Predigt am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 9. November 2025,
über Lukas 6,27-38 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Lukas 6,27-38
27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.
38Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
Liebe Gemeinde!
1) Die andere Wange hinhalten – im Ernst?
Wenn Putin dir die Krim nimmt und den Donbass besetzt, dann gib ihm auch noch Kiew und Charkiw und den ganzen Rest dazu.
Wenn die Hamas 1.139 Menschen das Leben nimmt und 250 Geiseln verschleppt, dann gib ihr auch noch das ganze Land from the river to the sea.
Das sind nur zwei Beispiele aus der endlosen Liste der Grausamkeiten. Die andere Wange hinhalten – echt jetzt?
„Gerechtigkeit und Frieden“ gehören zusammen. Ohne Frieden ist die Gerechtigkeit wertlos, ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Deshalb ist das mit der anderen Wange nicht so einfach, wie es scheint. Es ist aber auch nicht so naiv, wie manche meinen.
Im dritten Buch Mose steht der weise Rat: „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst“ (Lev 19,17). Schuldig macht sich nicht nur, wer anderen Unrecht tut; schuldig macht sich auch, wer das sieht und nichts unternimmt. „Zurechtweisen“ ist ein dehnbarer Begriff. „Lieber Herr Putin, hören Sie bitte auf“ hilft nichts. „In die Schranken weisen“ müsste es da wohl eher heißen – und zwar wirksam in die Schranken weisen.
Liebt eure Feinde. Das heißt nicht „hegt positive Gefühle für Gewalttäter“. Niemand soll Hass oder Gewalt gut finden. Das wäre das Gegenteil von dem, was Jesus wollte. Heute, am 9. November, erinnern wir uns an unterschiedliche Ereignisse in der deutschen Geschichte:
1938 hat sich der Hass gegen Juden organisiert an jüdischen Geschäften entladen. Die Erinnerung daran mahnt zur Solidarität mit allen, die heute ausgegrenzt werden oder für „nicht dazugehörig“ erklärt. Sie mahnt zum Schutz der Schwachen.
1989 brach die Mauer an der Grenze der DDR zusammen. 40 Jahre hatten Menschen die Unterdrückung und die Schikane des Regimes erlitten. Immer mehr hatten sich dann gegen dieses Regime gestellt, ohne die Unterdrückung und Schikane mit Gewalt zu beantworten.
Liebt eure Feinde – lasst Euch nicht von ihrem Hass anstecken. Greift nicht zu denselben falschen Methoden. Lasst Euch nicht in den Sumpf des Hasses hineinziehen, der immer nur zurückschlagen kann.
2) Einseitigkeit und Gegenseitigkeit
Liebt eure Feinde. Nicht emotional, das geht nicht. Feindesliebe ist keine Frage von Sympathie. Wenn mir einer blöd kommt, dann kann ich den nicht nett finden. Aber ich kann versuchen, nicht genau dasselbe zu tun, was mich an dem anderen doch gerade stört. Mein erster Impuls ist ja oft: „Wie du mir, so ich dir.“ Besonders klug ist das aber nicht, wenn ich anderen das antue, was ich selbst nicht will. Deshalb sagt Jesus: Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Wenn Dich stört, wie Dich jemand behandelt, dann lass Dich nicht dazu bringen, genau dasselbe zu tun, was Dich am Verhalten anderer stört. Niemand möchte gerne schlecht behandelt werden – beleidigt, gemobbt, niedergemacht, öffentlich bloßgestellt. Besinn Dich auf das, was Du selbst gut findest, und nimm das zum Maßstab. Seid barmherzig, so wie Gott barmherzig ist. Anders gesagt: „Wie Gott mir, so ich dir“.
Hinter dieser Goldenen Regel steckt eine paradoxe Logik: Wenn ich schlecht behandelt werde, soll ich das nicht nachmachen – in der Hoffnung, dass andere mein gutes Verhalten dann nachmachen. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Wenn ich andere gut behandle, tue ich das aus zwei Gründen:
1) Weil ich das richtig finde und davon überzeugt bin, dass das gut ist.
2) Weil ich selbst auch gerne gut behandelt werden will und hoffe, dass das abfärbt.
