Predigt im Gospel-Gottesdienst am 2. Weihnachtstag 2025
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
Oberkirchenrat Dr. Matthias Kreplin
Liebe Gemeinde,
bald sind es vier Jahre, dass in der Ukraine ein grausamer Krieg tobt. Anders als andere Kriege in der Welt hat dieser Krieg für manche Menschen in unserem Land die Gefühlslage verändert. Auf einmal wurde es wieder vorstellbar, dass auch in unserem Land nächtlicher Luftalarm ausgelöst würde, dass auch auf unsere Städte Bomben fallen und unsere Soldaten in Kämpfe geschickt werden. Krieg ist wieder eine Möglichkeit geworden. Und unsere Regierung versucht uns zu überzeugen, dass unser Land kriegstüchtig werden müsse. Aufrüstung ist angesagt. Junge Menschen werden zum Wehrdienst eingezogen – noch freiwillig, aber die Wehr-Pflicht steht am Horizont.
In dieser Situation hören wir dieses Jahr die Weihnachtsgeschichte. Ein zentraler Satz dieser Geschichte ist die Botschaft der Engel: „Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!“ – In der Lutherübersetzung heißt es: „Friede auf Erde bei den Menschen seines Wohlgefallens“ – und gemeint sind alle Menschen, denn allen gilt Gottes Gnade, allen gilt Gottes Wohlgefallen. Welche Impulse kann uns die Weihnachtsgeschichte geben, damit wir uns ausrichten können auf Frieden und nicht einfach nur denen hinterherlaufen, die besonders laut schreien?
Die Weihnachtsgeschichte ist zunächst ein großes Versprechen: Gott wird diese Welt nicht im Stich lassen und ihrem Untergang überlassen, sondern von ihm aus werden Kräfte des Friedens in diese Welt hineinwirken. So wie der Himmel aufreißt und die Engel auf die Erde kommen, so kommt von Gott her eine Kraft des Friedens in diese Welt hinein. Eine Kraft, die nicht allen Unfrieden sofort auflöst, aber eine Kraft, die dem Unfrieden und der Gewalt auch nicht einfach die Übermacht überlasst. Unsere Aufgabe ist nur: Dieser Kraft des Friedens Raum geben, im Vertrauen auf ihr Wirken Schritte in die richtige Richtung gehen. Das ist die Voraussetzung von allem, was über Frieden im Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte zu sagen ist. Aber dann geht diese Geschichte auch sehr ins Konkrete.
Ein zentrales Element von Frieden ist Sicherheit. Ohne Sicherheit kein Frieden. Wenn ich Angst haben muss, dass mir und meinen Lieben Gewalt widerfährt – im offenen Krieg oder in Taten von Terror und Willkür, dann lebe ich nicht in Frieden. Viele Menschen haben in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten ein Niveau von Sicherheit erlebt, wie es noch keine Generation vor uns erlebt hat. Auch bei uns gab und gibt es Unglücksfälle, Anschläge, Gewalt auf der Straße – aber haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, deswegen das Land zu verlassen und an einen anderen Ort zu fliehen? Mir kam dieser Gedanke noch nie. Ich bin ein Leben in großer Sicherheit gewöhnt. Anders als manche Menschen bei uns, die zu Minderheiten gehören: Juden, die eine Kippa tragen und deshalb Angst haben, auf der Straße verprügelt zu werden; Mädchen und Frauen, die mit Kopftuch unterwegs sind und deswegen in manchen Ecken der Stadt mit Anfeindung rechnen müssen; Jugendliche mit fremdländischem Namen oder Aussehen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen. Aber ich vermute: Den meisten von uns ist das fremd. Wir leben in großer Sicherheit.
Die Weihnachtsgeschichte erzählt von einer Welt, in der Sicherheit eine Ausnahmesituation ist. Josef und Maria müssen in der Zeit der Geburt den Weg nach Bethlehem auf sich nehmen, weil ein ferner Kaiser das anordnet. Sie finden keinen Platz in einer Herberge und müssen schließlich das Kind in einem Stall zur Welt bringen. Sicherheit ist etwas anderes. Wenn Gottes Sohn geboren wird – hätte Gott nicht dann für etwas mehr Sicherheit sorgen können? Da wird doch von himmlischen Heerscharen erzählt – also einer Engelsarmee. Hätte Gott nicht diese Engelsarmee einsetzen können, um Maria und Josef zu beschützen? Aber es gibt keine Intervention der himmlischen Heerscharen. Auch wenn Gottes Friedenskraft in die Welt hineinströmt, gibt es keine göttliche Machtdemonstration, die die Gewaltherrscher in ihre Schranken weist. Das ist für mich ein erster Hinweis darauf, dass Frieden nicht nur Sicherheit ist; dass Macht und militärische Stärke vielleicht potenzielle Angreifer abschrecken können, aber noch keinen Frieden schaffen; und dass es Sicherheit nur als Sicherheit für alle, als gemeinsame Sicherheit auch mit dem Feind gibt und Sicherheit nicht einfach durch Macht geschaffen wird.
