Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 6. Juli 2025,
über 1. Timotheus 1,12-17 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Liebe Gemeinde,
der heutige Predigttext erzählt davon, dass Wandel möglich ist. Sie kennen die Bilder von vorher und hinterher aus der Werbung, nicht ganz glaubhaft, so eine Veränderung im Äußeren oder gar im Wesen, Charakter gar. Von vorher und dem später berichtet einer. Er selbst hat den Wandel erlebt. Glaubenstreu ist er sich geblieben, davor und danach, nur unter ganz anderen Vorzeichen. Als Unwissenheit, Unkenntnis sieht er später an, was er vorher als richtig empfand und lebte. Der Text berichtet von einem, der sich nach dem Gesetz richtete Und deshalb Menschen in seinem Umfeld, Christen verfolgte bis hin zu deren Vernichtung und dann, kurze Zeit später, genau diesem Jesus Christus folgte.
Wie das geht, hören sie selbst vom Wandel und Möglichkeiten, die alles übersteigen, jegliche menschliche Vorstellung sowieso: Es ist geradezu eine Trotzdessen-Geschichte, diese Aussage des Paulus im 1. Timotheusbrief im 1. Kapitel:
12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. 15 Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.
- Trotz dessen macht ihn Jesus stark, d.h. er traut ihm zu, dass er sich ändern kann.
- Trotz dessen er ein enthusiastischer Gegner war, glaubt Jesus, dass er es ehrlich meint, verlässlich ist, weil die Liebe Gottes ihm zuteil wird.
- Trotz dessen er festgefahren war, beruft ihn Jesus in ein Amt, weil er weiß, Paulus kann es.
Manchmal kommt es mir so vor, dass er mit genauso viel Eifer, genauso enthusiastisch Gemeinden gründete. Denn dieser Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt, wo was schief läuft Wie beim Streit in Korinth, welche Taufe nun gültig sei. Er schrieb ihnen nicht nur, was er dachte, sondern was er selbst geschenkt bekam. Gottes Liebe, die zum gewaltlosen Handeln führt zumindest in der Verkündigung der frohen Botschaft. Auch wenn das zahlreiche Menschen in den folgenden Jahrhunderten immer mal wieder aus dem Blick verloren, gar vergaßen. Denn so mancher Kreuzzug, so manche Missionierung verlief nicht liebevoll erfüllt.
Paulus benennt die Kraft, die Menschen verändern kann. Es ist die Liebe, Zuwendung, Barmherzigkeit, die Jesus ihn spüren lässt, die ihm ermöglicht, sein früheres Denken selbstkritisch zu betrachten und neue Wege einzuschlagen. Er kann seinen festgefahrenen Standpunkt verlassen. Paulus gesteht, was er getan hat und bekennt seine Schuld, seine Sünde, wie er es jetzt sieht. Seine Unwissenheit von damals schützt ihn vor der Gnade Gottes nicht. Ganz im Gegenteil: Gottes Liebe reicht weiter, als er es sich vorstellen kann. Er, der Erste, in Sachen Frevler, Lästerer und Verfolger sein, erfährt Barmherzigkeit. Das macht ihn reich. Er, der Erste unter allen Sündern erfährt Gnade und Barmherzigkeit. Und wird so auch da zum Ersten an dem Jesus alle Geduld erwiesen hat, wird zum Vorbild für andere, so meint Paulus.
Ein wenig hin- und hergerissen bleibe ich bei seinen Aussagen, Erster zu sein – als Sünder und als Vorbild. Ein wenig zurückhaltender, bescheidener hätte ich es mir wohl gewünscht. Oder geht es darum, herauszustreichen, wie besonders Gottes Handeln ist. Gott schaut unter die Oberfläche, berührt Paulus im Innersten. Und diese Liebe, die ihm widerfährt, lässt ihn nicht los. Sie hat einen Grund. Ihm widerfährt, was viele im Laufe des Wirkens Jesu bereits zuteilwurde. Christus nimmt ihn wahr. Christus kehrt bei ihm ein, wie bei Zachäus, dem Zöllner. Er geht auf ihn zu, obwohl er es eigentlich nicht wirklich verdient hat. Aber bei Jesus gelten andere Maßstäbe. Es geht um das Wohl des Einzelnen, jedes Einzelnen und damit der gesamten Gemeinschaft. Es geht um ein liebevolles Miteinander und Füreinander und damit um ein gerechtes Leben für alle.
Diese „Trotz dessen – Geschichte“ wird damit zur Berufungsgeschichte. Nicht nur für Paulus. Paulus sieht sich als Erster, der erkannt hat: Christus ist in die Welt gekommen, gestorben und auferstanden, um die Sünder selig zu machen.
Und was erkennen wir? Wozu sind wir berufen? Diese Trotz dessen – Geschichte des Paulus kann und zum Anlass werden, selbst über unsere eigene Berufung nachzudenken.
Denn wir alle sind es und haben eine ganz persönliche Berufung zu etwas.
Aber wie finde ich heraus, worin meine Berufung liegt?
Paulus wurde zum Missionar. Er zog durch Europa und gründete Gemeinde und lehrte in ihnen oder schrieb ihnen Briefe. Mit unserer Taufe sind wir zur Nachfolge Christi berufen und damit zum Aufbau des Reiches Gottes, das auf Erden beginnt. Wir sind eingeladen, von Gottes froher Botschaft zu erzählen, durch Lieder, Worte oder Taten.
UND – und das ist nicht einfach nach ihr, mit ihr und für sie zu leben. Das Reich Gottes, so schreibt Paulus im Römerbrief (14,17) ist: „Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.“
Das zentrale Thema, der Schlüssel zum Frieden ist Gerechtigkeit. Das leuchtet leicht ein. Aber und das ist das Schöne, nicht mit Anstrengung allein werden wir diese Gerechtigkeit umsetzen, sondern mit Freude im Heiligen Geist. Freude beim Tun befördert das Gelingen. Gottes kreativer Geist wirkt in und mit uns und durch uns. Davon bin ich überzeugt. Denn wer etwas mit Freuden tut, der sieht nicht nur auf sich, der hat den anderen im Blick und erfreut sich über dessen Wohlergehen. Gerechtigkeit bedeutet dafür zu sorgen, dass die anderen um mich herum, jene mit denen ich im persönlichen wie weltweiten Austausch, auch Handelsaustausch bin, ebenso wie die nachfolgenden Generationen mit dem gleichen Recht wie ich aus den Ressourcen der Schöpfung leben und ihre je eigenen Lebensvorstellungen verwirklichen können. Es geht um meinen Lebensstil, der die sozialen, ökologischen und spirituellen Ressourcen nicht zerstört aus Eigennutz oder was auch immer. Auf das richtige Pferd muss man dabei setzen. Paulus erkennt in seiner selbstkritischen Reflexion: Er hatte auf das falsche gesetzt. Wo auch immer das geschieht, wo ich mein Leben gegen die Reich Gottes Logik selbstgerecht lebe, da braucht es immer wieder einen Moment der Selbstreflexion.
Da brauchte und braucht es diesen Jesus Christus, der gekommen ist, die Sünder zu retten.
Und das Schöne ist, selbst wenn ich mal auf der falschen Spur sein sollte, bin ich bei Gott nicht vergessen. Ganz im Gegenteil. Gott erweist mir seine Gnade gerade dann,
ganz ohne eigenen Verdienst. Amen.
