Predigt am Sonntag Invokavit, 22. Februar 2026
über Genesis 3, 1-19
in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrerin Susanne Erlecke
Die Gnade des dreieinigen Gottes sei mit uns allen.
Amen.
Ja, so sei es, liebe Gemeinde, denn auf Gnade, also Zuwendung ohne Bedingungen, Barmherzigkeit sind wir doch alle irgendwie angewiesen. Mal mehr, mal weniger. Denn wo sind wir denn hingeraten? Wie konnte es so weit kommen? Die Nachrichten von Kriegen, Korruption und Klimakrisen, von Missbrauch an anderen und Missbrauch an Macht und Gewalt, lassen solche Fragen entstehen! Warum leben wir nicht mehr im Paradies, unbekümmert, friedlich und unbeschwert? Die Bibel versucht eine Antwort.
Ich lese aus dem 1. Buch des Mose, der Genesis aus dem 3. Kapitel, die Verse 1-19:
1. Mose 3
Der Sündenfall
4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.
Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären.
Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
Sie alle kennen die Geschichte. In unzähligen Zeichnungen und Gemälden wird sie dargestellt. Menschen in ihrer Nacktheit werden meist darauf abgebildet. Diese Geschichte ist, wie die Schöpfungsgeschichte, kein naturwissenschaftlicher Bericht, sondern sie ist eine mythologische Erzählung. Ein Mythos erklärt nicht, was war und geschehen ist. Ein Mythos erklärt, was heute ist und vor allem wie und warum es so geworden ist. Es ist eine Geschichte aus den mythischen Anfängen des Menschlichen. Denn seit Urzeiten machen sich Menschen darüber Gedanken, warum das Leben und die Menschen so sind, wie sie sind. Warum es Gut und Böse gibt. Und warum so viel schief läuft in der Welt, und auch in den Beziehungen zwischen Menschen. Die Geschichte erzählt von der Sehnsucht, etwas ungeschehen zu machen. Sie bringt aber die Einsicht ans Licht, dass genau das nicht möglich ist. Und sie wirft die Scham auf in dem Versuch, sich zu verkriechen und zu verbergen.
„Wo bist du?“
Wo bist du hineingeraten? Wohin haben dich deine Gedanken und Träume gebracht?
Die Frage konfrontiert uns Menschen mit uns selbst. Die Risiken des Fortschrittes sind nicht immer beherrschbar. Die Folgen des eigenen Handelns sind manches Mal unüberschaubar, aber vielleicht doch absehbar oder nicht? Kein Wunder also, dass wir Menschen dann erschrecken. Wenigstens das tut Adam. Wenigstens das erkennt Adam. Er nimmt wahr, dass er nackt dasteht und oh Wunder, er schiebt die Verantwortung dafür ab.
Die Geschichte entlarvt nicht ohne Humor unsere Auswege. Sie zeigt auf, welche Ausflüchte, Ausreden wir auf Lager haben. Vielleicht bei Adam noch ein wenig holprig, schließlich ist es das erste Mal und er übt noch, aber im Laufe der Zeit werden wir Menschen, haben wir Menschen diese doch verfeinert. Durch die Blume sagt er im Prinzip: Gott ist schuld. Er hat die Frau und die Schlange geschaffen. Er hat alles zugelassen. Seine Nacktheit versucht Adam verzweifelt zu verbergen. Er versteckt sich. Er fühlt sich bloßgestellt und versucht es zu kaschieren. Für alles findet sich schon ein Schuldiger, eine Schuldige. Adam stellt fest, aus eigenem Antrieb hat er nicht gehandelt. Und er macht deutlich, welche Kräfte, ja wer ihn dazu getrieben hat.
Eva war´s.
Sie ist schuld. Sie hat zuerst in den Apfel gebissen und mir dann gegeben. Und dadurch habe ich es gemerkt: Ich bin nackt. Darum verstecke ich mich, darum muss ich mich verstecken. Ich bin bloßgestellt. Und Eva antwortet auf die Frage Gottes: Warum hast du das getan?
