Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juli 2025,
über 1. Petrus 2,1-10 (in Auswahl) in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Liebe Gemeinde!

Von Jesus haben wir gelernt, Gott mit „Vater unser im Himmel“ anzusprechen. Auch sonst überwiegen in der Bibel die männlichen Bilder für Gott: König, Hirte, Schöpfer. Aber es gibt auch weibliche Bilder: Gott tröstet uns wie einen seine Mutter tröstet“ heißt es beim Profeten Jesaja. Und der Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der heute Predigttext ist, beschreibt die Beziehung zu Gott wie die eines Säuglings zu seiner Mutter: Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, sollt ihr nach dem echten Wort verlangen. … Denn ihr habt ja bereits schmecken dürfen, wie gut Gott ist.

Das knüpft an das Jesus-Wort an, das wir vor der Taufe gehört haben: „Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da“. Ihr habt schon einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie gut Gott es mit Euch meint. Gott nimmt sich die Menschenkinder verlässlich und zärtlich zur Brust. Lasst Euch von ihm beschenken wie Kinder. Gott wünscht sich Nähe und Vertrautheit. Hautnah und nährend soll die Beziehung zu Gott sein. Saugt gierig am Lebensfluss der Freundlichkeit Gottes.

Gott will Lust auf mehr machen und wir sollen weitersagen, wie gut es Gott mit uns meint: Ihr sollt die großen Taten Gottes verkünden. Erzählt – Euren Kindern und anderen Menschen – vom Wunder des Lebens, von der belebenden Liebe Gottes. Ihr seid aus der Finsternis in Gottes wunderbares Licht gerufen. Erzählt vom Geschenk der Hoffnung, die immer wieder zu einer Kraftquelle werden kann. Erzählt vom Segen Gottes, der den weiten Raum eröffnet, in dem wir uns bewegen und entfalten können. Erzählt von der bergenden Nähe Gottes, die Euch mutig und furchtlos Eurer Wege gehen lässt.

Gott ist kein Mann. Gott ist auch keine Frau. Gott ist reicher und vielfältiger als uns bewusst ist. Gott ist viel mehr, als wir mit unserem Verstand erfassen und mit Worten beschreiben können. Deshalb ist es gut, dass es viele verschiedene Bilder für Gott gibt – weibliche, männliche und solche, die weder in die eine noch in die andere Schublade passen. Saugt begierig auf, was Gott für Euch bereit hält und verkündet die großen Taten Gottes.

Der Brief, in dem diese Verse zu finden sind, richtet sich an eine Gemeinde aus „Dazugekommenen“. Sie waren vorher keine Juden und  waren mit den Geschichten und den Bräuchen nicht vertraut, die die Anhänger Jesu aus jenen Schriften übernommen hatten, die wir als Altes Testament kennen. Diese Dazugekommenen wurden von denen, die vorher Juden waren, manchmal schief angeschaut oder sogar als „Ungläubige“ ausgegrenzt. Nicht verwunderlich, dass sie wohl auch selbst daran gezweifelt haben, dasss sie richtig dazugehören.
Der Schreiber des Petrusbriefes – nennen wir ihn der Einfachheit halber Petrus, auch wenn das wohl nicht der Petrus war, den wir aus den Jesus-Geschichten kennen – Petrus spricht diese Gemeinde als „Säuglinge Gottes“ an. Er nimmt sie mit hinein in die Vertrautheit mit Gott.

Neben diesem intim-mütterlichen Bild greift er dann das Bild vom Stein auf: Jesus Christus ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben; er ist zum Grundstein geworden. Er ist ein Stein, an dem man Anstoß nimmt, und ein Fels, über den man stolpert.
Das klingt zunächst einmal nach einem willkürlichen Sammelsurium, nach freien Assoziationen zum Stichwort „Stein“. Aber es steckt mehr dahinter. Hier sind mehrere Stellen aus dem Alten Testament miteinander verbunden:
„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ (Ps 118,22).
„Gott sagt: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist“ (Jes 28,16).
„Er wird ein Heiligtum sein und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses für die beiden Häuser Israel, dass viele von ihnen sich daran stoßen“ (Jes 8,14).
Petrus schreibt die später Dazugekommenen mit hinein in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Das Fundament dafür hat Jesus Christus gelegt. Auf ihn könnt Ihr bauen. Der Taufstein ist ein tragfähiger Grund für die Vertrautheit mit Gott – auch für die, die vielleicht manchmal mit Gott fremdeln.
Petrus greift dafür noch eine andere Stelle aus der Geschichte vom Auszug aus Ägypten auf und bezieht sie auf die Gemeinde, an die er schreibt: Ihr seid das erwählte Volk: eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk,
eine Gemeinschaft, die in besonderer Weise zu Gott gehört
.

Diese Gemeinschaft der Christen baut auf Jesus Christus – darauf, dass er wie niemand sonst Gott nahe gebracht hat. Jesus Christus ist der Grundstein, auf den unser Glaube aufbaut. Er ist der Heiland für eine oft genug unheile Welt. Seine Botschaft erregt durchaus auch Anstoß. Es ist eine Botschaft mit Ecken und Kanten: Mit Säuglingen verglichen zu werden, die ohne Fürsorge nicht überleben könnten, das ist wenig schmeichelhaft. Wir kennen als Leitbild eher den Erfolg und das Überleben der Stärkeren – wobei ich neulich von eine interessante Notiz über ein Buch des Forschers Dirk Brockmann gelesen habe. Es hat den Titel „Survival of the nettest“. Brockmann zeigt auf, dass in der Evolution keineswegs immer nur die Spezies überleben, die stärker als andere sind oder sich gegen andere durchsetzen, sondern diejenigen, die am besten mit anderen zusammenarbeiten – zum Beispiel die unzähligen Bakterienarten, die in einem menschlichen Körper leben. Zitat: »Wenn wir die Natur als Lehrmeisterin akzeptieren, müssen wir auf Kooperation und Diversität setzen.«
Jesus lehrt uns etwas, was viele Eltern entdecken, wenn sie ein kleines Kinder im Arm halten und dann aufwachsen sehen: Erfolg und Macht sind nicht die größtmögliche Stärke eines Menschen, sondern das Geschenk, geliebt zu werden und lieben zu können. Mehr als die eigene unerschütterliche Stärke zählt die Fähigkeit, um Vergebung bitten und selbst vergeben zu können.

Und noch etwas können wir von den Kindern lernen: Sie sind oft viel begieriger nach Leben als wir Erwachsene. Sie leben voller Hoffnung – nicht weil sie wüssten, wie das alles einmal wird, sondern weil sie offen sind für das Unerwartete; weil der angebliche „Realismus“ ihnen noch nicht die Visionen geraubt hat.
Nicht dass Sie mich da falsch verstehen: Ich bin sehr für Realismus. Mit Illusionen oder Hirngespinsten oder „alternativen Fakten“ ist niemandem gedient. Aber zu einem wirklichen Realismus gehört auch anzuerkennen, dass die Möglichkeiten unserer Vernunft begrenzt sind. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind „höher als alle Vernunft“. Es ist also realistisch, offen zu bleiben für Dinge, die ich nicht erwarte oder für unmöglich halte. Ihr seid berufen aus der Finsternis in Gottes wunderbares Licht. Tragt es weiter. Macht diese Welt hell mit Eurem Mut, mit Eurem Vertrauen, Eurem Glauben, Eurer Hoffnung und Eurer Liebe. Übernehmt Verantwortung für Euer Leben und für das Leben der Menschen, die Euch anvertraut sind.

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