Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest, 4. Januar 2026
über Offenbarung 21, 5 (Jahreslosung 2026)
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Offenbarung 21, 1-5 (Basisbibel)
Liebe Gemeinde,
geht es Ihnen nicht manchmal auch so, wenn Sie einen Text lesen. Da gibt es Passagen, die fliegen so vorbei. Und ich habe fünf Minuten später keine Ahnung mehr davon, was ich da gerade gelesen habe. Gut, abends im Bett, da passiert das häufiger.
Dann muss ich am nächsten Abend nochmals kurz querlesen, um wieder in die Geschichte reinzukommen.
Aber leider geschieht das dann und wann auch tagsüber: Beim Zeitung lesen genauso wie beim Hören einer Nachricht im Radio, war jetzt bei den Staumeldungen die A8 Richtung Stuttgart oder nach Stuttgart gemeint? Eigentlich ist das ja egal, weil immer Stau ist. Aber bei der Lesung im Gottesdienst, wenn ich auf Ihrer Seite Platz genommen habe, da kann das auch schon mal passieren. Da rutscht es durch, waren die eigenen Gedanken auf Wanderschaft. Dann kann ich mich ärgern oder einfach wieder versuchen reinzukommen. Oder dem gar vorzubeugen, indem ich den Text vorher schon zu Hause lese.
Aber um all die Umwege nicht gehen zu müssen. Also um dem heute vorzubeugen, habe ich mir gedacht. Wir hören die Lesung einfach nochmals: Eine Wiederholung schadet nicht, ganz im Gegenteil. Sie lässt einen anders hinhorchen. Dieses Mal in der Übersetzung der Lutherbibel, die vielen von Ihnen wahrscheinlich vertrauter ist.
Aber damit das nicht einfach eine Wiederholung ist, so kurz hintereinander, bekommen Sie natürlich eine kleine Aufgabe dazu: Merken sich beim Lesen den Satz, das Wort,
der bzw. das Ihnen auch morgen noch gegenwärtig sein soll, der Satz, das Wort, der, das Sie anspricht. Vielleicht gibt etwas, was Ihnen so gar nichts sagt, Ihnen fremd bleibt. Da hat jeder sicher eine andere Passage, einen anderen Vers im Sinn, ein anderes Wort im Blick. Die Bibel redet oft in Bildern, auch hier, eventuell gibt es auch ein Bild, das Ihre Phantasie beflügelt!
Schreiben Sie sich doch das Wort, den Satz kurz auf Ihren Zettel.
Offenbarung 21, 1-5 (Lutherbibel 2017)
Das neue Jerusalem
1Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
3Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Es gibt so Wörter, die hängenbleiben, die einem wichtig werden, für die man gerade empfänglich ist. Manches Mal mögen es dieselben sein, aus einem ähnlichen Grund oder auch aus ganz anderer Warte. Jeder und jede von uns lebt in seinem /ihrem eigenen Kontext, befindet sich in einer anderen Situation. Zum einen altersmäßig, als junger Mensch denke ich vielleicht anders über den entsprechenden Satz als als älterer. Als Mensch, der noch beruflich tätig ist, verbinde ich was anderes damit als wenn ich noch nicht oder nicht mehr einen Beruf ausübe. Mein eigener persönlicher Hintergrund, familiär, kulturell mag eine weitere Rolle spielen. Meine Erfahrungen im Leben ebenso. Und von daher interpretieren wir die Wörter, Sätze, die wir hören auch anders als unser Nachbar. Sie sind nun dazu eingeladen, sich mit Ihrem Nachbarn kurz austauschen, was Sie gehört, sich aufgeschrieben haben.
Zeit zum Ausklingen des Gesprächs
nach einer kurzen Abfrage der Wörter, Sätze – erfolgt Musik: Klavier und Flöte
Liebe Gemeinde,
Diese Passage aus der Offenbarung wird oft bei Beerdigungen gelesen. Das Alte vergeht, etwas Neues beginnt. Die erste Erde und der erste Himmel vergehen. Also gibt es doch einen zweiten, dritten, …eine Hoffnung, über den Tod hinaus.
