Predigt an Heiligabend, 24. Dezember 2025, in der Christvesper
über Hesekiel 37,24-28 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach

von Pfarrer Thomas Abraham

Hesekiel 37,24-28
24Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

25Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.
27Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein,
28damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.


Liebe Gemeinde!

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1).

Es waren düstere Zeiten vor knapp 2200 Jahren: Der Seleukiden-König Antiochus IV ließ den Tempel in Jerusalem plündern und machte ihn zu einer Kultstätte für Zeus. Jüdische Gottesdienste wurden verboten und die Juden wurden zu Opferhandlungen für Zeus gezwungen. Das provozierte einen jüdischen Aufstand. Angeführt wurde er von den Makkabäern. Mit Guerilla-Taktiken setzten sie sich gegen die Seleukiden zur Wehr. Nach drei Jahren war der Tempel zurückerobert und der jüdische Tempelkult konnte wieder beginnen.
Von der Tempelweihe damals erzählt man sich, dass nur noch ein einziger kleiner Krug mit geweihtem Öl übrig war – gerade genug für einen Tag; aber die Herstellung des neuen geweihten Öls dauerte acht Tage. Doch wundersamerweise brannten die Lichter acht Tage lang.
An dieses Wunder erinnert der achtarmige Chanukka-Leuchter. An jedem Tag des Festes wird ein weiteres Licht entzündet, bis zuletzt alle acht leuchten. Er wird an ein Fenster gestellt, damit Vorbeigehende ihn sehen können. Chanukka bedeutet auch, den jüdischen Glauben für andere sichtbar zu leben.
Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Das Blümlein, das ich meine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis (EG 30,2).

Es sind düstere Zeiten, wenn jüdischen Menschen bei einem solchen Fest ihr Leben genommen wird. Es sind düstere Zeiten, wenn Menschen wie Sajid Akram und sein Sohn Naveed andere Menschen erschießen und auch noch davon überzeugt sind, dass ihr Glaube ihnen nicht nur das Recht dazu gebe, sondern dass das sogar für ihre religiöse Pflicht halten.

Es steht geschrieben: „Auge um Auge, … Zahn um Zahn; aber wer aus Mildtätigkeit darauf verzichtet, der wird damit einige seiner vergangenen Sünden sühnen“ (Sura 5,45). Das ist nicht ganz so radikal formuliert wie das Jesus-Wort in der Bergpredigt von der anderen Backe; aber dieses Wort aus dem Koran folgt derselben Idee: Vergeltung bringt keinen Frieden. Vergeltung schürt nur immer wieder neuen Hass. Der Gewalt entgegentreten fördert Frieden. Menschenleben schützen fördert Frieden. Darauf liegt der Segen Gottes. Der 43jährige Ahmed Al Ahmed hat ungleich mehr vom muslimischen Glauben verstanden als Sajid und Naveed Akram. Er hat ein sichtbares Zeugnis davon abgelegt, wie Gott sich das Miteinander der Menschen gedacht hat. Er steht auf der Seite des Lichts. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Es sind düstere Zeiten, wenn Menschen nur danach beurteilt werden, zu welcher Personengruppe oder Nationalität sie gehören. Es sind düstere Zeiten, wenn Menschen verurteilt werden, weil sie zu keiner der traditionellen Geschlechtsidentitäten gehören. Es sind düstere Zeiten, wenn Menschen dafür verurteilt werden, wen sie lieben oder woran sie glauben oder weil sie nicht glauben.
Umso wichtiger sind in solchen Zeiten Menschen, die Licht in das düstere Land bringen – Menschen wie der Jude Zvika Klein. Er ist Chefredakteur der Jerusalem Post. Am Tag des Anschlags am Bondi Beach hat er einen Artikel veröffentlicht über Ahmed Al Ahmed.
Klein hält es für angebracht, dass die jüdische Welt ihn für seinen Einsatz ehrt – „öffentlich und formell“: „Der Staat Israel sollte ihn anerkennen. Vielleicht sollte er der nächste Preisträger des Genesis-Preises sein“. Man nennt diesen Preis den jüdischen Nobelpreis. Er wird an Juden vergeben, die durch besondere Leistungen in den Bereichen Wissenschaft und Kunst zu Vorbildern für andere geworden sind und die sich für das jüdische Volk oder den Staat Israel engagieren (Wikipedia). Als Begründung schreibt Zvika Klein: Diese Tat, dieses Eingreifen zum Schutz von Menschenleben ist in seinen Augen „Chanukka“, weil ein Mensch Verantwortung übernommen und die Dunkelheit zurückgedrängt hat. „Ahmed al-Ahmed erinnerte die Welt daran, wie Licht aussieht.“
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein; es leucht‘ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis (EG 23,4).

Es sind düstere Zeiten, wenn radikale jüdische Siedler oder die israelische Armee friedliche Palästinenser von ihrem Land und aus ihren Häusern vertreiben und unzählige Menschen dabei ums Leben kommen. Es sind düstere Zeiten, wenn palästinensische Terroristen friedliche Juden bombardieren, ermorden, entführen und sie aus ihrem Land vertreiben wollen.
Umso wichtiger sind in solchen Zeiten Menschen, die Licht in das düstere Land bringen – Menschen wie Daoud Nassar. Er ist Palästinenser, 55 Jahre alt und evangelisch-lutherischer Christ. Seit 2001 betreibt er das Friedensprojekt „Tent of nations“ (Zelt der Völker). Es ist zu Hause auf einem 42 Hektar großen Weinberg im israelisch besetzten palästinensischen Autonomiegebiet – neun Kilometer südwestlich von Bethlehem, umgeben von israelischen Siedlern. Dort begegnen sich christliche und muslimische Jugendliche; es finden Begegnungsfreizeiten für Jugendliche aus Europa statt.
Daoud Nassar steht zwischen den Fronten und hat immer wieder selbst unter Repressionen zu leiden. Trotzdem – oder gerade deswegen – hält er fest an dem Motto des Tent of nations: „Wir weigern uns Feinde zu sein“.
„Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,14). „In den dunklen Gassen das ewge Licht heut scheint für alle, die da traurig sind und die zuvor geweint“ (EG 55,1).

Die Sehnsucht nach diesem Licht ist alt. Die Propheten haben davon gesprochen und haben die Hoffnung wach gehalten auf dieses Licht. Die Weihnachtsgeschichte führt das fort. Es finden sich einige Bezüge zwischen den Worten der Propheten und der Erzählung von der Geburt Jesu:
Dort die Hoffnung auf einen König nach Gottes Willen, einen neuen David, der wie ein guter Hirte das Volk zusammenführen soll – hier die Geburt des Heilands in der Stadt Davids, die da heißt Bethlehem; und die ersten Gäste sind die Hirten vom Feld.
Dort das Versprechen vom sicheren Wohnen der Kinder und Kindeskinder – hier kein Raum in der Herberge für das Kind im Stall.

Und bei alldem: Gott drängt es vom Himmel herab zu den Menschen auf die Erde. Gott schert sich nicht um menschengemachte Grenzen: Die Völker sollen von diesem Gott erfahren. Die große Freude wird allem Volk widerfahren. Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried bei den Menschen – an ihnen allen hat Gott sein Wohlgefallen. Sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Ich nenne nur eines davon: Ein Fremdling „soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,33.34).
Sie alle sollen in dem Land wohnen, sie und ihre Kinder und Kindeskinder. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen. Gott ruft uns auf, Teil dieses Bundes zu sein und diesen Frieden zu fördern, wo immer wir können.

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