Dem Friedenswunsch der Engel an die Menschen geht noch ein anderer Wunsch voraus: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ – Und damit wird eine Voraussetzung des Friedens deutlich: Gott die Ehre zu geben, Gott als Gott, als Unbedingtes, als das alles Entscheidende anzuerkennen, bedeutet nämlich, alles auf Erden nur als etwas Bedingtes, etwas Relatives, etwas Vergängliches, etwas Vorläufiges anzusehen. Und damit alles zu entzaubern, das für sich absolute Herrschaft, absolute Geltung, absolute Gefolgschaft beansprucht. Wo Gott verehrt wird, wird irdische Herrschaft begrenzt. Das zeigt sich auch dort in der Weihnachtsgeschichte, wo dem neu geborenen Kind die Titel zugelegt werden, die sonst römische Kaiser für sich beanspruchten: Der Retter, der Herr, der Gesalbte.
Wir leben in einer Demokratie. Demokratie ist manchmal mühsam, weil Kompromisse gefunden werden müssen und verschiedene Interessen miteinander in Ausgleich gebracht werden müssen. Aber die Demokratie ist die Staatsform, die am ehesten sicherstellt, dass der Staat und die Mächtigen nur begrenzte Macht haben, dass Bürgerinnen und Bürger, auch die Entscheidungen der Regierenden hinterfragen können, dass Menschenrechte für alle gelten, dass das Recht Macht begrenzt und nicht nur das Recht des Stärkeren gilt. Wo Staaten autoritär regiert werden, ist Gewalt im Innern und Krieg nach außen meist nicht weit. Frieden fängt also damit an, dass Macht begrenzt wird und Bürgerinnen und Bürger Verantwortung übernehmen. Und das „Ehre sei Gott in der Höhe“ – oder wie es auf Lateinisch heißt: „Gloria in excelsis Deo“, das ist die Erinnerung daran, dass nur Gott allmächtig ist und dass Macht auf Erden begrenzt bleiben muss, wenn Frieden herrschen soll. Dem Frieden Raum schaffen heißt: für Demokratie eintreten und uns von der vermeintlichen Hoffnung abwenden, dass eine starke Führung unsere Probleme besser lösen würde.
Gloria in excelsis Deo – das ist auch eine herrschaftskritische und politische Parole. Nehmen wir diesen Ruf der Engel auf, indem wir miteinander singen: „Hört der Engel helle Lieder“ – im roten Gesangbuch Nummer 54 und in den Liedheften zu Weihnachten Nummer 16.
Gemeindelied: Hört der Engel helle Lieder (EG 54,1-3)
Liebe Gemeinde,
Interessanterweise wird in der Weihnachtsgeschichte, wie Lukas sie erzählt, sehr ausführlich von den Hirten erzählt. Hirten stehen in der damaligen Gesellschaft am Rand. Das ist ein harter Beruf – draußen in den kalten Nächten die Schafe hüten. Auch ein gefährlicher Beruf: Es gibt wilde Tiere, die auch gefährlich für die Hirten sind. Nur wer nichts Besseres findet, wird Hirte. An den Hirten werden zwei weitere Momente des Friedens deutlich.
