Predigt am voretzten Sonntag des Kirchenjahres, 16. November 2025,
über Hiob 14,1-15 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Hiob 14,1-15
1Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.
7Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. 8Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub erstirbt, 9so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. 10Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? 11Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, 12so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.
13Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! 14Meinst du, einer stirbt und kann wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. 15Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.
Liebe Gemeinde!
1) Das geht vorbei – ein tröstlicher Gedanke
Ein alter, weiser König lag im Sterben. Er bat seinen jungen Sohn, den Thronfolger, zu sich. „Mein Sohn, sagte er, auf dich warten große Aufgaben und ich verstehe, dass du unsicher bist. Deshalb nimm diesen Ring.
Wenn alles gut läuft, deine Ehe harmonisch ist und die Kinder gesund sind, und wenn die Ernte üppig ausfällt und dein Volk dich liebt – dann lies die Inschrift des Rings.
Und wenn alles schlecht läuft und die Ehe kriselt, wenn der Tod deine Familie heimsucht, die Felder verdorren und das Volk protestiert – dann lies ebenfalls die Inschrift des Rings.
Der Prinz nahm daraufhin den Ring an sich. Und als er allein war, las er die Inschrift. Es waren nur vier Worte: […] Auch das geht vorbei.“
aus Benedict Wells, Hard Land
Wenn ich als Kind schlecht gelaunt aus dem Fenster geschaut habe, weil es wie aus Kübeln geschüttet hat und ich nicht zum Spielen nach draußen konnte, dann hat meine Mutter manchmal gesagt: „Das geht vorbei“.
Altstadtfest in Durlach: Kein Durchkommen in den Gassen und Straßen; auf dem Balkon fliegen mir bis spät am Abend die Bässe von zwei verschiedenen Bands um die Ohren. Dann sage ich mir: „Das geht vorbei“.
Alles Schlechte und Schwere geht einmal vorbei: Das schlechte Wetter; der Lärm und das Gedränge; der Druck im Magen, wenn Du zu viel gegessen hast; der Liebeskummer. Das ist tröstlich. „Alles hat ein Ende …“.
2) Das geht vorbei – ein erschreckender, wehmütiger Gedanke
Aber auch das Schöne und Gute hat ja ein Ende – dieser Gedanke ist alles andere als erfreulich. Dann und wann hadern wir (wie Hiob) damit, dass unserem Leben eine Grenze gesetzt ist. Wir verstehen die Klage darüber, das das Leben kurz ist und doch voller Unruhe. Wie eine Blume blüht der Mensch auf und wird abgeschnitten. Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht.
Wenn der Sommer seinem Ende zugeht und es am Abend schon kühl wird, dann denke ich: „Das ist jetzt vielleicht der letzte Abend in diesem Jahr, an dem ich draußen sitzen kann“. Das ist dann zwar „nur“ für dieses Jahr das letzte Mal; aber zumindest wenn man älter wird, denkt man dabei auch daran, dass es einmal einen letzten Sommer geben wird. Der Mensch … blüht wie eine Blume … auf und wird abgeschnitten. Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht. Wenn ein Mensch stirbt, dann ist es aus mit ihm.
Vielleicht kennt Ihr das: Ich erinnere mich an Momente im Leben – in Kindertagen oder bei ganz besonderen Anlässen, bei denen ich erkenne: Das ist endgültig vorbei, das wird nie mehr so sein. Bei der Abi-Feier unseres Sohnes dachte ich: Die Kindheit unserer Kinder ist endgültig vorbei. Das gibt einen Stich ins Herz und könnte melancholisch werden lassen.
Bei diesen Erinnerungen kann ich anderes danebenstellen: Meine Kindheit ist schon lange vorbei, aber dafür kam anderes. Meine Kinder sind keine Kinder mehr, aber sie sind weiterhin ein Teil meines Lebens. Doch eines Tages wird dieses Leben an sein Ende kommen. Nie mehr an lauen Sommerabenden auf dem Balkon sitzen und lesen. Nie mehr Bilder auf tik tok anschauen oder teilen. Nie mehr in das lachende Gesicht eines netten Menschen schauen und Scherze machen. Nie mehr ein fröhliches Lied singen. Nie mehr Döner essen. Da hilft wohl nur, die Schönen und Guten Dinge dankbar und bewusst zu genießen – Tag für Tag.
3) Vergängliches ist (deshalb noch lange) nicht vergeblich<
Vielleicht hilft es auch, wenn wir uns klarmachen: Unser aller Leben ist zwar vergänglich; aber deshalb ist es noch lange nicht vergeblich! Manchmal denken wir ja: „Nur was Bestand hat, hat einen Wert. Nur woran man sich noch lange nach uns erinnert, ist von Bedeutung“. Da verwechseln wir vergänglich mit vergeblich.
