Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juni 2025,
über Johannes 5,39-47 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrerin Susanne Erlecke

Liebe Gemeinde,

was machen Sie, wenn Sie etwas genauer wissen wollen, einer Sache auf den Grund gehen wollen. Früher griff man zum Lexikon. Heute googlen wir alles Mögliche. Und geraten von einer Seite zur nächsten. von einem Link zum anderen. Und rasch ist eine halbe Stunde, Stunde weg. Einfach so, weil hier oder da was Neues aufploppt und mich neugierig macht, mich ablenkt vom Eigentlichen. Google wird heute wahrscheinlich bei den meisten auch zu Rate gezogen, wenn sie in Glaubensfragen unterwegs sind. Früher studierte man dazu die Heiligen Schriften. Man las in der Bibel, suchte sich die passende Stelle.
So wie die Menschen, mit denen Jesus sich in unserem Predigttext auseinandersetzt:
„Ihr sucht in der Schrift“ „ihr erforscht die Heilige Schrift“ – so fängt unser Predigttext an je nach Übersetzung: Luther oder Basisbibel. Jesus spricht zu den Umstehenden: Und macht ihnen klar: Das allein genügt nicht. Mit harschen Worten sagt er ihnen, was er darüber denkt.

Doch hören Sie selbst (Basisbibel): 39Ihr erforscht die Heilige Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge. 40Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um das ewige Leben zu haben. 41Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden. 42Vielmehr kenne ich euch und weiß, dass ihr keine Liebe zu Gott in euch habt. 43Ich bin im Auftrag meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Auftrag kommt, den werdet ihr aufnehmen. 44Wie könnt ihr überhaupt zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer vom anderen geehrt wird! Aber ihr strebt nicht nach der Ehre, die nur der einzige Gott schenkt. 45Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben. Denn von mir hat er geschrieben. 47Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?«