Erstens: Die am Rand stehenden Hirten werden in die Mitte geholt. Sie sind auf einmal wichtig. Sie werden zu den ersten Zeugen der Geburt des Erlösers. Hier wird die Geschichte von der Wende der Zeiten erzählt, von der Geburt des Retters der Welt, aber die Mächtigen spielen nur eine Statistenrolle. Endlich eine Geschichtsschreibung, die den Armen gerecht wird und nicht die Mächtigen in den Mittelpunkt stellt. Frieden entsteht, wenn Menschen, die am Rand stehen, in die Mitte der Gesellschaft kommen; wenn Menschen, die ausgeschlossen sind von dem, was als gutes Leben erscheint, teilhaben können. Deshalb ist es wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft Orte schaffen, wo Menschen mit anderen in Kontakt kommen, die nicht aus der eigenen Blase und dem eigenen Milieu sind. Damit alle erleben, sie gehören dazu, sie sind wichtig, sie werden ernst genommen. Frieden entsteht, wo Menschen einbezogen werden, die bisher am Rand stehen. Ohne Gerechtigkeit wird kein Friede sein – das ist die zentrale Einsicht der Bibel. Und diese Einsicht lässt sich an vielen Konflikten dieser Welt verdeutlichen: Wenn Menschen in Afrika keine auskömmlichen Lebensverhältnisse haben, wenn der Klima-wandel in ihrer Heimat das Leben bedroht, wenn es keine Entwicklungsperspektiven für ihre Länder gibt, dann werden sich die Jungen und Kräftigen aufmachen nach Europa um auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen – und notfalls auch auf illegale Weise. Die ungerechte Verteilung von Lebensperspektiven begründet Flucht, schafft die Ursachen für gewaltsam ausgetragene Konflikte. Deshalb ist Entwicklungspolitik, die für Menschen in ärmeren Verhältnissen Perspektiven schafft, immer auch Friedenspolitik. Und darum ist es verheerend, wenn die Mittel für Entwicklungspolitik und für Klimaschutz gekürzt werden. Und somit ist jede Spende an Brot für die Welt auch ein ganz konkreter Beitrag für den Frieden. Kein Frieden ohne Gerechtigkeit. Das erzählt auch die Weihnachtsgeschichte. Eine Welt, in der es gerecht zugeht, in der alle das Gefühl haben, dazu zu gehören, wird auch ein sichere Welt sein. Dem Frieden Raum geben, heißt auch: für Gerechtigkeit eintreten.
Und mit den Hirten kommt noch ein zweites Moment ins Spiel: Freiheit. Wo Menschen Wertschätzung, Achtung und Respekt erfahren, wird ihnen Freiheit geschenkt. Der Engel, der alles überstrahlt, erschreckt die Hirten. Sie sind Machtdemonstrationen gewohnt. Sie fürchten sich. Aber das erste Wort des Engels – bevor er überhaupt vom Retter spricht – lautet: „Fürchtet euch nicht! Ihr braucht keine Angst zu haben. Hier geschieht euch nichts Böses. Ganz im Gegenteil: Ich verkündige euch eine große Freude.“ Und dann erzählt der Engel von der Geburt des Retters im Stall. Aber es folgt keine Anweisung, was die Hirten machen sollen; kein Befehl, jetzt nach Bethlehem zu gehen, und das Kind zu suchen. Der Engel überlässt den Hirten, wie sie mit dieser Ansprache umgehen. Er gewährt ihnen Freiheit. Und die Hirten kommen selbst auf den Gedanken, das Kind zu suchen. Frieden findet Raum, wo Menschen einander Freiheit gewähren. Wo Menschen einander etwas zutrauen, aber ihnen selbst überlassen, den richtigen Weg zu gehen. Frieden macht sich breit, wo Kontrolle zurückgefahren wird und Menschen Freiheit gegeben wird zur Verantwortung. Deshalb braucht es keinen autoritären Staat, der alles unter Kontrolle hat, sondern einen Staat, der seinen Bürgern etwas zutraut und ihnen Freiheit gibt – aber auch die Menschen schützt vor Übergriffen, wenn andere diese Freiheit missbrauchen. Frieden macht sich breit, wo Menschen sich in Freiheit engagieren und ihre Begabungen einbringen für das Gemeinwohl. Ein Gemeinwesen, indem viele Menschen sich so engagieren, wird auch ein sicheres Gemeinwesen sein. Weil alle aufeinander achten.
Ich hoffe, die Waffen werden in der Ukraine bald schweigen. Dazu wird es auf beiden Seiten nötig sein, Maximalforderungen loszulassen und sich auf ungeliebte Kompromisse einzulassen. Und spätestens dann braucht es eine Politik, die nicht nur auf Sicherheit durch Aufrüstung setzt, sondern die auch die anderen Dimensionen des Friedens im Blick behält: Bereitschaft, Kompromisse auch mit Gegnern auszuhandeln und zu einer gemeinsamen Sicherheit zu finden, Begrenzung von Macht und Anerkennung der Menschenrechte und des Völkerrechts, Gerechtigkeit, Teilhabe, Freiheit. Die Weihnachtsgeschichte ist also nicht nur eine beschauliche Märchengeschichte, die man sich an Weihnachten erzählt und die sonst das ganze Jahr im Keller steht wie die in ihrer Schachtel verpackte Weihnachtskrippe. Sie ist eine Geschichte, die davon spricht, dass Gottes Frieden in diese Welt hineinkommt und uns gewinnen will, diesem Frieden Raum zu schaffen. Und dies das ganze Jahr über. Darum, es werde, was der Engel zugesagt hat: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden! Amen.
Quelle: ⇒ Materialien für Theologie und Gemeindearbeit von Matthias Kreplin
