Predigt am Ewigkeitssonntag, 23. November 2025,
über Matthäus 25,1-13 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
Jesus hat den Menschen davon erzählt, was Gott mit ihnen und mit der Welt vor hat. Dafür hat er immer wieder Vergleiche mit Beispielen aus dem Alltag verwendet: Ein Hirte sucht nach einem Schaf, das sich verlaufen hat. Wer nichts vom Leben eines Hirten weiß und sich zum Beispiel vorstellt, dass jedes Schaf ein Halsband mit einem GPS-Tracker trägt, der wird das nicht oder völlig falsch verstehen.
Manchmal hat Jesus auch völlig absurde Alltagsbeispiele erzählt, bei denen die Zuhörer sofort gedacht haben müssen: „Das macht doch keiner so, das wäre doch völlig be… / absurd – einfach dumm“. Um so ein Gleichnis geht es heute. Und damit wir das richtig deuten können, schicke ich drei Erklärungen voraus, ehe ich es vorlese.
1) „Wachen“ hat verschiedene Bedeutungen: Zum einen ist das ein körperlicher Zustand im Unterschied zum Schlaf. Dann beschreibt das eine Aufgabe beim Militär: Soldaten halten Wache im Lager oder am Stadttor. Und schließlich wachen (im übertragenen Sinn) eine Mutter oder ein Vater über ihre Kinder, indem sie auf sie achtgeben und für sie sorgen.
2) Unser deutsches Wort „Lampe“ geht zurück auf das griechische Wort lampas (lampas). Das bedeutet auch oder eher noch „Fackel“ oder „Gefäßfackel“: An einem Stab war ein Gefäß angebracht, in dem ein mit Öl getränkter Lappen angezündet wurde. Damit konnte man dann im Freien leuchten. Ohne Öl wäre der Lappen im Nu verbrannt.
3) Bei Hochzeitsfeiern war es üblich, dass der Bräutigam von „Brautjungfern“ mit solchen Fackeln in das Haus seiner Braut begleitet wurde. Diese jungen unverheirateten Frauen bekamen etwas dafür, dass sie dem Bräutigam entgegengingen. Sie konnten damit etwas zu ihrem Lebensunterhalt beitragen. Zugleich konnten sie sich dabei als umsichtige, tüchtige Frau präsentieren und so ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt erhöhen.
Von Brautjungfern, die mit Fackeln wachen, lässt der Evangelist Matthäus Jesus folgendes Gleichnis erzählen:
1Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. 2Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.
5Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. 6Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! 7Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.
8Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. 9Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst.
10Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. 11Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! 12Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.
13Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.
Wir haben uns im Predigtgespräch gefragt, ob die fünf klugen Jungfrauen wohl wie die allseits unbeliebten Streberinnen sind, die niemanden abschreiben lassen. Wo bleibt hier die weibliche Solidarität? Eine Kollegin schreibt in einer Predigthilfe: „Wenn Gott wie der Bräutigam in dem Gleichnis wäre, dann würde ich weiterschlafen wollen. [Wenn Gott von uns fordert, dass wir angesichts der Ewigkeit unserer Nächsten Hilfe verweigern und nur auf unseren eigenen Vorteil bedacht sein sollen, dann weiß ich nicht, ob ich Anteil an dieser Ewigkeit haben will]“.
Recht hat sie – nur geht es hier nicht darum, wie Gott sortiert; es geht auch nicht um ein Rumgezicke der als klug bezeichneten Jungfrauen.
Die Fackeln brauchen Öl. Ohne Öl sind sie sinnlos, da kann ich es gleich bleiben lassen. Wer legt denn vier blanke Dochte auf den Adventskranz ohne Wachs drumherum und fragt dann an Weihnachten den Nachbarn, ob er vielleicht etwas Wachs für ihn übrig hat?
