„Zum Davonlaufen“
Predigt über Maria und Josef (Matthäus 1,18-25)
Predigtreihe 2024 der Region Ost „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“
von Pfarrer Thomas Abraham, Stadtkirchen-Gemeinde Durlach
Liebe Gemeinde!
Maria und Josef sind verlobt, einander versprochen – aber eben noch nicht nach Recht und Gesetz verheiratet. Da fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Dem Evangelisten Matthäus geht es dabei nicht um ein biologisches Sonderphänomen. An einem Schlüssellochblick ins Schlafzimmer von Maria und Josef hat er kein Interesse. Das kam erst im Lauf der Zeit: „Haben sie nun oder haben sie nicht?“ Bei einem Aufsatz würde man dazu sagen: „Thema verfehlt“. Es geht schlicht darum, dass dieser Jesus seinen Ursprung ganz und gar in Gott hat. In Jesus lebt Gott als Mensch auf der Erde. Wenn wir ihn fragen könnten „Wem g’hörst denn Du?“ – wie wir das manchmal so tun, um jemanden zuordnen zu können – dann wäre die richtige Antwort in tieferem Sinn ja schon „Gott“. Ohne den Ursprung in Gott, ohne seine tiefe Verbundenheit mit Gott kann ich Jesus nicht verstehen. Die prägt seine Identität mehr als sein Elternhaus in Nazareth. Aber mit Biologie hat das nichts zu tun. An anderen Stellen wird ja auch ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Jesus der Sohn von Josef ist (Lukas 4,22; Johannes 6,42).
Lassen wir uns trotzdem einmal auf diese Konstruktion ein und gehen dem nach, was möglich wird, wenn zwei Menschen alles, was sie tun, in Liebe geschehen lassen. Achten wir darauf, wie sie dazu kommen, DASS sie das tun. Und gestatten Sie mir, dass ich das Augenmerk dabei mehr auf den sonst eher unscheinbaren Josef lege.
Für Josef ist die Situation zum Davonlaufen: Er war noch nicht mit seiner Verlobten zusammen, da ist sie schwanger. „Von mir ist das Kind nicht“. Er gedachte sie heimlich zu verlassen. Wir verstehen die Geschichte nicht, wenn wir sie vorschnell mit unserer heutigen Brille sehen: Das klingt nach Davonschleichen, nach Sich-aus-dem-Staub-machen und Maria im Stich lassen. Wobei es den meisten von uns in so einer Situation wohl genauso ginge. Was soll Josef denn anderes denken, als dass sie mit einem anderen Mann im Bett war und ihn also während der Verlobungszeit betrogen hat? Wie soll er ihr da noch vertrauen? Dann doch lieber gleich einen Schlussstrich ziehen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Aber der Entschluss, sie heimlich zu verlassen, entsteht nicht aus dem Frust oder dem verletzten Stolz eines gehörnten Verlobten. Josef, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Aber wie passt das zusammen: Er ist fromm und gerecht; er will Maria nicht in Schande bringen und deshalb gedachte er, sie heimlich zu verlassen?
Nach damaligem Recht war das keine Ermessensfrage, ob Josef sich von Maria trennt oder ihr verzeiht. Die Gebote sahen vor, dass Josef sich von Maria trennt und sie wegen Ehebruchs anzeigt. Dafür wäre sie gesteinigt worden.
Josef wählt einen anderen Weg: Davonlaufen – aber nicht aus Enttäuschung, sondern um Maria die Schande zu ersparen. Das wäre dann fast wie in einem Fernsehkrimi: Flucht wird als Schuldeingeständnis gewertet. Hätte Josef sich aus dem Staub gemacht und Maria mit dem Kind alleine gelassen, dann hätte man ihn für den Vater gehalten, der seine Verlobte sitzen lässt und sich seiner Verantwortung entzieht. Nicht die feine englische Art, aber für Maria allemal besser als wegen Ehebruch angezeigt und dafür gesteinigt zu werden. Josef hätte die Schuld auf sich genommen und damit Maria das Leben gerettet. Er will für Maria das Beste, weil er fromm und gerecht ist. Er macht sich Gedanken, die deutlich ehrenhafter sind, als wir auf den ersten Blick meinen.
Noch während Josef damit beschäftigt ist, bringt ihn der Engel des Herrn im Traum aus dem Konzept: Fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen.
Manchmal kommen einem eben im Traum die besten Ideen. Manchmal spüren wir, ob etwas richtig oder falsch ist, noch ehe wir das in Gedanken sortieren oder in Worte fassen können. Manchmal signalisiert uns unser Unterbewusstsein oder unser Gewissen oder unser Bauchgefühl etwas, was unser Verstand noch gar nicht richtig sortieren kann. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“.
Gott lenkt Josef weg davon, sein Heil in der Beachtung von Geboten zu suchen. Schuld auf sich nehmen und die retten, die falsch entschieden und falsch gehandelt haben – das ist nicht Josefs Aufgabe; das wird die Lebensaufgabe des göttlichen Kindes, das da zur Welt kommt.
