere Zukunft.“ Darauf kommt es an. In diesem Sinn gilt es, das Leben immer wieder anzunehmen, es anzugehen, Tag für Tag, mit Blick auf sich und seine Mitmenschen und unter der Gnade Gottes. Dann werden wir uns selbst finden.
Amen.
Von guten Mächten wunderbar geborgen EG 65
(gedichtet 1944 für seine Verlobte Maria von Wedemeyer)
Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern auf ihn allein verlassen.
In solchen Zeiten müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unsere vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten
wartet und antwortet.
Dietrich Bonhoeffer zum Segen:
Segnen heißt:
Die Hand auf etwas legen und sagen:
Du gehörst trotz allem Gott.
So tun wir es mit der Welt,
die uns solches Leid zufügt
Wir verlassen sie nicht.
Wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht,
sondern wir rufen sie zu Gott.
Wir geben ihr Hoffnung,
wir legen die Hand auf sie und sagen:
Gottes Segen komme über dich.
Wir haben Gottes Segen empfangen
im Glück und im Leiden.
Wer aber selbst gesegnet wurde,
der kann nicht mehr anders
als diesen Segen weitergeben,
ja, er muss dort, wo er ist,
ein Segen sein.
Nur aus dem Unmöglichen
kann die Welt erneuert werden,
dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.
(Dietrich Bonhoeffer am 8.6.1944 DBW 8, 675 zit. nach Jochen Arnold, Ralph Kunz, Christine Tergau-Harms Behütet auf dem Weg Sendung und Segen im Kirchenjahr)
