Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 26. Oktober 2025,
über Johannes 5,1-14 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
Gott macht lebendig. Gott schafft Leben und erweckt zum Leben. Das ist die Lieblingsbeschäftigung Gottes. Das ist gemeint mit dem ersten Abschnitt im Glaubensbekenntnis: „Ich Glaube an Gott, den Schöpfer, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“.
Gott schafft Leben auf ganz viele Arten und bei allen möglichen Gelegenheiten – dort, wo vorher noch gar kein Leben war; und dort, wo das Leben abhanden gekommen ist. Gott macht lebendig, wo Menschen sich in tödlicher Konkurrenz als Feinde gegenüberstehen. Gott macht Menschen lebendig, die ihre eigenen Begabungen bisher ungenutzt lassen. Gott macht lebendig, wo Menschen die Verantwortung für ihr Leben auf andere abschieben oder das Leben unter der buchstabengetreuen Erfüllung von Geboten begraben.
Jesus war eins mit Gott. Jesus Christus war Gottes eingeborener Sohn. Zwischen die beiden passt kein Blatt Papier. Menschen ins Leben zu rufen, ihr Leben heil werden zu lassen – das war deshalb auch die Lieblingsbeschäftigung von Jesus. Davon erzählen viele Geschichten in der Bibel – unter anderem die, die heute Predigttext ist. Diese Geschichte erzählt aber auch davon, dass das Leben nicht immer einfach ist und dass dabei auch Konflikte entstehen können.
Johannes 5,1-14
Betesda heißt der Teich, an dem diese Geschichte spielt. Ein magischer Teich. Wenn das Wasser sich bewegt – so sagt man – dann hat es heilende Kräfte. Das hat diesen Teich zum Wallfahrtsort werden lassen. Ein antikes Lourdes sozusagen.
Betesda heißt übersetzt „Haus der Barmherzigkeit“. Aber von Barmherzigkeit ist da nicht wirklich viel zu spüren: Nur wer zuerst in das Wasser steigt, nachdem es sich bewegt hat, darf auf Heilung hoffen. Alle lauern darauf, wann sich das Wasser bewegt. Misstrauisch beäugt einer den anderen, denn jeder will der Erste sein, damit es beim nächsten Mal hoffentlich klappt. Ein Ringen um die „Pool-position“ sozusagen.
In ihrem Leid und Elend solidarisieren sich Menschen auch nicht automatisch und nicht immer. Es kann genauso sein, dass sie sich gegenseitig nichts Gutes gönnen.
Es waren viele, die da lagen. Aber immer nur die ersten hatten eine Chance. Alle liegen sie da und hoffen auf das große Glück – gefangen in der Sehnsucht nach diesem einen Moment, der alles verändern soll. Heilungs-Lotto: Die Wahrscheinlichkeit, das große Los zu ziehen oder wenigstens irgendetwas zu gewinnen, ist verschwindend gering; und dennoch sehen nicht wenige darin ihre einzige Chance auf Besserung.
An diesen Teich Betesda kommt Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem. Er spricht einen an von den vielen, die da liegen – einen, den es besonders schwer getroffen hat. Jesus hat gehört, dass der schon seit 38 Jahren krank war. Es bleibt unklar, welche Krankheit er hat: Am ehesten denken wir an eine Lähmung oder Gehbehinderung – er klagt ja darüber, dass er alleine nicht oder nur langsam von seinem Platz an den Teich kommt. Er könnte aber auch blind sein, dann wäre das genauso. Weder das eine noch das andere wird ausdrücklich genannt.
Vermutlich ist das körperliche Leiden auch gar nicht das Entscheidende. Ich denke, er hat noch eine ganz andere Krankheit: Er leidet an einer Veränderungs- und Verantwortungs-Allergie. Jesus fragt ihn ja wohl nicht ohne Grund: Willst du gesund werden? Willst Du Dich auf die Veränderung einlassen oder nur immer weiter untätig hier sitzen bleiben und auf bessere Zeiten warten? Willst Du auch die Mühen der Heilung ertragen? Bist du bereit, die Verantwortung für Dein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und wieder für Dich selbst zu sorgen?
