Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 14. September 2025,
über Markus 3,31-35 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Ein Mann steht in einem Haus voller Menschen. Die wenigsten davon kennt er, es sind Fremde für ihn. Aber er ist in eine intensive Diskussion mit ihnen verwickelt. Jemand platzt mitten in diese Diskussion und sagt: Jesus, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Wie wird der Mann reagieren? Was wird er tun?
Markus 3,31-35
31Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Liebe Gemeinde!
Jesus hätte durchaus auch anders reagieren können. Er hätte sagen können: „Entschuldigt mich einen Augenblick. Ich will einmal nachsehen, was da los ist. Ich bin gleich zurück“ (vgl. Handy-Anruf „Da muss ich kurz rangehen“).
Oder er hätte sagen können: „Ruft sie herein. Ich kann jetzt hier nicht weg. Sie sollen sich dazusetzen, nachher habe ich Zeit für sie“.
Beides wäre erwartbar. Aber nein, Jesus reagiert anders: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Das klingt abweisend und schroff. Will er mit seiner Familie nichts zu tun haben? Hatte er ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter? Er soll ja als Kind schon einmal seinen Eltern davongelaufen sein. Hatte er eine unglückliche Kindheit? Fühlte er sich im Kreis seiner Geschwister nicht wohl?
Wir könnten da manches vermuten, was uns vielleicht einleuchtend erscheint. Und doch hilft uns das nicht, den Evangelisten Markus besser zu verstehen. Es geht hier nicht um einen wie auch immer gearteten Familienkonflikt zwischen Maria, Jesus und seinen Geschwistern. Entscheidend ist, was er zu den anderen Leuten sagt. Er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Schwestern und Brüder.
Die ganze Schar; alle miteinander, wie sie da sitzen – das sind Jesu Geschwister. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen gekommen: Die einen aus Neugier, weil sie schon mal von Jesus gehört haben und nun wissen wollen, ob an all dem Gerede etwas dran ist; andere aus Dankbarkeit, weil Jesus sie von Blindheit geheilt oder ihnen Kraft und Lebensmut geschenkt hat. Wieder andere sind aus Gewohnheit gekommen, weil sie dazugehören wollen und immer dort sind, wo die anderen sind; und manche vielleicht aus Zufall, weil sie gesehen haben, dass da gerade etwas los ist. Wir erfahren nichts weiter über diese bunt gemischte Schar – aber von ihnen sagt Jesus: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Schwestern und Brüder. Ihr, die Ihr Euch um mich versammelt habt, Ihr seid für mich wie Mutter und Brüder und Schwestern. Ihr, die Ihr aus den unterschiedlichsten Gründen zu mir gekommen seid, Ihr seid meine Geschwister. Ihr wisst vielleicht noch gar nicht recht, was Ihr von mir halten sollt; was Ihr von mir erwartet und erhofft; aber ich sage Euch: Nichts und niemand kann mich Euch wegnehmen. Ich gehöre so fest zu Euch, wie Mutter und Kinder / wie Schwestern und Brüder zueinander gehören. Nichts und niemand kann mich von meiner Liebe zu Euch abbringen“.
Jesus stiftet durch die Taufe neue Verwandtschaftsverhältnisse: Große und kleine Kinder ruft er zu sich und macht sie zu Kindern Gottes – zu seinen Geschwistern. Er schenkt sich Dir. Er schenkt Dir seine Nähe, er schenkt Dir seine Liebe. Er verbindet sich auf ewig mit Dir.
Auf diesem Geschenk liegt die Betonung – und nicht auf der abweisenden Reaktion gegenüber seiner leiblichen Familie. Die hat ihren Grund vermutlich in dem, was einige Verse vorher erzählt wird. Jesus geht in dieses Haus, in dem alles weitere geschieht. Und – so erzählt Markus – da kam viel Volk zusammen. … Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen. Die Seinen erheben einen Anspruch auf Jesus. Er ist doch einer von ihnen. Da muss er doch zuallererst und in besonderer Weise für sie da sein. Als seinen Angehörigen steht es ihnen doch zu, dass er sich zuerst um sie kümmert. Sie beanspruchen ihn für sich, weil sie das als ihr gutes Recht ansehen.