Oder denken wir an eine Urlaubsreise: Dem Versäumnis der törichten Jungfrauen entspricht nicht die aus Schusseligkeit vergessene Sonnencreme – das kann vorkommen; aber wer packt denn überhaupt nichts ein und geht mit einem leeren Koffer auf Reise?
Es geht um die Frage an mich: Bin ich auch so blöd, dass ich die Chance meines Lebens vertue und andere für mein Leben verantwortlich mache? Stolpere ich leer und hohl durchs Leben oder übernehme ich Verantwortung dafür und setze meine Begabungen und Fähigkeiten ein?
Klug ist, wer die lebensdienlichen Worte von Jesus hört und sich zu Herzen nimmt. Klug ist, wer den eigenen Auftrag in diesem Leben entdeckt und ausführt. Nach diesem Gleichnis folgt das Gleichnis von den anvertrauten Talenten und dann der Abschnitt mit den sogenannten Werken der Barmherzigkeit. Da sagt Christus am Ende der Zeit zu denen, die auf der einen Seite stehen: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen“. Auf ihre erstaunte Rückfrage, wann das gewesen sein soll, antwortet er: „Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind -, das habt ihr für mich getan“.
Jesus Christus ruft uns dazu auf, ihm entgegenzugehen: Sein Licht in die Welt zu tragen, indem wir als Schwestern und Brüder füreinander da sind. Es geht ihm gerade um ein gutes, ein hilfsbereites Miteinander – und nicht etwa um ein Plädoyer für Egoismus. Es wäre töricht, seinen Rat und seine Ermutigung außer Acht zu lassen. Es wäre töricht, die eigenen Begabungen und Talente nicht einzusetzen. Es wäre töricht, anderen das eigene Leben zu überlassen; nicht selbst aktiv zu werden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Was andere an Schlechtem tun, ist keine Entschuldigung für meine Fehler. Und was andere an Gutem tun, kann ich mir nicht auf meine Rechnung schreiben. Was ich an Gutem nicht tue, lässt mein Licht verlöschen.
Es geht nicht um das Sortieren am Ende, sondern es geht um meinen Beitrag in diesem Leben heute. Gott traut uns zu, dass wir dieses Leben gestalten; dass wir selbst aktiv mit eingreifen – auftanken und Kraft schöpfen und uns dann auf den Weg machen – ihm entgegen.
Noch ein Wort zum „wachen“: Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Alle schliefen ein, die törichten Jungfrauen und genauso auch die klugen. Das ist ganz natürlich und auch völlig in Ordnung so. Niemand soll über die eigenen Kräfte leben. Und gerade das Trauern lässt manchmal unfassbar müde werden. Beim Apostel Paulus gibt dazu es eine Stelle, die mir sehr gefällt: „Lass uns nicht trauern wie die andern, die keine Hoffnung haben“. Nehmt die Hoffnung mit auf Euren Weg. Niemand muss mit leeren Händen oder leerem Herzen gehen – weder auf den Friedhof noch an irgendeinen anderen Platz auf dieser Welt.
Unsere Herzen, unsere Gedanken, unsere Gebete sind heute bei unseren Toten. Gott hat sie abberufen in die Ewigkeit. Sie sind uns voraus. Sie haben Platz genommen an der himmlischen Festtafel. Der Schmerz wird vielleicht nie ganz vergehen – denn natürlich vermissen wir sie in unserer Mitte. Lassen wir uns in unserer Trauer von Gott das Öl der Hoffnung in unsere Herzen füllen: Unsere Toten sind nicht einfach tot. Sie leben bei Gott. Sie feiern bereits das himmlische Freudenmahl und warten dort auf uns. Machen auch wir uns bereit für den Tag und die Stunde, in der der Bräutigam kommt – solidarisch mit allen, die von Leid und Geschrei und Schmerz geplagt sind. Und wenn es dann eines Tages so weit ist, dann lasst uns ihm folgen und einstimmen in den Lobgesang der Engel.