Deutliche  Worte! „Ihr sucht in den Schriften“ (LUTHER). “Ihr erforscht die Heiligen Schriften“ (Basisbibel) Und kapiert doch gar nichts!
„Ihr sucht in den Schriften“
Na immerhin, könnte man doch auch sagen: Sie suchen, sie versuchen eine Antwort, eine Lösung zu finden, auf das, was sie beschäftigt, wonach sie sich sehnen, dem ewigen Leben.
„Ihr sucht in den Schriften“
Ist das bei uns nicht auch so? Was ist daran verwerflich? Wir sind auf der Suche in der Schrift, nach Trost, wenn wir traurig sind, nach Hilfe, wenn wir gefordert werden, nach Ruhe, wenn uns alles zu viel wird, nach Orientierung, wenn wir nicht wissen, wie es weitergehen soll, Entscheidungen im Raum stehen.
„Ihr sucht in den Schriften“ Und wenn ich es gefunden habe, was ich suche,  ist das dann die Formel, die alles zum Besten werden lässt? Das klare Wort, das alles klärt, erklärt? So dass die Suche irgendwie beendet ist? Dass ich habe, was ich brauche: Trost, Hilfe, Ruhe, Orientierung und die Antworten auf unsere zahlreichen Fragen. Glauben wir, dass es das gibt? Gibt es das: Das eine Rezept, den einen wahren Standpunkt, die Antwort auf alle Fragen. Glauben wir, dass unser Suchen vorbei ist, wenn wir gefunden haben, wonach wir suchen? Oder ist es nicht nur ein Zwischenziel, ein Hinweis, den die Bibel mir liefert. Ein Detail vom Ganzen, von mehr, von dem, was meinen Verstand übersteigt. Oder einfach der Beginn einer langen Reise, die Leben heißt! Und mehr in sich birgt und fordert, als meine ersten Erkenntnisse beim Lesen der Schrift vermuten lassen. Denn viel zu oft werden doch plakative Sätze der Bibel aus dem Kontext gerissen, um dies oder das zu behaupten.
Bei manchen Kirchen, auch protestantischen, würde ich hier gar nicht vorne stehen können und predigen, den Gottesdienst mit ihnen gemeinsam feiern dürfen, einfach weil Paulus mal von sich gab:  „Die Frau schweige in der Gemeinde.“
„Ihr sucht in den Heiligen Schriften“
Aber wonach eigentlich, fragt Jesus seine Widersacher, die Gemeinde, vor der er steht. Unser Predigttext wird gerahmt von der Heilung des Gelähmten am Teich Betesda und der Speisung der 5000. In beiden Geschichten stimmt nach Ansicht seiner Mitmenschen das Timing nicht. „Steh auf, nimm dein Bett und geh.“ sagt Jesus zu dem seit 38 Jahren Gelähmten und Ausgestoßenen. Ausgerechnet am Sabbat und die Speisung findet am Passafest statt. Am Sabbat zu heilen, nicht zu ruhen, das geht doch nun wirklich nicht. Es verstößt gegen alle Regeln, die sich doch in den Schriften finden lassen. Seine Gegner berufen sich auf die Buchstaben des Gesetzes. So steht es geschrieben in den heiligen Büchern des Mose und nicht anders.
„Ihr sucht in der Schrift.“
Im Prinzip eine gute Idee, so sagt es auch Jesus. Denn die Schrift erzählt von Gott. Sie berichtet davon, dass er das Leben wollte und schuf. Sie erzählt davon, wie er immer wieder das Leben seiner Menschen sicherte. Auch als die aufhörten nach ihm zu fragen. Sie führt aus, wie Gott sie in die Freiheit führte, obwohl sie unzufrieden waren, sich ein goldenes Kalb gossen und es anbeteten, weil sie glaubten, Gott habe sie allein gelassen, sie verlassen. Und dann erlebten sie, wie er seine Zusagen bestätigte und erneuerte, obwohl sie ihren Part nicht einhielten. Die Schrift erzählt immer wieder, wie Gott seine Menschen liebt und sich für sie einsetzt. Sie erzählt, dass er sie, also auch uns, niemals aufgibt, dass er ihnen nahekommt, um sie wirbt und um sie kämpft. Die Schrift erzählt von Gottes Liebe zu den Menschen, von Gottes Herz, das sich für uns geöffnet hat. Sie erzählt vom Leben. Jetzt und in Zukunft.
Ihr erforscht die Heilige Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben.“ Doch das ewige Leben ist nicht Tinte auf Papyrus, sondern es steht leibhaftig vor ihnen.
„Ihr sucht in der Heiligen Schrift.“
Das ist eine gute Idee. Denn sie erzählt von Jesus Christus. Von Gottes Weg des Lebens. Jetzt und in Zukunft. Das einzige Problem dabei ist, es ist wohl nicht unbedingt, das wonach wir gesucht haben. Zu einer Ruhe führt das nicht. Schon gar nicht zu einem Besitz. Als hätten wir die Antwort auf alle Situationen in unserem Leben.
Als hätten wir die Lösung für alle unsere Probleme und Fragen. Als wüssten wir, was immer jemand sagt oder tut, ob es richtig oder falsch ist. Als sei die Schrift ein Handbuch, immer griffbereit dabei, um immer zielsicher zu reagieren.
„Ihr sucht in der Schrift.“
So funktioniert es nicht. Buchstaben allein reichen nicht, um die Antwort auf das Leben,
für das Leben zu bekommen, sagt Jesus. Vielmehr geht es um den Ansatz, was wir suchen und zu finden hoffen. Es geht um die Frage: Worauf wir uns verlassen dürfen? Jesus streitet sich hier mit seinen Mitmenschen darüber, worauf man sich im Leben verlassen kann, ohne verlassen zu sein.