Der Schlaf in der Nacht endet (spätestens) damit, dass wir am nächsten Morgen aufwachen; aber ist er deshalb vergeblich, wenn ich doch gut erholt mit neuer Kraft aufwache?
Die Blüte der Obstbäume ist nach wenigen Wochen vorbei – aber sie war nicht vergeblich: Der Blütenstaub hat zu neuem Leben beigetragen.
Das freundliche Lächeln des Menschen, der mir in der Bahn gegenüber sitzt, weckt Vertrauen und hebt die Stimmung. Es ist vergänglich, aber keineswegs vergeblich. Wäre es dauerhaft festgefrorenen im Gesicht meines Gegenübers, dann wäre es sogar weniger wert.
Ich finde, wir handeln das Leben unter Wert, wenn wir in der Vergänglichkeit immer schon einen Makel sehen. Die Vergänglichkeit ist kein Grund zum Verzweifeln; sie ist eine Gegebenheit, die alle Menschen miteinander (und mit allen Geschöpfen) verbindet. Lebewesen sind Sterbewesen. Nur was irgendwann stirbt, ist lebendig.
Uns ist eine Spanne Lebens zugemessen, in der wir Liebe empfangen und Liebe schenken können. Wir können in begrenzter Zeit anderen Menschen Freude bereiten. Wir können Menschen begegnen, die uns auf einem Abschnitt unseres Weges begleiten und die wir ein Stück begleiten; die uns in einer Situation unseres Lebens verstehen. Das alles kann in der begrenzten, vergänglichen Zeit unseres Lebens geschehen; das alles ist unendlich kostbar und wird vom Tod nicht zunichte gemacht. Vergängliches Leben ist nicht vergeblich.
4) Verantwortung – verbirg mich vor deinem Zorn
Hiob hadert nicht nur mit der Endlichkeit, sondern mehr noch mit dem Leid, das er erlebt. Er kann gar nicht anders, als den Gedanken an erlittenes Leid mit der Frage nach Schuld zu verbinden. Ganz fremd ist uns das nicht: „Womit habe ich das verdient?“ fragen wir, wenn uns etwas passiert. „Was habe ich getan, dass ich so gestraft werde?“
Gott wird die Menschen zur Verantwortung ziehen für ihr Leben. Gott wird würdigen, was gut war und wird richten über das, was schädlich war. Du … richtest du deine Augen auf ihn und gehst mit ihm ins Gericht. Gott sagt beim Blick auf die Menschen nicht einfach „Das geht vorbei“. Ich werde zur Rechenschaft gezogen für die Art und Weise, wie ich gelebt habe. Und weil in kein Mensch alles immer nur super macht, spricht die Bibel vom Zorn Gottes: Der richtet sich gegen alle bösen Taten, Worte oder Gedanken der Menschen – auch gegen die verpassten Gelegenheiten zum Guten.
Hiob bringt sein Leid in Verbindung mit diesem Zorn Gottes, von dem er aber gar nicht so recht weiß, wofür er ihn verdient hätte. In seinem Hadern mit diesem Zorn äußert er eine Bitte an Gott: Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist. „Schütze mich vor deinem Zorn“. Diese Bitte könnte er auch aufrecht erhalten, wenn er den Zorn Gottes für berechtigt hielte: „Gott, Du zürnst mir – ob zu Recht oder zu Unrecht, das weißt nur Du. Auf jeden Fall bitte ich Dich: Schütze mich vor Deinem Zorn“. Beispiele fallen mir genug ein, die auch mich sagen lassen: „Gott, verbirg mich vor Deinem Zorn und schau nicht so genau hin – auf meinen Neid; auf mein Zögern, als ich jemandem hätte helfen sollen; auf meine Arroganz, wenn ich wieder einmal denke, dass ich es besser weiß als Donald Trump“.
Und dann schließt Hiob mit einem bemerkenswerten Ausblick: Wenn ein Mensch stirbt, ist sein Leben aus. Wenn du mich aber verbirgst (vor deinem Zorn), könnte ich warten. Du würdest mich rufen und ich würde dir antworten. Du würdest dich wieder freuen an deinem Geschöpf. Ganz zaghaft meldet sich hier die Hoffnung, dass der Zorn Gottes nicht das letzte Wort hat; dass das Leben auch nach dem Tod und nach dem Gericht Gottes Bestand hat; dass Gott auch danach Freude an seinem Geschöpf hat.
Ich verbinde das einmal mit dem Wochenspruch für die neue Woche: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2. Korinther 5,10). Christus richtet über unser Leben: Er, der uns in seinem Grab vor dem Zorn Gottes verborgen hält, bis Gott uns ruft und wir antworten. Nichts und niemand kann zunichte machen, was Gott uns mit dem Leben und mit der Liebe schenkt – auch nicht der Tod. Gott wird sich wieder freuen an seinem Geschöpf und wir werden antworten.
