Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 7. September 2025,
über Apostelgeschichte 3,1-10 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Apostelgeschichte 3,1-10
31Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. 2Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. 3Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. 4Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! 5Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! 7Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, 8er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

9Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. 10Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.


Liebe Gemeinde!

Nach dieser Begebenheit an der Tempelpforte, von der wir gerade gehört haben, hält Petrus eine Rede. Darin lenkt er die Aufmerksamkeit der Menschen von (Johannes und) sich weg auf Gott: Der Gott unserer Väter hat an Jesus gezeigt, dass er stärker ist als der Tod. Wir können aus eigener Kraft nichts bewirken. Schaut nicht auf uns, sondern schaut auf Gott und auf Jesus Christus von Nazareth (Apostelgeschichte 3,13-16).

Der Mann, der bisher an der Tempelpforte abgesetzt wurde und jetzt Freudensprünge macht – er hatte das ganz offenbar auch so verstanden. Er lobte nämlich nicht Petrus für seine Wundertat, sondern er lief und sprang umher und lobte Gott. Schauen auch wir nicht primär auf Petrus, sondern darauf, was Gott bewirken will. Denn Petrus bleibt in dem, wie er hier handelt, hinter Jesus zurück. Aber der Reihe nach.

Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Der Tempel ist in der Apostelgeschichte (wie für Jesus) nicht so sehr der Ort des Opfers, sondern der Ort des gemeinsamen Gotteslobes. So steht es in Psalm 145: „Ich will dich täglich loben und deinen Namen rühmen immer und ewiglich …; deinen Wundern will ich nachsinnen“ (Psalm 145,2.5). Oder wie wir vorhin gesprochen haben: „Lobet den Herrn! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön“ (neue Lieder 970; Psalm 147,1).

Anders als der Priester und der Levit im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lassen sich Petrus und Johannes bei ihrem Gang zum Tempel aufhalten. Sie nehmen Kontakt auf mit dem Mann, der sie um ein Almosen bittet.

Petrus sucht den Blickkontakt – und behandelt den Mann, der ihn bittet, dann doch nicht wirklich auf Augenhöhe. Petrus spürt etwas Richtiges: Dieser Mann braucht nicht nur ein Almosen – wobei wir das auch nicht kleinreden sollten. Eine Sozialversicherung gab es damals nicht. Eine Berufstätigkeit konnte der Mann wohl nicht ausüben und so blieb ihm als Geldquelle nur das Betteln. Im Grunde war das so etwas wie eine eingeübte Gewohnheit zur Unterstützung derer, die vom Erwerbsleben ausgeschlossen waren.

Aber Petrus spürt: Dieser Mann braucht auch etwas anderes. Er braucht Menschen, die ihn anschauen und ernst nehmen; Menschen, die ihn nicht nur gutgemeint herumtragen und vor der Pforte des Tempels sitzen lassen. Er braucht Menschen, die ihn respektieren und mit hineinnehmen in die Gemeinschaft des Lebens und des Glaubens.

Aber da hätte Petrus sich einmal an Jesus erinnern sollen: Der hatte Bartimäus nicht aus eigener Initiative von seiner Blindheit geheilt, sondern hatte ihn gefragt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ (Markus 10,51) Das Vorgehen des Petrus hier an der Tempelpforte hat dagegen etwas Übergriffiges: Sieh uns an … Und er ergriff ihn und richtete ihn auf.

Petrus lenkt den Bick des Mannes auf sich. Sieh uns an. Aber wie gut sieht Petrus denn? Nimmt er den Mann wirklich wahr oder sieht er in ihm nur einen Gelähmten? Es hat ein wenig den Anschein, als ob Petrus nur den Makel sieht, dem Abhilfe geschaffen werden muss. Petrus weiß ungefragt besser, was für diesen Mann gut ist. Aus heutiger Sicht sieht der Respekt vor einem Menschen mit einer Behinderung anders aus.

Man könnte sagen: „Das Ergebnis gibt Petrus Recht.“ Oder vielleicht besser: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade, denn genau das passiert ja hier. Der Mann war ja nicht nur vom Erwerbsleben ausgeschlossen: Er sitzt dort, wo die Menschen zum Tempel gehen um Gott zu loben. Das bleibt dem Mann verwehrt. Da bleibt er außen vor. Die Heilung bedeutet auch: Der bisher immer vor der Pforte des Tempels saß und nicht hineinkam, geht mit Petrus und Johannes hinein in den Tempel. Er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Er kann Gott für seine Wundertaten loben – und die erschöpfen sich nicht in der geschenkten Geh-Fähigkeit.

Petrus sieht sich als Botschafter der Auferweckung Jesu von den Toten. Davon spricht er in der Pfingstpredigt vor der Heilung an der Tempelpforte: „Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde“ (Apostelgeschichte 2,24). Davon spricht Petrus auch in der Predigt im Tempel nach dieser Heilungsgeschichte: „Den hat Gott auferweckt von den Toten“ (3,15). Der Glaube an die Auferweckung von den Toten – so sagt es Petrus – hat die Heilung des Mannes bewirkt. Mit anderen Worten: Es geht hier nicht nur um Orthopädie oder Physiotherapie, sondern es geht um Auferweckung von den Toten, um Befreiung „aus den Wehen des Todes“. Ich möchte diese Geschichte einmal als eine Emanzipationsgeschichte lesen. Dem Mann an der Tempelpforte widerfährt die Befreiung aus tödlicher Unselbständigkeit. Er erlebt den Ausgang aus einer Unmündigkeit, die teils fremdverschuldet, teils vielleicht aber auch selbstverschuldet ist. Die Lähmung war unverschuldet, aber in die dann folgende Unmündigkeit wurde er von den Menschen um ihn herum gedrängt und er hatte sich offenbar daran gewöhnt. Er war es gewohnt, von den Menschen nichts anderes als Almosen zu erwarten. Den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Etwas anderes kommt nicht über seine Lippen. Sein Blick bleibt gesenkt, er bleibt isoliert.

Es gibt Menschen, die sind es von Mutterleib an gewohnt, dass man sie herumschubst und über sie bestimmt. Manche von ihnen können gehen, andere nicht. Wir sollten Menschen, die Hilfe brauchen, nicht auf ihre Hilfsbedürftigkeit oder ihre Einschränkung oder Behinderung reduzieren, sondern Sie danach fragen, ob sie Hilfe brauchen und wollen. Und wenn wir selbst Menschen sind, die Hilfe brauchen, dann gebe Gott uns den Mut, um Hilfe zu bitten und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vielleicht erleben wir dann ja miteinander, dass etwas ganz Neues möglich wird.

Eine Garantie dafür gibt es nicht. Eine Theologin, die selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, hat einmal geschrieben: „Biblische Heilungsgeschichten gehen mir auf die Nerven. Und zwar massiv“. Das ist nachvollziehbar – vor allem dann, wenn so getan wird, als ob sich diese Heilungen „kopieren“ lassen; als ob das automatisch funktioniert, wenn Menschen nur genug glauben.
Die Wundergeschichten verweisen auf eine kommende Wirklichkeit; auf die Vollendung der Pläne Gottes für diese Welt: „Da wird der Lahme springen wie ein Hirsch, ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen“ (Jesaja 35,6.10). Es bleibt der Stachel der Ungleichheit: Manche erleben das Wunder der (Spontan-)Heilung, andere nicht.
Es bleibt die Aussicht auf das Ende der Zeit. Mund manchmal kommt die Überraschung schon auch vorher. Und es bleiben die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass Gott stärker ist als der Tod in all seinen Erscheinungsformen.

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