Diesen Sonderanspruch weist Jesus zurück. Es gibt bei Gott kein Gewohnheitsrecht und keine Sonderansprüche aufgrund von langer Zugehörigkeit oder Blutsverwandtschaft oder Herkunft. Jesus fragt: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er gibt selbst die Antwort: „Wem ich meine Nähe schenke, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder“. Nicht die, die am lautesten schreien; nicht die, die Gott auf ihre Seite zwingen wollen; nicht die, die Gott vorschreiben, was er zu tun und zu lassen und wen er zu lieben hat.
Das Volk saß um ihn. Mehr wird von den Leuten im Haus nicht gesagt. Das genügt, dass Jesus von ihnen sagt: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. „Gottes Willen tun“ – das heißt hier: Sich um Jesus versammeln. Ihn in den Mittelpunkt stellen; in ihm den Ursprung, das Ziel und die Mitte unseres Lebens suchen. „Gottes Willen tun“ – das heißt: Ihn als den anerkennen, dessen Wille es ist, uns zu lieben. Da gibt es keine vorrangigen Verwandtschaftsverhältnisse. Niemand hat das Recht, uns davon auszuschließen – und wir haben kein Recht, andere davon auszuschließen. Maßgeblich ist hier allein Gottes Wille zur Liebe.
Jesus schenkt sich als Bruder, aber er lässt sich nicht festhalten und vor den anderen verstecken. Er zerreißt Familienbande, wenn diese zum Gefängnis werden, in dem die Liebe eingesperrt werden soll. Und er knüpft ganz neue Familienbande in einer atemberaubenden Weite, damit Menschen seine Nähe spüren.
In der Theorie ist uns das völlig klar. Natürlich wollen wir nicht so egoistisch und engstirnig sein wie Jesu Mutter und seine Geschwister in dieser Geschichte. Aber dann und wann neigen auch wir dazu, den eigenen Zweig der Familie für den einzig wichtigen zu halten. Dann stehen auf einmal wir draußen und lassen Jesus rufen. Für uns muss er doch da sein. nicht für die andern dort – für die dahergelaufenen Fremden, die gar nicht richtig dazugehören.
„Wir“ – das kann die Kirche sein oder die eigene Konfession; das können die sein, die sich im Alltag viel mehr an die Gebote Gottes halten und im Geist der Liebe leben als die, die am Sonntag demonstrativ in die Kirche gehen; es kann umgekehrt die „Gottesdienstgemeinde“ sein, die sich als einzig wahre Verwandtschaft Jesu ansieht. Egal zu welchem „wir“ ich mich zähle – eine Gefahr ist für uns alle gleich: Dass wir das Geschenk der Liebe Gottes als unseren rechtmäßig erworbenen Besitz ansehen, auf den wir vor allen anderen einen Anspruch anzumelden hätten.
Je tiefer Gottes Gebote in unser tägliches Leben eindringen und uns zu Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe führen; zu einem Leben, das aus bester Absicht und mit gutem Erfolg von den sogenannten „christlichen Werten“ geprägt ist, umso mehr wächst auch die Versuchung, Gott für uns zu beanspruchen. Von dieser Versuchung erzählt diese Geschichte hier im Markusevangelium. Je vertrauter wir mit Gott umgehen, desto leichter können wir die aus dem Blick verlieren, denen Gott fremd ist – oder denen vielleicht nur die Art und Weise fremd ist, wie wir unsere Beziehung zu Gott gestalten.
Es ist und bleibt Gottes Geschenk, wenn wir seine Nähe spüren und von seiner Nähe getragen werden. Dieses Geschenk hält er bereit für alle, die sich um ihn versammeln – ob regelmäßig und häufig oder nur bei dieser und jener Gelegenheit. Gott schenkt sich denen, die es nach unserer Meinung nicht verdient haben; und Gott schenkt sich uns – auch dann, wenn wir es wahrhaftig nicht verdient haben. Gott kommt täglich neu zu Euch. Gott kommt und sieht ringsum auf die, die da sitzen und spricht: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Schwestern und Brüder: Ihr gehört zu ihm – das ist sein Wille.