Die Schlage betrog mich, die war´s. Eva hat sich vielleicht gedacht, was Adam recht war, das wird mir billig sein, und was einmal funktioniert hat, kann auch ein zweites Mal seinen Zweck erfüllen. Auch ich, Eva, habe natürlich nicht aus freien Stücken, aus Übermut oder sonst wie niederen Motiven gehandelt. Immer ist es ein anderer, der uns zu was treibt. Kennen Sie das noch und immer noch? Die Schuld beim anderen zu suchen, das ist leicht. Das macht aber die Handlung nicht ungeschehen. Das macht auch die auf sich geladene Schuld nicht leichter, ganz im Gegenteil. Bemerkenswert hier ist aber, Gott haut ihnen ihre fadenscheinigen Entschuldigungen nicht um die Ohren. Adam und Eva werden nicht verflucht. Sie werden mit Mühsalen, Schmerzen und Grenzen des Lebens vertraut gemacht. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, unter den neu entdeckten und bisweilen schmerzhaften Bedingungen der Freiheit, ihren Garten zu bestellen. Ist das nicht auch ein Teil unser aller Geschichte und Erfahrung?
In der Erzählung ist nicht das Essen verlockender Früchte das Vergehen des Menschen. Nicht die Lebenslust ist das Problem, sondern der Drang, durch Übertretung und Überschreitung gesetzter Grenzen sich selbst zu transzendieren, sich selbst über alles stellen zu wollen. Es ist ja auch verlockend, so wie Gott zu sein. Diese Sucht scheint ja unter manchem Politiker verbreitet zu sein. Der Größte, Wichtigste zu sein, koste es jeden Preis, auch die Wahrheit, auch die Grenzen des anderen, auch das Leben des anderen. Wer sagt, was recht ist, was die Wahrheit ist? Adam und Eva wissen genau, was sie getan haben. Sie können Recht von Unrecht unterscheiden. Zu wissen, was gut und böse ist, was soll daran schon schlecht sein? Die Fähigkeit, beides voneinander unterscheiden zu können, sehen manche als einen weiteren Schritt des Menschen zur Menschwerdung an. So schrieb Friedrich Schiller einmal: „Dieser Abfall des Menschen von Gottes Gebot ist die glücklichste Begebenheit in der Menschheitsgeschichte. “Erst wer die Fähigkeit hat, Gutes und Böses zu erkennen, hat damit auch die Fähigkeit, sich entscheiden zu können. Gut und böse unterscheiden zu können, bedeutet Verantwortung zu übernehmen für mein Tun und Lassen. Adam und Eva haben ein Gegenüber, der sie hinterfragt in ihrem Tun. Sie handeln in Beziehung zu Gott und sie müssen sich vor ihm verantworten. Allerdings gibt es zahlreiche Beispiele, in welche Katastrophen es führen kann, wenn Menschen – losgelöst in der Verantwortung vor Gott – selber die Maßstäbe setzen, was gut und böse ist und sich zum Richter über andere erheben. Oder gar das Recht beugen.
In unserer jüngsten eigenen Geschichte ist dies geschehen. Ich bin froh darüber, dass unsere badische Landeskirche, die Barmer Erklärung von 1934 zu ihren Bekenntnisschriften hinzugezogen hat. Im Angesicht der beginnenden Gräueltaten wurden sie von der Bekennenden Kirche zu Papier gebracht. In den sechs Thesen wird deutlich, dass wir immer in Verantwortung vor Gott handeln und nicht andere Mächte und Gewalten sich diese Position anmaßen können. (Nachzulesen unter EG 888)
Vielleicht sollte ich dieses Schriftstück mal in den Iran, dem Kreml bzw. ins Weiße Haus weiterschicken. Die Thesen bleiben so aktuell wie damals zu Beginn des 3. Reiches. In vielen Ländern dieser Welt nehmen politische Führungskräfte für sich in Anspruch, selbst festlegen zu können, was und wer gut ist und was und wer böse ist.
Und was dann dementsprechend verboten werden muss oder erlaubt werden darf.
Fundamentalistische Bewegungen entstehen, wenn nicht mehr gesehen wird, wie komplex diese Begriffe sind. Wie viele Nuancen es von Gut und Böse gibt und dass niemand nur gut oder nur böse ist. Die Diskussionen in den biblischen Büchern erzählen uns später davon.
Allerdings, wenn ich dazu fähig bin, zu erkennen, zu unterscheiden und zu wissen, dass es Wege gibt, die zum Guten, zum Leben führen und dass es Wege gibt, die zur Zerstörung, zum Tod führen, dann verbindet sich diese Fähigkeit damit, dass der Mensch schuldig werden kann.