Wir verlassen uns auf so vieles. Wir können nur so leben, dass wir uns auf andere und anderes verlassen. Auf Freunde, Familie, die zu einem stehen, wenn es darauf ankommt. Auf das, was uns zusteht: Gehalt, Rente, Taschengeld. Auf unsere Fähigkeiten und unsere Lebenserfahrung. Auf die Liebe, die uns begegnet oder einfach, die Sonne, die jeden Morgen wieder aufgeht. Aber worauf, darauf will Jesus hinaus, können wir uns am Ende, ganz unten verlassen? Auf welche eigentliche Grundlage im Leben können wir uns verlassen? Auf die Schrift, die sagt, der Sabbat ist wichtiger als die Liebe? Garantiert nicht! Jesus fordert die Menschen auf, darüber nachzudenken, worauf sie sich verlassen können.
Im Grunde fragt er sie: Woran glaubst du?

Im Glaubensbekenntnis ist nicht von der Bibel die Rede. Wir glauben nicht an ein Buch, an irgendwelche Buchstaben, sondern an den lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus zeigt und unter uns im Heiligen Geist wirkt. Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Die heiligen Schriften der Bibel vermitteln uns diesen Glauben. Sie sind ein menschliches Zeugnis davon, das in uns den Glauben wecken will, aber nicht Gegenstand unseres Glaubens selbst. Auf die Botschaft kommt es an, auf das Evangelium nicht auf die Buchstaben. Es hängt also davon ab, wie wir die Bibel lesen und auslegen.
Martin Luther hat es auf die Formel gebracht: „Was Christum treibet, das ist Gottes Wort.“ Unser Bibelwort und Luther sind da ganz nah beieinander. Dass die Schriften von Jesus zeugen, darauf kommt es an. Das will Jesus seinen Hörern klarmachen.
„Ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.“
Ohne die Liebe Gottes regiert aber der Streit, am Ende der Hass, der zu Gewalt führt.
Und das mit der Überzeugung, das Richtige zu tun, im Recht zu sein. Mit so einem kalten Herzen, läge der Gelähmte immer noch am Teich. Jesus zeigt ihnen auf, was wichtiger ist, nämlich Liebe zu üben, egal ob Sabbat ist oder nicht, egal ob es ins Konzept anderer passt oder nicht. Jesus fordert in dem Bibelwort für heute die Zuhörenden auf: Hört auf meine Worte. Und er fordert sie auf, sich zu entscheiden.
Jesus fordert die Menschen heraus, seine Botschaft anzunehmen.
„Ihr sucht in der Schrift.“
Sucht nicht nach den besten Argumenten, um Recht zu haben, um zu urteilen oder zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Darum geht es nicht. Es geht nicht um die eigene Ehre, das Rechthaben um jeden Preis. Vielmehr suche, worauf du dich verlassen kannst im Leben. „Sich verlassen“ – wenn man es wörtlich nimmt, heißt es: sich selbst loslassen, von sich selber absehen und auf Jesus sehen. Gott die Ehre geben und nicht sich selbst. Darum hängt in unseren Kirchen vorne der gekreuzigte Christus und eben kein Spiegel. Sich verlassen, heißt dann im Glauben: von sich selber weg und auf ihn sehen, ihn annehmen, im Vertrauen auf Gottes Liebe seinen Weg gehen.

Das ist die eigentliche Herausforderung. Dieser Weg wird kein leichter sein, denn Jesus fordert uns, auch mal gegen den Strom der Zeit, der Eile, des eigenen Vorteils zu schwimmen. Es bleibt abwechslungsreich dieses Leben mit diesem Jesus. Schöne Erfahrungen wechseln sich ab mit Zeiten, in denen wir den nächsten Schritt nicht kennen. Das Leben mit Christus bleibt spannend. Aber er verlässt uns nicht und damit auch nicht die Liebe Gottes. Es bleibt ein Weg voller Überraschungen, hier und jetzt und in Zukunft.
Amen.

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