Predigt am Sonntag Reminiscere, 1. März 2026
über Römer 5,1-5 in der Evangelischen Stadtkirche Durlach
von Pfarrer Thomas Abraham
Römer 5,1-5
1Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Liebe Gemeinde!
Bedrängnis als rühmliche Identität?
Wir rühmen uns der Bedrängnisse – wenn das das Motto des Ältestenkreises für die neue Amtsperiode sein sollte, dann könnte einem so einiges einfallen: Rückläufige Gemeindegliederzahlen, knapper werdende Finanzen, steigende Bürokratie und Zentralisierung, Imageverlust der Kirche und was es sonst noch alles an Klischees über Religion und Christenmenschen gibt. Darüber könnten wir uns so richtig im Elend suhlen. Aber es geht weder Paulus noch mir ums Lamentieren, ganz im Gegenteil. In seinen teilweise etwas verschachtelten Sätzen steckt eine ganz wunderbare Botschaft. Vier Stichworte daraus will ich heute aufgreifen: Frieden, Liebe, Gnade und Hoffnung.
1) Frieden mit Gott
Wir haben Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Gott steht mit uns nicht auf Kriegsfuß. Er bläst nicht zum Militäreinsatz; er hat Frieden geschlossen mit uns – nicht nur Waffenstillstand oder Feuerpause, sondern vollständig Frieden. Wir haben Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
Das klingt simpel, fast schon banal. Aber wenn ich darüber nachdenke, welche Konsequenzen das hat, dann ist dieser Satz keineswegs simpel: Gott stellt auch uns auf die Seite des Friedens – und nicht auf die Seite der Kriegstreiber. Damit sind die Konflikte auf dieser Welt noch nicht gelöst, aber wir sind berufen, diese Mahnung wach zu halten: Krieg ist immer das Problem und nie die Lösung.
Vor zwei Jahren gab es eine Kampagne der Caritas mit dem Slogan: „Frieden beginnt bei mir“. Einmal davon abgesehen, dass er bei Jesus Christus beginnt, hat dieser Frieden eben auch etwas mit jeder und jedem von uns zu tun. Wir leben nicht immer im Frieden mit uns selbst: Es gibt die Unzu-frieden-heit, das Mit-mir-selbst-im-Clinch-Liegen. Es gibt die Kämpfe, bei denen wir selbst unser größter Gegner sind. Wer uneins mit sich selbst ist, kann auch nicht wirklich mit anderen im Frieden leben. Lass Dir gesagt sein – gerade dann, wenn Du mit Dir selbst auf Kriegsfuß stehst: Wir haben Frieden mit Gott. Sei einverstanden mit Dir selbst. Gönne Dich Dir! Geh los und arbeite am Frieden. Gelegenheiten werden sich bieten – an jedem Tag, im Kleinen und vielleicht auch im Großen.
2) mit Liebe überschüttet
Der Grund für diesen Frieden ist die Liebe Gottes: Wir haben Frieden mit Gott, …denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen. Gott hat sein Herz ausgeschüttet. Er hat uns mit Liebe übergossen und lässt seine Liebe in unsere Herzen fließen. Seine Liebe ist die verändernde, die friedensstiftende Kraft in unserem Leben.
Ich will das einmal mit der Liebe von Eltern zu ihrem Kind vergleichen:
Wenn Eltern ihr Kind in den ersten Wochen seines Lebens im Arm halten, dann wissen sie noch nicht, was später einmal aus ihm werden wird: Wird es ein fröhlicher oder ein eher nachdenklicher Mensch? launenhaft oder beständig? vielseitig und beweglich oder stur? Klar, man vermutet so dieses und jenes, aber wissen kann das zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Vater und Mutter lieben ihr Kind, noch bevor sie sagen könnten, was denn ihr Kind besonders liebenswert macht. Die Liebe zu ihrem Kind lässt dieses Kind in ihren Augen liebenswert erscheinen.
Ohne diese Liebe ist ein Kind nichts sooo Besonderes: „So sind Kinder eben“ würde ich dann vielleicht sagen. Es gäbe tausend Gründe, etwas gegen Kinder zu haben: Sie schreien, sie lärmen, sie machen Arbeit, sie rauben den Schlaf, sie beanspruchen die Nerven und, und, und. Die Elternliebe streitet das alles nicht ab. „Das stimmt schon“, sagt da die Liebe, „aber dennoch: Es ist mein Kind und das ist wunderbar, das ist einmalig“. Nicht das, was ein Kind mitbringt, bewirkt die Liebe der Eltern, sondern umgekehrt: Die Liebe der Eltern prägt die Art und Weise, wie sie ihr Kind sehen und wie sie mit ihm umgehen.