Jesus wirbt dafür, das wütende „wie du mir, so ich dir“ zu unterbrechen. Ich soll mich auf das besinnen, was ich selbst für wünschenswert und richtig halte – in der Hoffnung, dass das andere ansteckt und sie dann denken: „Der war gut zu mir, also will ich auch gut zu ihm sein.“ Da bekommt das Motto „wie du mir, so ich Dir“ einen guten Sinn.
3) Gruppenidentität durch Öffnung nach außen
Es gibt bei der Feindesliebe noch ein anderes Paradox: Jesus spricht hier zu seinen Jüngern – zu den engsten Vertrauten, zum inner circle. Heute nennt man das in der Kirche die Kerngemeinde oder die Hochverbundenen. Jesus beschreibt, wie es in der Gemeinde zugehen soll. Er formuliert so etwas wie ein Grundgesetz für die Gemeinschaft der Menschen, die sich zu ihm halten. Dafür nimmt er auf, was im Alten Testament steht: „In deinem Herzen soll es keinen Platz für Hass geben … Stattdessen sollst du deinen Mitmenschen [deinen Nächsten] lieben wie dich selbst“ (Lev 19,17f). Bei Jesus heißt das dann: „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Gebt ihnen eine zweite Chance, wenn sie Euch beleidigt, beschimpft oder betrogen haben. Die Liebe soll Euer Erkennungszeichen sein. Daran soll man erkennen, dass ihr zu mir / zu Gott gehört“. Jesus spitzt das zu in verschiedenen Beispielen und vorab in dem Gebot, das wie eine Überschrift am Anfang dieses Abschnitts steht: Euch, die ihr zu mir gehört, sage ich: Liebt auch Eure Feinde.
Das macht die Identität dieser Gruppe aus, die sich um Jesus schart: Sie überschreitet mit der Liebe die Grenzen der eigenen Gruppe. Gerade darin findet sie die Identität als Gruppe. Das „Wir“ der Kirche definiert sich nicht über die Abgrenzung von denen, die als „die anderen“ abgestempelt werden. Das „Wir“ der Kirche wächst daran, dass sie die eigenen Blase verlässt. Kirche ist keine Kuschelgruppe aus Gleichgesinnten. Ihre Besonderheit liegt darin, dass die Liebe die Brücke schlägt über alle Unterschiede und alle Formen von Grenzen hinweg. Jesus bewegt die Seinen dazu, die Komfortzone zu verlassen. Sie sind dann am stärksten, wenn sie sich auf die Begegnung mit anderen einlassen – aufgeschlossen, ohne Vorurteile; ohne den Drang, anderen die eigene Überlegenheit beweisen zu wollen; barmherzig und großzügig.
4) Kein Vergebungsdruck
Ein letztes noch. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben. Es ist ein Geschenk, wenn ein Mensch einem anderen vergeben kann – Ein Geschenk für den, dem vergeben wird, und (vielleicht mehr noch) ein Geschenk für den, der vergibt. Das befreit die eigene Seele von Verbitterung. Es öffnet den Blick für Neues. Auch die Vergebung soll nicht auf den vertrauten Kreis der gleichgesinnten Frommen beschränkt bleiben. So weit, so gut.
Es gibt aber auch einen zerstörerischen Vergebungsdruck: Wenn Menschen traumatisiert sind von dem, was andere ihnen angetan haben, dann ist es zynisch, von ihnen zu verlangen: Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben. Gerechtigkeit und Frieden gehören zusammen. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Wer Leid erlitten hat, hat ein Recht darauf, dass das Leid anerkannt wird und Schuldige zur Verantwortung gezogen werden.
Wenn es einem Menschen geschenkt ist, denen zu vergeben, die an ihm schuldig geworden sind, dann ist das etwas Wunderbares und kann der Seele Frieden schenken. Wenn aber die Vergebung nur dazu dienen soll, Tätern ohne Gerechtigkeit zu einem ruhigen, gemütlichen Leben zu verhelfen, dann ist das verantwortungslose Gotteslästerung. Bei der Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt kam das als ein spezifisches Problem in der Kirche ans Tageslicht: Von sexualisierter Gewalt Betroffene wurden zur Vergebung aufgefordert, ohne dass Täter Reue gezeigt und Verantwortung übernommen hatten. Das verlängert das erlittene Leid oder vergrößert es sogar noch. Deshalb ist und bleibt für mich die wichtigste Mahnung in diesem Abschnitt: Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Das ist der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit.
