Predigtreihe 2025 der Region Ost „Tierische Predigten“
Predigt über „Adler“ (5. Mose [Deuteronomium] 32; Psalm 103; Jesaja 40)
von Pfarrer Thomas Abraham
Liebe Gemeinde!
Scharfsichtig, schnell und stark
Die „Adleraugen“ stehen sprichwörtlich für ein besonders gutes Sehvermögen. Wohl dem, der damit gesegnet ist. Weiß jemand, aus welcher Entfernung ein Adler eine Maus erkennen kann? Rund 2.000m. Man möge mir den Vergleich verzeihen: Das entspricht der Reichweite eines Scharfschützengewehrs.
Außerdem fliegen Adler sehr hoch und schnell (bis zu 200km/h, im Sturzflug sogar bis zu 300km/h). Sie sind erhabene, unerreichbare Tiere und haben zugleich etwas Bedrohliches.
Das alles klingt auch in der Bibel an, wenn etwas mit einem Adler verglichen wird:
Von David und Jonatan heißt es: Sie waren „geliebt und einander zugetan, im Leben und im Tod nicht geschieden; schneller … als die Adler und stärker als die Löwen“ (2. Samuel 1,23).
Im Buch der Sprüche ist von der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Reichtums die Rede. Da heißt es: „Du richtest deine Augen auf Reichtum, und er ist nicht mehr da; denn er macht sich Flügel wie ein Adler und fliegt gen Himmel“ (Sprüche 23,5).
Im Buch Daniel und beim Propheten Ezechiel sind Beschreibungen von endzeitlichen Wesen zu finden. Eines davon gleicht einem Adler. In der Offenbarung des Johannes wird das aufgegriffen (das sind übrigens die einzigen Stellen im Neuen Testament, an denen der Adler erwähnt wird). Auch da werden vier himmlische Wesen beschrieben, unter anderem ein Adler: „ich sah, und ich hörte, wie ein Adler mitten durch den Himmel flog und sagte mit großer Stimme: Weh, weh, weh denen, die auf Erden wohnen“ (Offenbarung 8,13).
Das klingt alles eher ungemütlich. Da leuchtet mir schon beinahe ein, was ich im Internet zu Adlern in der Bibel gefunden habe: „Wegen der leichten Verwechselbarkeit von Adlern und Geiern im Flug, könnte bei vielen Bibelstellen statt des Adlers auch der Geier gemeint sein“.
Unter Adlerflügeln beschützt – auf ihnen getragen
Das alles ist zwar interessant und unterhaltsam, aber noch nicht wirklich Stoff für eine Predigt. Adlern werden in der Bibel noch zwei andere Eigenschaften zugeschrieben werden. Von der einen haben wir in der Lesung gehört:
Mose erinnert das Volk an die Treue und Hilfe Gottes. In allen Gefahren hat Gott das Volk auf dem Weg durch die Wüste behütet – wie ein Adler seine Jungen unter seinen Fittichen in Schutz nimmt.
Zur Fürsorge der Adler für ihre Jungen gehört auch, dass sie sie tragen, wenn die noch zu schwach sind um selbst zu fliegen. Ich bin nun wirklich kein Ornithologe, aber ich habe davon gelesen, dass Adler ihre Jungen nach rund 10 Wochen aus dem Nest (aus dem Adlerhorst) werfen, wenn es an der Zeit ist, dass sie selbst fliegen können und sollen. Das klappt nicht immer auf Anhieb; deshalb fliegen sie ihren Jungen nach und nehmen sie ggfs. auf ihre eigenen Flügel, damit sie nicht abstürzen.
Ich finde das ein sehr schönes Bild für die Gottesbeziehung: Der Start ins Leben beginnt mit Gottes Fürsorge im Nest. Noch ehe wir eigene Entscheidungen treffen oder auf eigenen Füßen stehen können, hat Gott uns schon unter seine Fittiche genommen. Aber wir können nicht unser Leben lang im gemachten Nest sitzen bleiben. Unserer eigenen Flügelschläge sind gefragt – unsere eigene Initiative, unsere Verantwortung.
Der Sprung aus dem Nest hat etwas Riskantes. Manchmal braucht es sogar eine Schubser, weil wir selbst uns das noch nicht zutrauen oder die Kraft dazu vielleicht fehlt. Gott fährt nicht ein Leben lang Kuschelkurs. Gottes Fürsorge ist manchmal auch ein Schubser aus dem Nest hinaus ins Ungewisse. Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten ist ein Vorbild dafür.
Gottes Fürsorge endet aber nicht mit dem Schubser aus dem Nest: „Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.“ So beschreibt es Mose. „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?“ (EG 316,2)
Jung werden wie ein Adler
Die vielleicht bekannteste Bibelstelle mit einem Adler-Vergleich ist zu Beginn im Psalm angeklungen: „Lobe den Herrn, … der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler“ (Psalm 103,1.5). Ich habe mich schon oft gefragt, wie das mit dem „jung werden“ gemeint ist: Werden Adler denn mit der Zeit jünger?
Bei alt gewordenen Adlern sind die Federn lang gewachsen und schwer. Das erschwert das Fliegen und damit die Jagd nach Beute. Irgendwann kommen Adler in die Mauser: Sie schlagen so heftig mit den Flügeln, sodass das alte Federkleid abfällt. Danach gleicht ein Adler erst einmal einem gerupften Huhn. Nicht alle Adler überleben diese kritische Lebensphase. Es dauert eine ganze Weile, bis die Federn nachgewachsen sind. Dann aber kann ein Adler wieder fliegen wie ein Junger.
Auch wir Menschen müssen manchmal alten Ballast zurücklassen. Dafür reichen dann oft nicht nur die kräftigen Flügelschläge, dafür braucht es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, wie es im 103. Psalm heißt. Ich werde mit dem konfrontiert, was mein Leben beschwert. Ich werde auch mit dem konfrontier, womit ich anderen das Leben schwermache. Das kann ein schmerzhafter Prozess sein. Da bekommt das Bild Risse, das ich von mir selber präsentiere, damit ich vor anderen gut dastehen.
Wenn ich meine eigenen Fehler einsehe und zugebe, dann kann das aber ungeheuer befreiend und erhebend sein. Ohne Einsicht und Umkehr schleppe ich all das weiter mit mir herum, was ich an Ballast angesammelt habe – immer darum bemüht, dass niemand es bemerkt.
Gottes Adleraugen haben schon längst entdeckt, was ich mühsam zu verbergen suche. Gott sieht sogar das, was ich erfolgreich vor mir selbst verborgen halte. Gottes Scharfblick sieht aber noch etwas anderes: Gott sieht in uns die Menschen, die wir sein sollen und nach Gottes Willen sein können. Gott sieht auch das in uns, was wir noch nicht entdeckt haben oder uns nicht zutrauen.
Unser Leben mit Gottes Augen sehen und den alten Ballast ablegen – das geht (anders als bei Adlern) nicht nur einmal im Leben und auch nicht nur im Alter. Dafür besteht jeden Tag Gelegenheit. Dieser Blick auf unser Leben mit den Augen Gottes steht unter dem Versprechen: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden“ (Jesaja 40,31).
Ich bin auf ein (traditionelles) Stoßgebet aus der Ukraine gestoßen; mit dem möchte ich schließen:
Herr, gib den Einsamen Hunde,
gib den Kindern Schmetterlinge zum Spielen,
den Frauen Nerze,
den Männern auf der Jagd Wildschweine,
den Tyrannen Läuse –
uns allen aber einen Adler,
der uns auf seinen Fittichen zu dir emporträgt.