Und die Begründung wird mitgeliefert. Wir sind nicht allein bei allem. Der Schreiber der Offenbarung sieht mehr als andere und offenbart sein Erlebnis, teilt es mit anderen:
ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem. Ein einzigartiges Bild eröffnet sich ihm, wunderbar geschmückt, ein besonderer Tag ist es für ihn und für die, die seine Worte vernehmen. Hochzeit ist angesagt. Eine hohe Zeit, keine tiefe. Worte, die von einer Zukunft, Verheißung erzählen. Worte, Bilder, die sagen: Da kommt noch was, also gib nicht auf. Es geht weiter, anders als jetzt und vor allem besser. Alles wird gut, alles wird neu.
Manchmal brauchen wir so einen Zuspruch, wenn Krankheit, Not und Leid uns umgibt, wenn wir sorgenvoll in die Zukunft blicken aufgrund der politischen Lage weltweit oder auch der eigenen kleinen Welt, wo nicht immer alles einem zufällt, sich so fügt, wenn wir uns verrannt haben. Dann ist die Zusage, dass sich was ändert, hilfreich. Dann tut es gut, zu wissen, das Neue beginnt. Gott ist nicht weit entfernt, sondern wohnt mitten unter uns. „Er wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein.“
Doch in meine Sehnsucht mischt sich doch auch Zurückhaltung, vielleicht auch ein wenig Scheu oder gar Angst. Will ich das Neue? Kann ich es ertragen? Das Alte ist mir doch vertraut: Meine Gewohnheiten, meine Gedanken, meine Überzeugungen.
Viele Angewohnheiten sind doch mir lieb gewordene Begleiter. So bin ich eben. Das Alte loslassen ist schwer, weil ich nicht abschätzen kann, was da an Neuem auf mich zukommt und welchen Part ich in dem Vorgang haben werde.
Denn bevor etwas Neues werden kann, muss das Alte vergehen. Das zeigt uns doch die Natur wunderbar: Im Winter stirbt alles ab und im Frühjahr wächst Neues heran. So sieht es zumindest aus. In Wirklichkeit erneuert sich so manche Pflanze im Verborgenen, macht sich im Winter bereit für den Neubeginn.
Und bei uns, da ist es ganz ähnlich. Es gibt unterschiedliche Phasen, des Werdens und des Vergehens, des Innehalten und des Neubeginns. Alte Wege kommen ans Ende. Alte Geheimnisse kommen ans Licht. Alte Schuld wird aufgedeckt. Damit muss ich umgehen, damit Neues entstehen kann. Neue Freundschaften, neue berufliche Wege, neue Einsichten zum Leben, zur politischen Lage, zu meiner Rolle als Bürgerin dieses Landes, was auch immer gerade im Umbruch sein mag.
Und mitten drin, in dem all dem Werden und Vergehen, in all dem bezieht Gott seine Wohnung bei uns. Das verändert den Umgang mit dem, was uns schwerfällt, was uns traurig macht, was Leid hervorruft. Ich bin nicht allein, kann mit meinem Mitbewohner Rücksprache halten. Das hilft, mir zumindest. Denn schon im Denken, Beten, reflektiere ich das, was ich da sage, denke und das bestimmt mein zukünftiges Handeln und Denken.
Gott wohnt bei uns und alles ist gut.
Wirklich?
Von schwierigen Zeiten, Krisen und Umbrüchen, Herausforderungen waren in den Ansprachen zu Weihnachten durch den Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier ebenso die Rede wie bei denen zum neuen Jahr von unserem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wie des Bundeskanzlers Friedrich Merz die Rede. (Alle drei nachhörenswert aus meiner Sicht.)
Die Kriege und Auseinandersetzungen in der Welt, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, der Umgang miteinander mit oder ohne Respekt für den anderen, all das zehrt an uns. „In solchen Zeiten sprechen wir uns gern Mut zu“, sagte Kretschmann und stellte die Frage: „Worauf gründet sich die Zuversicht?“ Und meinte dann: „Auf den Menschen, auf jeden einzelnen in seiner Einzigartigkeit, denn jeder Mensch ist, wenn er das Licht der Welt erblickt, für sich ein Neubeginn. Jeder kann denken, was noch keiner vor ihm gedacht hat. Sagen, was noch nie zuvor jemand gesagt hat. Und handeln wie noch keiner vorher gehandelt hat. Jeder und jede von uns ist eine Persönlichkeit, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Diese Einzigartigkeit bringt eine ganz besondere Kraft mit sich, wir können neues wagen und ganz neue Wege gehen.“ Soweit Winfried Kretschmann.
Genau das ist es. Jeder und jede von uns ist einzigartig. Jeder und jede von uns kann es wagen, neues zu entdecken, neue Wege zu gehen, dem Neuen zu vertrauen. Wo das gelingt, wird es heller, freundlicher, friedlicher.
