Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juli 2025,
über Lukas 6,36-42 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Lukas 6,36-42
36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
37Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
39Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?
40Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.
41Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?
42Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.
Liebe Gemeinde!
Gottes Barmherzigkeit ist das Maß aller Dinge. An ihr sollen wir uns in unserem Verhalten orientieren. Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist. Euer Vater im Himmel, der Euch Euer Leben gegeben hat; der jetzt Euer Leben und dann auch Euer Sterben in seiner Hand hält; er, dem allein es zusteht, ein Urteil zu sprechen über die Menschen; der alleinige Herr und Richter dieser Welt – er ist barmherzig!
Barmherzig sein und vergeben bedeutet keineswegs „alles gutheißen“. Im Gegenteil: Gott vergibt nur das, was er verurteilt. Es kann gar nicht anders sein: Was Gott nicht verurteilt, das müsste ja auch nicht vergeben werden. Barmherzig sein und vergeben beginnt damit, dass Gott etwas nicht gut heißt – aber auch darüber hinaus sieht. Gott sagt: „Ich nagele Dich nicht auf Deinen Fehler fest, sondern helfe Dir zu einem Neuanfang. Ich helfe Dir, es in Zukunft anders und besser zu machen. Ich lüfte die Käseglocke, in der Dein bisheriges Verhalten gefangen war, und bringe frischen Wind in Dein Leben – Du sollst ja nicht wieder in denselben Trott verfallen“.
Gott lenkt den Blick auf neue Lebensmöglichkeiten. Wer von Gott gerichtet wird, wird aufgerichtet (nicht zugrunde gerichtet), denn Gott ist barmherzig. Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.
Wie sieht ein Leben aus, in dem Gottes Barmherzigkeit das Maß aller Dinge ist? Das ist die Frage, um die der Predigttext für diesen Sonntag kreist. Worin zeigt sich das? Welche Konsequenzen kann und soll das haben, wenn wir uns an Gottes Barmherzigkeit ausrichten?
Zwei Grundgedanken tauchen dabei immer wieder auf.
Zum einen: Orientiere Dich an Gott – aber meine nicht, Du könntest Gottes Platz einnehmen. Eifere der Barmherzigkeit Gottes nach und spiele Dich nicht zum Richter auf.
Und zum anderen: Schau zuerst auf Dich selbst. Fang bei Deinen eigenen Fehlern an. Warte mit dem Guten nicht, bis jemand anderes es tut. Mache Frieden und Versöhnung nicht davon abhängig, dass andere den ersten Schritt gehen.
Der erste Gedanke steht gleich am Anfang: Richtet nicht, wo werdet ihr auch nicht gerichtet. Da geht es nicht um eine Abschaffung der Gerichtsbarkeit und auch nicht darum, dass wir uns kein Urteil mehr bilden, ob etwas schädlich oder lebensförderlich ist. Deutlicher wird das mit der zweiten Mahnung: Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Es geht darum, was ich beurteile: Beurteile ich ein Verhalten, eine Tat – oder fälle ich ein Urteil über einen Menschen? Sage ich: „Der hat sich unmöglich benommen, dieses Verhalten kann ich nicht gutheißen“ oder sage ich „Das ist ein unmöglicher Mensch“?
In der Hitze der Auseinandersetzung oder im Ärger kann uns das durcheinander geraten; aber wenn wir in Ruhe uns selbst befragen und ehrlich sind, dann merken wir sehr wohl, ob wir dabei sind, ein Verhalten zu beurteilen oder einen Menschen zu verdammen.
Jesus ist da sehr klar und unmissverständlich: Richtet nicht! Es steht uns nicht zu, ein Urteil über einen Menschen zu fällen. Wir haben uns jedes Urteil über einen Menschen zu verbieten. Er erwartet von uns, dass wir uns das Richten und Verdammen mit aller unserer Kraft und mit seiner Hilfe abgewöhnen.
Achten wir darauf, zu sagen: „Dieses Verhalten war gut; jenes Verhalten war schlecht“. Und unterstehen wir uns, zu sagen: „Dieser Mensch ist gut; jener Mensch ist schlecht“. Das Urteil über einen Menschen legt ihn fest auf seine Vergangenheit und verbaut so die Zukunft; das Urteil über ein Verhalten bleibt offen für den Weg zur Veränderung. Und die soll bei uns selbst anfangen.
Damit zum zweiten Gedanken: Schau zuerst auf Dich selbst. Fang bei Deinen eigenen Fehlern an und reite nicht auf denen der anderen herum. Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, bevor Du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst. Das ist ein drastisches Bild, aber oft genug ist es ja genau so: Wir beschäftigen uns ausgiebig mit dem, was bei anderen nicht in Ordnung ist oder verbessert werden sollte – aber vor den eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten verschließen wir die Augen. Die Schwachstellen der anderen sind uns ein Dorn im Auge, aber im Bezug auf die eigenen haben wir ein Brett vor dem Kopf. Doch wenn für mich immer nur die anderen schuld sind, dann werde ich nichts zum Guten verändern.
Die Orientierung an Gottes Barmherzigkeit gebietet es, dass ich die Selbstkritik an den Anfang stelle. Ich bin nicht perfekt – wie käme ich dazu, mich zum Fehlerfinder für andere zu machen? Das hätte in der Tat etwas Heuchlerisches.
Aber es gibt noch einen anderen Grund. Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. Da steht ja nicht: Wenn Du die eigenen Fehler abgestellt hast, dann darfst Du Dich auch um die der anderen kümmern, sondern: Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und (bist dann in der Lage) den Splitter aus deines Bruders Auge (zu) ziehen. Das ist eine „Sehschule“: Ich bekomme einen realistischeren Blick, wenn ich mich mit den eigenen Schwächen oder Unarten oder Boshaftigkeiten auseinandergesetzt habe. Dann weiß ich, wovon ich spreche und kann dadurch auch für andere eine Hilfe sein.
Dass es diese Splitter im Auge des Bruders oder der Schwester gibt, stellt Jesus nicht in Frage. Das lässt sich ja auch gar nicht leugnen, auch da ist manches zu tun. Aber anfangen soll ich bei mir selbst.
Vielleicht brauche ich dabei die Hilfe von anderen. Dann ist es gut, wenn ich die erbitte und in Anspruch nehme. Auf jeden Fall soll ich erst einmal vor der eigenen Tür kehren. Schau zuerst auf Dich selbst, wenn es etwas zu Kritisieren und zu verbessern gibt.
Und positiv gewendet heißt das: Warte mit dem Guten nicht, bis jemand anderes es tut. Mache Frieden und Versöhnung nicht davon abhängig, dass andere den ersten Schritt gehen. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Seid großzügig und nicht kleinlich.
Es klingt paradox und ist doch eine Erfahrung, die vermutlich auch schon viele gemacht haben: Großherzig zu sein und nicht zu kalkulieren – das zahlt sich aus. Vielleicht nicht immer, das kann auch ausgenutzt werden; aber wer anderen Gutes tut und Großzügigkeit kultiviert, trägt damit zu einem Guten Miteinander bei – und das zahlt sich aus.
Wer dagegen kleinlich darauf achtet, nur ja nicht mehr zu geben, als er bekommen hat; wer immer darauf wartet, dass andere den erste Schritt machen, der kommt nicht vom Fleck. Das gilt im kleinen Maßstab des alltäglichen Lebens, das gilt aber auch für Friedensverhandlungen zwischen verfeindeten Staaten oder für Klimaschutzziele. Fang bei Dir selbst an. Mach den ersten Schritt. Dann wirst Du sehen, wie Du andere zum mitmachen bewegen kannst.