Diese Liebe prägt und formt dann auch das Kind. Sie lässt Vertrauen wachsen. Sie hilft dem Kind, mutig und stark zu werden. Sie gibt ihm den Raum, den es braucht, um sich entfalten zu können. Es gibt Untersuchungen, die genau das bestätigen: Die Entwicklung eines Kindes wird entscheidend beeinflusst und geprägt von der Liebe und Zuwendung, die es erfährt. Die besonderen Eigenschaften eines Kindes sind viel mehr Ergebnis und Wirkung der empfangenen Liebe als dass sie Grund oder Ursache für diese Liebe wären.
Genauso ist das mit der Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen. Er hat uns diese Liebe geschenkt, noch bevor wir sie uns durch irgendetwas hätten verdienen können. Gott kommt all unserem Denken und Reden und Tun mit seiner Liebe zuvor.
Wäre diese Liebe nicht, gäbe es tausend Gründe, die gegen uns Menschen sprächen: Wir Menschen sind mal vergesslich und mal nachtragend; wir trixen und mogeln uns durchs Leben; wir streiten und beschimpfen einander; wir beschädigen die gottgeschaffene Erde, auf der wir leben. Wir sind eben Menschen. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ – das ist das Fazit der Sintflutgeschichte.
Gott streitet das in seiner Liebe auch gar nicht ab. Aber er sagt deshalb nicht „rutscht mir den Buckel runter“, sondern er schließt mit uns Frieden. Den eigenen Tod vor Augen bittet er für die, die ihn kreuzigen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er lässt sich nicht davon abhalten, uns zu lieben.
Gottes Liebe prägt die geliebten Menschen: Du bist in Gottes Augen wert geachtet, deshalb geh aufrecht durchs Leben! Steh zu den Schwächen, die Du hast, und nutze die Stärke, die Gott Dir schenkt! Sei mutig! Trau’ Dich etwas! Pack’ Dein Leben an!
3) Kirche als Raum der Gnade
Die Kirche / die Gemeinde ist ein Raum der Gnade, in dem Menschen genau das ausprobieren können, wozu die Liebe sie befähigt. Wir haben Zugang zu dieser Gnade, in der wir stehen. Diesen Raum der Gnade zu gestalten ist eine heilsame und lebensfördernde Aufgabe – weil Menschen oft so gnadenlos mit anderen (und mit sich selbst) umgehen. Am kommenden Samstag werden wir uns damit beschäftigen, was in dieser Amtszeit des Ältestenkreises Schwerpunkte sein könnten. Da schlage ich „kraft meines Amtes“ vor, dass wir das mit in die Überlegungen einbeziehen: Gemeinde als Raum der Gnade gestalten, in dem Menschen sich mit ihren Schwächen und ihren Stärken entfalten können.
4) Hoffnung wehrt sich gegen Zerstörung
Mit dem vierten Stichwort – der Hoffnung – komme ich auch noch einmal auf die Bedrängnis zu sprechen. Paulus reiht das fast wie einen Automatismus aneinander: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld bringt Bewährung, Bewährung bringt Hoffnung. Ich wäre da vorsichtiger. Ich halte das für missverständlich. Das klingt ja gerade so, als sei die Bedrängnis die Quelle der Hoffnung. Das ist sie aber nicht. So manch einer ist schon zerbrochen an seinem Leiden oder an dem Schweren, das sie zu tragen hatte und das doch unerträglich war.
Aber Paulus hat erlebt – und viele andere auch, dass die Kraft des Glaubens geholfen hat, schwierige Lebenssituationen zu bestehen. Es gibt die Erfahrung, dass die Bedrängnis nicht die Oberhand behält, sondern einem Menschen die erforderlich Geduld zuwächst. Im Rückblick sagt er dann vielleicht: „Ich habe eine Bewährungsprobe bestanden“.
Und doch würde ich das anders ausdrücken als Paulus: Die Bedrängnis ist nicht die Quelle der Hoffnung. Hoffnung erwächst nicht aus Bewährungsproben, sondern Hoffnung lässt Bewährungsproben bestehen. Wer sich geliebt und getragen weiß, der kann auch in bedrängenden Situationen unverbesserlich hoffnungsvoll sein. Hoffnung redet die Probleme nicht klein; aber sie akzeptiert nicht, dass sie alles kaputtmachen und das Leben im Keim ersticken. Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Hoffnung setzt sich gegen alles zur Wehr, was das Leben klein halten oder zerstören will. Halten wir an der Hoffnung fest – nicht weil wir davon ausgehen, dass alles gut wird; halten wir an der Hoffnung fest, damit es gut wird. Denn – so hat es Ernst Bloch einmal ausgedrückt: „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“
Wir haben Frieden mit Gott, sind mit Liebe überschüttet und leben hoffnungsvoll im Raum der Gnade – keine schlechten Aussichten für einen Ältestenkreis.