„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“, so heißt es im Lied von Jochen Klepper: „Die Nacht ist vorgedrungen.“ Ein Widerspruch, so scheint es. Ganz im Gegenteil – beides gehört zum Leben, Dunkelheit und Helligkeit, Tag und Nacht, Ereignisse, die Tränen hervorrufen und Ereignisse, die uns hoffen und lachen lassen.
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Das bedeutet nicht, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Dazu gehört mehr, aber ein Wandel ist möglich, weil Gott handelt – mitten unter uns: 4 „Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«
Diese Aussicht ist faszinierend: kein Tod, keine Trauer, kein Klagegeschrei, kein Schmerz…
Wie, wo und wann kann das sein? Hier oder irgendwann, irgendwo – nach unserem Tod erst? Wirklich erst dann? Das ist die eine Frage? Ich hoffe doch nicht! Denn Gottes Reich soll doch schon hier beginnen, wenn es nach Jesus geht, mitten unter uns.
Die andere Frage, die ich mir stelle, ist: Was braucht es dazu von unserer Seite? Reicht es, dass Gott bei uns einzieht? Nein, es braucht jeden und jede von uns. Jeder und jede hat etwas einzubringen. Reicht es, dass Gott bei uns einzieht? Ja, weil er uns hoffen lässt, uns mutig macht, den Schritt zu wagen, unsere Fähigkeiten zu leben, die Fähigkeit zum Neuanfang, „die uns über alle Verschiedenheit hinweg verbindet“
Die Aktion „Friedenslicht aus Bethlehem“ der Pfadfinder – stand dieses Jahr unter dem Motto: „EIN FUNKE MUT“
Mehr braucht es nicht:
„Ein Funke kaum zu sehn, entfacht doch helle Flammen
Und die im Dunkeln stehn, die ruft der Schein zusammen.
Wo Gottes große Liebe in einem Menschen brennt,
da wird die Welt vom Licht erhellt,
da bleibt nichts, was uns trennt.“ (Manfred Siebald EG 648,2)
Das Lied von Manfred Siebald kam mir in den Sinn, in den 70igern gehörte es zum Repertoire im Schulgottesdienst, Bibelkreis, beim Kirchentag.
„Wir brauchen Mut, einen Funken Mut,“ so sagte es der Bundespräsident in seiner Ansprache zu Weihnachten und ich zitiere weiter: „Wir brauchen Mut, für die großen Dinge, die wir uns als Gesellschaft vornehmen – und für die kleinen Dinge, bei denen jede und jeder von uns sein Bestes gibt – für ein gutes Zusammenleben von uns allen.
Nichts Gutes ist zu klein, als dass es nicht die Welt ein Stück heller machen könnte.“
Von der versöhnten Verschiedenheit sprach man zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit. Um Versöhnung, um Kompromissfähigkeit geht es auch heute. Die Vielfalt unserer Sichtweisen, Erfahrungen und Ideen zusammen, lässt uns gemeinsam etwas gestalten. Das geht nicht ohne Kompromisse. Mühsam ist es diese zu finden, aber der Kompromiss ist der einzige Weg, der demokratische Weg, wenn nicht das Recht des Stärkeren gelten soll und wir als freie Menschen leben wollen.
Der Kompromiss baut Brücken, keine Gräben. Unterschiedliche Überzeugungen,
Interessen und Bedürfnisse bringt er am Ende zusammen.
Kretschmann äußerte die hoffnungsvolle Forderung: „Nur wenn wir es schaffen, uns in unserer Verschiedenheit auszuhalten, uns zuzuhören und zivilisiert zu streiten, können wir unser Zusammenleben gut gestalten. Das gilt in der Politik, aber auch am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Familie.“
Recht hat er. Wo Menschen aufeinander zugehen und zusammen anpacken, da kann Neues wachsen. Da können Dinge entstehen, die wir heute kaum für möglich halten.
Auch Friede und Gerechtigkeit. „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“
Er nimmt uns unser Dunkel nicht, aber er selbst kommt als Licht in unsere Dunkelheit. Gott will bei uns wohnen und tut dies als Kind, als Mensch, der uns ein Bruder wird.
Gott sagt uns zu: „Siehe, ich mache alles neu.“ Auch dich und mich! Dieser Satz, diese Losung soll uns dieses Jahr begleiten: „Siehe, ich mache alles neu!“
Amen.