Zu meinem Menschsein gehört es von daher, mit Schuld umzugehen.
Vielleicht müsste der Titel dieser Geschichte vom Sündenfall daher eher mit den Worten überschrieben werden: „Von der Schwierigkeit, Verantwortung zu übernehmen.“ Denn sie erzählt davon, dass der Mensch „versuchbar“ ist, verführbar eben.
„Wo bist du?“
Gott fragt nach dem Menschen. Wo hältst du dich gerade auf? Was beschäftigt dich? Was treibt dich um? Vor wem oder was versteckst du dich? Was macht dir Angst? Was bereitet dir Sorgen? Es ist die Frage Gottes nach den Folgen unseres Tuns, die Frage Gottes nach unserer Verantwortung.
Gott weiß, wo Adam sich aufhält, sich versteckt hat. Es ist eine Frage Gottes, die mich mit mir selbst konfrontiert. Wohinter verstecke ich mich? Hinter der Arbeit? Hinter den Aufgaben in der Familie, im Ehrenamt, in Beruf? In meinen vielen verschiedenen Rollen? In aufgesetzter Fröhlichkeit? In meiner Rolle als Clown, Animateur, Spaßvogel einer Gruppe?
„Wo bist du?“
Gott konfrontiert Adam und Eva mit ihrer Tat. Er will, dass sie Verantwortung übernehmen. Dass sie erklären, was sie getan haben. Dass sie dazu stehen, dass sie erklären, warum sie sich so entschieden haben. Aber statt dies zu tun, ziehen sich die beiden zurück. Sie leugnen ihre Verantwortung für das, was sie getan haben. Das ist meines Erachtens der eigentliche Sündenfall.
Die Schuld, die Verantwortung immer an andere abzugeben ist nicht der richtige Weg. Gott unterscheidet nicht zwischen dem Vergehen von Mann und Frau. Das haben spätere Generationen für ihr hierarchisches Menschenbild getan.
Gott begleitet die Menschen ganz fürsorglich. Er erkennt ihre Scham und sieht ihre Bedürfnisse. Gott, so heißt es, macht Adam und Eva Röcke von Fellen und zieht sie ihnen an. Er ermöglicht den Menschen ein Leben außerhalb des Paradieses. Denn diese Geschichte erzählt nicht nur die Geschichte vom tiefen Fall des Menschen, der wie Gott sein will. Sie trägt auch die Verheißung in sich, dass die Menschengeschichte damit nicht enden wird. Sie wird weitergehen. Es beginnt der Weg des Erwachsen-Werdens. Dabei gilt es auszuhalten, für seine Taten verantwortlich zu sein. Und es gilt zu realisieren, was die Voraussetzung all dessen ist:Das Geschenk der Freiheit.
Die Geschichte geht weiter mit uns. Sie ruft uns auf, Verantwortung zu übernehmen, zu sagen, was es zu sagen gibt in schweren Zeiten, gerade auch und besonders als Christen in dieser Welt. Sie ruft uns auf, auch Schuld in Kauf zu nehmen, wo ein höheres Ziel es gebietet: Der Schutz meines Nächsten. So wie beim Attentat auf Hitler. Von Dietrich Bonhoeffer stammt das Zitat: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“. Es verdeutlicht seine theologische und politische Überzeugung, dass der christliche Glaube in der Zeit des Nationalsozialismus untrennbar mit dem Eintreten für die verfolgten jüdischen Mitbürger verbunden war. In den USA tun dies viele kirchliche Vertreter aller Denominationen in diesen Zeiten eindrucksvoll. In vielen Predigten, Liedern, Aktionen machen sie deutlich, dass Verantwortung für den Nächsten, den Verfolgten oberstes Gebot ist. Und das nur so die Demokratie geschützt werden kann. Sie sprechen deutlich an, wo die Grenzen von Recht und Gesetz sind.
Wir leben in nachparadiesischer Zeit. Aber wir sind nicht aus der Verantwortung für unser Tun entlassen. Der nächste Schritt ins Erwachsenen-Dasein wird heißen: Abschied nehmen von den falschen Ausreden, auch etwas nicht zu tun. Es gilt den Garten zu bestellen, der uns geschenkt ist. Und zwar zum Wohle aller. Amen.