Die Begegnung mit Jesus ermöglicht die heilsame Wende. Jesus findet diesen Menschen und nimmt ihn wahr mit allem, was sein Leben ausmacht. Und er gibt ihm einen Anstoß, ohne den sich nichts verändert hätte. Sein Wort schafft Leben: Steh auf und geh. Ich führe dich weg von diesem Ort, an dem jeder gegen jeden kämpft! Ich führe Dich heraus aus Resignation und Passivität und aus der trügerischen Hoffnung auf den Glücksfall. Wage den Neuanfang. Brich dein Lager ab. Lass deine Pritsche nicht dort stehen, als ob Du vorsichtshalber schon für den Rückfall gerüstet sein willst. Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
Dieser Mensch hat verlernt, die Verantwortung für sein Leben selbst zu tragen. Auf die Frage danach, was er will und warum er etwas tut, verweist er auf die anderen. Auf die Frage, ob er gesund werden will, antwortet er ausweichend: „Ich habe niemanden, der mich an den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; und wenn ich hinkomme, ist bestimmt schon einer vor mir dort.“
Kurz danach wird er gefragt, warum er am Sabbat sein Bett mit sich herumträgt – wo das Herumtragen von Gegenständen am Sabbat doch verboten ist (das gilt auch, wenn es sich bei diesem Bett wohl eher um eine Matte oder höchstens eine Pritsche gehandelt haben dürfte). Der Mensch antwortet: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: „Nimm dein Bett und geh hin“.
Er hätte ja auch sagen können: „Darüber habe ich gar nicht nachgedacht, weil ich so glücklich bin, dass mich einer gesund gemacht hat“. Dann würde das vielleicht als Tat im Affekt eingestuft. Aber wieder verweist er auf einen anderen. „Ich habe gemacht, was mir gesagt wurde. Ich habe nur einen Befehl befolgt – also trage ich selbst keine Verantwortung.“ „Das machen doch alle so“ ist auch so eine ausweichende Antwort, mit der wir die Verantwortung von uns wegschieben.
Am Ende trifft Jesus ein zweites Mal auf diesen Menschen – und zwar im Tempel. Er spricht ihn an: Siehe, du bist gesund geworden. Und dann sagt Jesus etwas sehr Merkwürdiges: Sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Das klingt beinahe so, als ob Jesus die Krankheit des Menschen für eine Strafe wegen seiner Sünden hält; aber das halte ich für ausgeschlossen. Wenige Kapitel später trifft Jesus nämlich einen Menschen, der blind geboren war. Seine Jünger fragen ihn (Joh 9,2.3): „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ Da Jesus antwortet ihnen: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern. Mit anderen Worten: Krankheit ist keine Strafe Gottes für ein Vergehen. Wenn ich Beschwerden wegen einer ungesunden Lebensweise bekomme, dann ist das keine Strafe Gottes, sondern die logische Konsequenz meines Handelns. Gott steht auf der Seite der Kranken. Für sie und für alle seine Menschenkinder wünscht er sich Heil und Heilung.
Aber was könnte Jesus dann meinen, wenn er sagt: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre? Am ehesten leuchtet mir folgende Deutung ein:
Der Mensch hier hat verlernt, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Das passiert uns manchmal auch, wenn wir nicht aufpassen. Es ist gut, wenn wir uns gegenseitig ermahnen und ermutigen, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Es ist gut, wenn wir unsere eigenen Entscheidungen treffen. Das ist die Seite, die wir leichter und gerne in Anspruch nehmen. Dazu gehört dann aber auch, dass wir für die Konsequenzen gerade stehen.
Gott hilft den Menschen, die aus Unachtsamkeit ihre eigenen Spielräume und ihre eigene Verantwortung aus dem Blick verlieren; aber wer das vorsätzlich und mit Absicht tut; wer sich ganz bewusst vor der eigenen Verantwortung drückt und sie auf andere abwälzt, dem ist nicht mehr zu helfen. Du bist gesund geworden; sündige nicht mehr: Du bist mündig geworden. Du weißt, was Du kannst – steh‘ dazu und versteck‘ Dich nicht hinter anderen. Du hast die Freiheit, Dein Leben so zu gestalten, wie Du es für richtig hältst. Und Du trägst die Verantwortung für die Entscheidungen die Du triffst – auch für die Entscheidungen, die Du vor Dir herschiebst oder um die Du Dich herumzudrücken versuchst. Steh auf und mach Dich auf den Weg in Dein Leben.
