Predigt am 2. Advent 2025, 7. Dezember 2025
über Lukas 21,25-33 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Lukas 21,25-33
25Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

29Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
32Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Liebe Gemeinde!

1) Weltuntergangsstimmung – damals und heute
Auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht. Alte Worte, die wie eine Zustandsbeschreibung der Welt von heute klingen: Steigende Meeresspiegel, Flutkatastrophen, Kriege ohne Aussicht auf einen Ausweg. Angst macht sich breit. Endzeitstimmung.

Dazu das Gleichnis vom Feigenbaum: Der schlägt im Frühling aus. Daran kann ich sehen, dass bald der Sommer kommt. Die sprießenden Knospen belegen: Der Sommer steht bevor.
So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Soll das also heißen: An Naturkatastrophen und verängstigten Menschen kann ich ablesen, dass das Reich Gottes nahe ist?

Immer wieder haben Menschen das genau so verstanden. Immer wieder wurden beängstigende Ereignisse als Zeichen dafür gedeutet, dass der Weltuntergang und das Gericht Gottes bevorstehen.
Naturkatastrophen lösen Angst und Unruhe aus. Ich verstehe, dass Menschen dann denken „Die Welt geht zu Ende, das Gericht Gottes bricht über uns herein“. Wäre es so abwegig, dass sich Gott bei den Folgen des Klimawandels denkt: „Das habt Ihr Menschen selbst verursacht, jetzt müsst Ihr eben mit den Konsequenzen leben“?

Aber ich denke, dem Evangelisten Lukas geht es nicht um das Ende der Welt, sondern um den Beginn des Reiches Gottes. Und das ist nicht an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Ich lese noch einmal die beiden Schlüsselverse: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und: Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. Um das einzuordnen, will ich ein paar Sätze zur geschichtlichen Situation damals sagen.

2) Die Wehen gehen vorüber, das Reich Gottes kommt gewiss
In den Jahren 66 bis 70 n. Chr. fand der große „jüdische Krieg“ statt. Es war der erste von drei jüdischen Aufständen gegen die Unterdrückung durch die Römer. In diesem Zusammenhang kam es zu einem Bürgerkrieg in Jerusalem. Im Jahr 70 wurde die Stadt von römischen Truppen belagert und erobert. Jüdische Rebellen verteidigten zuletzt noch den Tempel; deshalb wurde er von den Römern als feindliche Festung angesehen. Er ging in Flammen auf und wurde am Ende geschleift.

Der Tempel war weit mehr als ein religiöser Versammlungsort wie für uns eine Kirche. Er war das Symbol für die Gegenwart Gottes bei seinem Volk. Er war das steingewordene Versprechen Gottes: „Ich bin für euch da“. Als dieser Tempel zerstört war, haben sich viele gefragt: „Ist denn kein Verlass mehr auf unseren Gott und auf das, was er uns versprochen hat?“

Als das Lukasevangelium aufgeschrieben wurde, da waren diese Ereignisse mit ihren Schrecken noch in lebendiger Erinnerung. Das rüttelte am Fundament des Glaubens – nicht nur bei Juden, sondern auch bei Christen, die zuvor Juden gewesen waren und sich der Stadt und dem Tempel verbunden wussten. Sie wussten davon, dass Jesus das Versprechen von der Nähe Gottes erneuert und den Beginn der Gottesherrschaft (des Reiches Gottes) angekündigt hatte; aber was sollte man von diesem Versprechen halten, wenn Gott nicht einmal den Tempel vor dem Wüten der römischen Besatzungsmacht beschützt hatte? Da war den Menschen Angst und bang geworden. Sie waren verzagt und vergingen vor Furcht.

Für die Menschen damals und für uns heute lenkt das Lukasevangelium den Blick in eine andere Richtung: „Wenn all diese furchterregenden Dinge geschehen, dann stimmt kein Weltuntergangs-Lamento an, sondern lasst Euer gebeugtes Rückgrat aufrichten. Ihr sollt keine furchtgebeugten Mägde und Knechte sein; keine Duckmäuser, die sich selbst klein machen, sondern aufrechte, gerade Menschen, die erhobenen Hauptes ihrem Gott entgegensehen. Bleibt standhaft und besinnt Euch auf das, was Gott mit dieser Welt vorhat. Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

3) Haltet in Angst an dem Wissen fest: Gottes Reich ist nah
Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Je länger ich darüber nachdenke, desto irreführender finde ich in diesem Zusammenhang das Gleichnis mit dem Feigenbaum: Kann man an diesen Zeichen an Sonne und Mond und Sternen ablesen, dass Gottes Reich kommt? Ist das Brausen und Wogen des Meeres erforderlich und müssen die Kräfte der Himmel ins Wanken kommen, damit Gottes Wille sich durchsetzt?
Ich sage: Nein, Katastrophen und fürchterliche Ereignisse sind keine Anzeichen dafür, dass Gott besonders nahe ist und sie sind auch keine Bedingung dafür, dass das Reich Gottes kommen kann. Gott kommt unabhängig von solchen Zeichen. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17,21). Ihr spürt es dort, wo Ihr Euch einlasst auf Gott und seinen Plan für Euch, für Euer Leben und für diese Welt. Das Reich Gottes keimt in Euch und geht auf wie die Saat auf dem Feld – auch dann, wenn es nicht offensichtlich ist oder sogar vieles dagegen zu sprechen scheint.

Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst – dann besinnt und konzentriert Euch darauf, dass das Reich Gottes nahe ist. Gott braucht keine Katastrophen und er will keine Katastrophen als Vorboten für sein Kommen. Aber sie sind auch keine „Beweise“ dafür, dass wir von Gott verlassen wären. „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge“, so würde ich heute vielleicht keinen Apfelbaum pflanzen, aber doch aufsehen und das Haupt erheben zu dem, der zu uns hält – was immer auch geschieht. Wenn dieses anfängt zu geschehen, dann haltet Euch an Euren Gott. Verlasst Euch nicht auf angebliche Zeichen an Sonne und Mond und Sternen, sondern verlasst Euch auf Gottes Wort. Es trägt auch in Erschütterungen und Zusammenbrüchen.

4) Das Reich Gottes ist mitten unter euch – und auch das Böse
Wir neigen dazu zu denken: „Böse – das bin nicht ich, das sind die anderen“. Aber manchmal sind wir selbst eine Zumutung für andere und eine Last für uns selbst. Das Reich Gottes ist „mitten unter euch“ und das Böse ist mitten unter uns selbst. Mit der Vaterunser-Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ bitten wir Gott auch, uns von dem zu erlösen, was wir selbst verursacht haben und wovon wir uns nicht selbst befreien können. Auch wenn wir uns selbst zur Last werden, gilt der Ruf: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

5) Lebensbilder gegen die Schrecken
Die menschliche Phantasie ist gut darin, düstere Weltuntergangsbilder zu zeichnen, die in Angst und Schrecken versetzen. Viel lohnender und viel biblischer ist es aber, Bilder vom aufkeimenden Leben zu malen: Vom ausschlagenden Feigenbaum; von der wie von selbst wachsenden Saat, vom Weinstock und den Reben. Das sind Bilder vom Anbrechen des Gottesreiches mitten unter Euch. Wann immer Euch bange wird; wann immer Ihr Euch fürchtet oder Ihr niedergeschlagen seid, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

symbol back to top