Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 29. Juni 2025,
über Jesaja 55,1-3a in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!
„Man bekommt im Leben nichts geschenkt“, „Alles hat seinen Preis“, „Was nichts kostet, taugt nichts“, „Von nichts kommt nichts.
Das sind gängige Redensarten und das sind oft genug auch gängige Denkens-Arten: Damit mein Leben etwas wert ist und ich eine Daseinsberechtigung habe, muss ich etwas leisten. Ich muss bestimmte Ziele erreichen und Normen erfüllen – sonst hat mein Leben keinen Sinn.
Und umgekehrt: Wenn ich das geleistet habe, dann darf ich dafür auch etwas erwarten. Ich bezahle für das, was mir wichtig ist und darum steht mir dieses und jenes zu. Ich erwarte vom Leben, dass es mir das beschert, was mir zusteht bzw. was ich mir verdient habe.

Diese Lebenseinstellung prägt oft genug auch unser Miteinander: Ich tue etwas für einen anderen und hoffe insgeheim, dass sich das auch einmal für mich auszahlt. Jemand tut etwas für mich und ich sage: „Dafür hast du etwas gut bei mir“.

Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass das ein Phänomen aus unserer Zeit ist, in der Geldwirtschaft und Materialismus den Charakter der Menschen verdorben haben. Aber vor über 2500 Jahren gab es das offenbar auch schon. Zu der Zeit wurde das aufgeschrieben, was im 55. Kapitel des Jesaja-Buches zu lesen ist. Zwei Verse daraus haben wir schon gehört.

Reisen wir in Gedanken einmal in jene Zeit und jenen Ort – auf den orientalischen Markt in den schmalen Gassen Jerusalems. Dort herrscht lebhaftes Treiben. Heftig gestikulierend preisen Händler ihre Waren an. Sie rufen wild durcheinander – einer lauter als der andere. Um die Stände herum drängen sich die Menschen der Stadt. Über ihren Köpfen sind Tücher gespannt, um sie vor der sengenden Sonne zu schützen. Sie begutachten die Feigen, Datteln und Melonen. Es wird geprüft und gefeilscht. Gewürze, Getreide und andere Lebensmittel wechseln den Besitzer.
Und noch ein besonders kostbares Gut wird da angeboten – Wasser. Die Leute kommen mit ihren Krügen und kaufen es den Wasserhändlern ab – denn nicht alle Häuser haben einen eigenen Brunnen – erst recht kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, wie wir das gewohnt sind. Wo das lebensnotwendige Wasser knapp ist, da steigen die Preise.

Inmitten dieses Markttreibens tritt nun einer auf und ruft: (Jesaja 55,1-3a):

Wohlan, alle, die ihr durstig seid,
kommt her zum Wasser!
Und die ihr kein Geld habt,
kommt her, kauft und esst!
Kommt her und kauft ohne Geld
und umsonst Wein und Milch!
Warum zählt ihr Geld dar für das,
was kein Brot ist,
und sauren Verdienst für das,
was nicht satt macht?
Hört doch auf mich,
so werdet ihr Gutes essen
und euch am Köstlichen laben.
Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!
Höret, so werdet ihr leben!
Ich will mit euch
einen ewigen Bund schließen.

Kostbares Wasser und sogar Wein und Milch umsonst? Nichts bezahlen für köstliche Speisen? Werbegag oder gar Betrugsmasche? Wo bekommt man denn schon etwas geschenkt, ohne dass dafür eine Gegenleistung erwartet wird? Ein billiges Schnäppchen, das lass ich mir gefallen; aber ich bin doch nicht blöd und lass’ mir etwas schenken!?

Das ist in der Tat kein gewöhnlicher Verkaufsstand. Hier stellt einer in Frage, ob wir unsere Lebensenergie sinnvoll investieren: Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Ihr gebt Geld aus ohne Ende und meint, Euch Euer Lebensglück dafür kaufen zu können. Ihr rackert und ackert und meint, deshalb ein Anrecht auf ein gesegnetes Leben zu haben. Euer Wohlstand steigt und doch bleibt ihr arm. Ihr verplempert kostbare Lebenszeit und Lebenskraft für nichts und wieder nichts. Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch an Köstlichem laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!

Schon lange vor Martin Luther und auch schon vor Jesus und Paulus schenkt Gott seine Nähe und seinen Segen freigebig. „Von nichts kommt nichts“ – in einem ganz bestimmten Sinn trifft das sogar zu: „Von nichtskommt nichts“ – Richtig! Aber von Gott kommt alles, was von wirklichem Wert ist: Die Liebe, die Lebenskraft, der Segen. „Dass du lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich.“

Was Gott Dir zu sagen hat, das ist köstliche Nahrung für die Seele: „Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur“. Dein Leben hat einen Wert, den Du ihm nicht selbst gegeben hast und den Du ihm auch nicht geben musst. Es hat einen Wert, der durch nichts und niemand in Frage gestellt werden kann. Du bist einmalig und geliebt – das ist ein Grund zur Dankbarkeit und zur Freude (aber kein Grund, sich deshalb für etwas Besseres zu halten). Du bist Gottes geliebtes Kind. Seine Liebe ist umsonst. Wie alle Liebe lässt sie sich nicht kaufen. Sie wird verschenkt.

So hat eben nicht alles seinen Preis. Am deutlichsten zeigt sich das an den Rändern des Lebens:
Das Leben unserer Kinder und Enkel ist ein Geschenk, für das wir nur fröhlich-staunend danken können – und mit jedem Tag, an dem sie heranwachsen, da lassen sie uns spüren: Das, was unser Leben wertvoll macht, das haben wir nicht in der Hand; das liegt außerhalb unserer Verfügungsgewalt.
Das erfahren wir auch am anderen Ende des Lebens: Wenn ein Mensch stirbt und wir das nicht verhindern können, sondern Abschied nehmen müssen. Auch da spüren wir: Das Leben liegt nicht in unserer Hand – so sehr wir uns das wünschen oder uns darum bemühen.

Gott ist die Quelle des Lebens. Unser Leben kommt von Gott und es liegt in Gottes Hand. Von Gott kommt die Kraft, mit dem Tod zu leben und von unseren Toten Abschied zu nehmen. Von Gott kommen der Mut für die nächsten Schritte und die Zuversicht. Von Gott kommt die Kraft, unseren Weg zu gehen mit denen, die uns anvertraut sind. Öffnen wir unsere Ohren immer wieder für die guten, die köstlichen Worte, die Gott uns zu sagen hat. Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! … Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!

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