Alle Gebote und Rechtsvorschriften, alle noch so gut gemeinten klugen Gedanken führen in die Irre, wenn die Furcht der oberste Maßstab bleibt: Die Furcht vor der Schande; die Furcht vor dem, was die Leute sagen; die Furcht, als Schlappschwanz dazustehen; die Furcht vor dem Verlust der Ehre; die Furcht etwas falsch zu machen; die Furcht nicht zu genügen.
Solche Ängste können eine Partnerschaft schwer belasten. Der Engel Gottes nimmt Josef die Furcht und versetzt ihn dadurch in die Lage, Maria ein guter Ehemann zu sein.
Josef erlebt das Wunder, dass etwas anderes wichtiger ist, als seine eigenen noch so gut gemeinten Grundsätze für richtiges Verhalten: Fürchte dich nicht, Maria zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Trau Dich, mit ihr zu leben ohne das Sicherungsnetz der Gebotstreue. Trau dich mit ihr zu leben jenseits der traditionellen Rolle, die von Dir erwartet wird. Trau Dich, für Maria da zu sein – alleine würde sie es nicht schaffen.
Auch ohne den eigentümlichen Stolz, den Männer manchmal an den Tag legen, wenn sie „einen Stammhalter gezeugt“ haben, kann Josef in diesem Kind ein Geschenk Gottes erkennen. Dieses Kind wird der Immanuel sein – der Gott mit uns. Gott begleitet Josef auf Wegen, die nicht Josefs eigenen Plänen entspringen. Dieser Sohn, Jesus, wird sein Volk retten von ihren Sünden. Und er fängt damit schon bei Josef an, indem er seine Liebe zu Maria rettet: Er rettet Josef vor Misstrauen und er rettet ihn aus seinem Zwang, immer alles nach den Geboten richtig machen zu müssen. Dieses Kind, das irgendwie auch einen anderen zum Vater hat, trennt Maria und Josef nicht, sondern es verbindet sie miteinander.
Der Weg, der vor den beiden liegt, ist deshalb noch lange nicht immer einfach. Er ist noch manches Mal zum Davonlaufen:
Kaum sind die drei sternkundigen Männer wieder aufgebrochen, da erscheint der Engel des Herrn dem Josef erneut im Traum. Jetzt drängt er ihn zum Davonlaufen, um den Mordplänen des Königs Herodes zu entgehen. Da wächst Josef in seine Rolle als Beschützer der Familie hinein: Josef stand auf und nach das Kindlein und seine Mutter und entwich nach Ägypten.
Mit praktisch denselben Worten wird dann auch die Rückkehr aus Ägypten beschrieben: Wiederum erscheint der Engel des Herrn dem Josef im Traum und schickt ihn zurück nach Israel. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. In Bethlehem regiert jetzt der Sohn des Königs Herodes. Das ist Josef nicht geheuer und so erhält er – wie könnte es anders sein – im Traum den Befehl, nach Galiläa zu ziehen. So kommt es dazu, dass Nazareth seine Heimat wird. Ihr Kind ist der Immanuel – der Gott mit uns. Gott begleitet Maria und Josef auch auf Wegen, die nicht ihren eigenen Plänen entspringen.
Das Davonlaufen zieht sich noch weiter durch die Geschichten, die von diesen beiden erzählt werden. Mit 12 Jahren läuft Jesus seinen Eltern davon – oder besser gesagt: Er macht sich nach dem Passafest nicht mit ihnen auf den Heimweg von Jerusalem nach Nazareth, sondern bleibt im Tempel mitten unter den Lehrern. Die Frage seiner besorgten Mutter, warum er ihnen das angetan habe, beantwortet er mit der rätselhaften Bemerkung: Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?
Als Erwachsener verlässt Jesus sein Elternhaus und wird Wanderprediger. Damit nicht genug. Eines Tages sagt ihm jemand: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Die Antwort ist aber kein „Ach wie schön“, sondern die abweisende Gegenfrage Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Das war dann wohl für seine Familie zum Davonlaufen.
Danach wird es still um das Elternpaar. Die Apostelgeschichte nennt Maria und seine Brüder, die neben den 12 Aposteln und einigen Frauen nach der Himmelfahrt Jesu einmütig am Gebet festhielten. Josef wird da nicht erwähnt. Hat die Trauer um den Sohn das Paar auseinandergebracht? Oder ist Josef bereits gestorben? Oder einfach nur bei der Arbeit?
Die Bibel erzählt davon nichts und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Halten wir uns an das, was von ihnen erzählt wird:
Als Randfiguren haben Maria und Josef doch ihren Platz in dem neuen Kapitel der Geschichte, die Gott mit seinen Menschenkindern schreibt. Das beginnt mit dem Wirken des Heiligen Geistes und mit Gottes Lieblings-Worten fürchte dich nicht.
In den Gefährdungen des Lebens erfahren Maria und Josef am eigenen Leib den Immanuel, den Gott-mit-uns: Gott führt und bewahrt sie auf Wegen, die nicht den eigenen Plänen entspringen. Dazu gehört das lebensrettende Davonlaufen nach Ägypten ebenso wie das furchtlose Dableiben und das Annehmen der gegebenen Situation. Und dazu gehört die Einsicht, dass ehrenhaftes Verhalten und Gebotstreue Leben nicht retten kann. Das kann nur das Gottesgeschenk der furchtlosen Liebe. Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.
