Predigtreihe 2025 der Region Ost „Tierische Predigten“
Predigt über „Schweine“ (Markus 5,1-20)
von Pfarrer Johannes Kurz
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

An einem nieseligen Sonntagnachmittag wartete ich vor dem Freiburger Münster.
Da höre ich, wie sich knapp hinter mir ein Schwall Wasser geräuschvoll auf das Pflaster ergießt.
Ich springe zur Seite und blicke nach oben.
Hoch über mir reißt ein grimmig dreinblickendes Wesen aus Stein sein Maul auf: Ein Wasserspeier, wie er hier und an vielen anderen mittelalterlichen Kirchen zu finden ist.
Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten.
Drinnen in der Kirche, auf den Altären und in den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Für böse Geister aber gilt: „Wir müssen draußen bleiben.“

Draußen haben sie ihren Platz:
als Erinnerung daran, dass in der Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind
Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und einordnen können, was um uns herum passiert.
Liebe Gemeinde:
Diese Faszination für skurrile Fratzen und Fabelwesen begegnet uns heute eher in der den Fantasy-Welten von Harry Potter über den Herrn der Ringe bis zu Game Thrones. Und in Horrorfilmen wie „der Exorzist“, oder Action-Klamauk á la „Ghostbusters“, der im letzten Sommer vor genau 40 Jahren ins Kino kam.
If there’s something strange in the neighborhood
– wenn in der Nachbarschaft komische Sachen passieren-, dann holt man diese Kammerjäger fürs Paranormale.
Statt Kakerlaken entfernen sie mit ordentlichem Getöse lästigen Spuk. Geister, die kein Wasser speien, aber ekligen Schleim hinterlassen.
Und die verschreckten Kunden können wieder aufatmen und sich sagen: „I ain’t afraid of no ghost – ich habe keine Angst nicht vor Geistern“.
Auf der Leinwand und zwischen den Buchseiten haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens also überlebt.
Draußen statt drinnen, ordentlich aufgeräumt, dürfen sie sie ihr Maul aufreißen wie die Wasserspeier an alten Kirchen. Ein bisschen Gruseln ist ja ganz nett.
Aber, wir wissen es:
Ganz so aufgeräumt ist die Welt freilich nicht.
Die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, die kenne ich ja auch.
Momente, in denen ich mich ganz bewusst dagegen stemmen muss, um nicht überwältigt zu werden von Angst und Hoffnungslosigkeit.
Wenn ich mitbekommen, wie Rassisten aufmarschieren und Nazi-Parolen auf Partys gegrölt werden
Und wie der „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft hineinschwappt – das ist schon gruselig und unheilschwanger.
Bedrohliche Kräfte als dämonisch zu bezeichnen, das ist freilich gewagt, oder?
Wenn die Bibel von Dämonen erzählt, dann handeln diese Geschichten immer von Menschen, die sich als hilflos und ohnmächtig erleben und von etwas scheinbar Übermächtigem bedroht werden.
So wie in einer Episode aus dem Markusevangelium, in der Jesus mit seinen Jüngern den See Genezareth überquert und im Gebiet der Zehn Städte“ landet.
Die Leute dort sind keine Juden.
Sie sprechen Griechisch und verehren die Götter der Griechen. Aber manche Probleme gleichen sich hüben wie drüben.
Bei Markus lesen wir im 5. Kapitel:
Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener. Und als Jesus aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen.
Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben;
und niemand konnte ihn bändigen.
Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen.
Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten?
Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!
Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen!
(Markus 5,1-8)
Liebe Gemeinde:
Jesus begegnet einem Menschen, der außer Rand und Band ist.
Er lebt abseits der Stadt, vor allem aber gefährdet und verletzt er sich ständig selbst.
Die Leute haben vor ihm Angst und wissen sich nicht anders zu helfen, als ihn zu fesseln.
Sie bekommen ihn allerdings nicht so recht in den Griff.
Der Mann bei den Grabhöhlen scheint nicht zu wollen, dass andere ihm nahekommen.
Aber Jesus tut genau das: Kaum setzt er – vom jüdischen Ufer des Sees kommend – seinen Fuß auf heidnischen Boden, kommt Bewegung in die festgefahrene Situation.
Unwiderstehlich zieht es den Mann zu Jesus hin.
Oder wird er von dem bösen Geist getrieben?
Es klingt fast so!
Und Jesus?
Der wirkt kein bisschen überrascht.
Er scheint gespürt zu haben, dass da unheilvolle Kräfte wirken, die er mit seiner Ankunft aufscheucht.
Jesus fragt seelenruhig: Wie heißt du?
Und er sprach: Legion heiße ich; denn wir sind viele.
Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe. (Markusk 5,9)
Der kurze Wortwechsel ist aufschlussreich:
Die Dämonen geben sich als „Legion“ zu erkennen.
Also die militärische Formation, mit der das römische Imperium seine knallharte Besatzungspolitik durchsetzt in dieser unruhigen Region.
Gerasa war ursprünglich eine Ansiedlung mazedo-nischer Kriegsveteranen durch Alexander den Großen und seine Nachfolger.
Und tatsächlich ist auch zu der Zeit, als Markus sein Evangelium niederschreibt, ganz in der Nähe eine Legion stationiert.
Die einfachen Leute werden niedergedrückt und ausgepresst. Nichts wäre ihnen lieber als die Soldaten aus dieser Gegend zu vertreiben.
Zwischen „Besessenheit“ und „Besatzung“ besteht offenbar ein Zusammenhang.
Und der Mann, aus dem gerade eine Geisterarmee zu sprechen scheint, ist keineswegs der einzige Betroffene.
In seiner Person verdichten sich sämtliche Ohnmachts-gefühle der ganzen Umgebung, von allen, die hier leben.
Manchmal kann nur einer, der sich wie ein Verrückter benimmt, ungestraft den Wahnsinn aussprechen, den alle Leute hier tagein, tagaus erleben.
Jedes gewaltsame Aufbegehren gegen die reale Besatzung wäre glatter Selbstmord gewesen. Und jedes friedliche wurde gewaltsam niedergeschlagen.
Die Dämonen, auf die Jesus hier trifft, sind also keine paranormalen Spukphänomene, und auch keine wüsten Poltergeister wie bei Ghostbusters.
Sie sind keine immateriellen Kobolde oder spirituellen Parasiten, die man sich wie Zecken oder Fußpilz irgendwo einfängt.
Es geht auch nicht um die Seelen Verstorbener, die keine Ruhe finden und deshalb die Lebenden heimsuchen.
Nein, ich denke, in der Ein-Mann-Legion spiegelt sich jener Teil der Wirklichkeit, den alle am liebsten vergessen und ausblenden würden:
- Das Ausgeliefertsein an Besatzer,
- die Einschüchterungen und Demütigungen,
- die Angst vor Willkür und Gewalt,
- die angestaute Wut über die eigene Schwäche
- und der verzweifelte Hass auf die Kriegstreiber und ihre Handlanger
Gefühle, die einen wahnsinnig machen können
– als Ausweg, als ein Ventil gegen die Verzweiflung.
Der Mann aus Gerasa – er passt nirgends rein.
Bleibt er mit seiner Verzweiflung allein?
Zum Glück nicht!, liebe Gemeinde.
Mit dem Augenblick der Wahrheit über die „Legion“,
die ihm so zusetzt, geht die Action erst richtig los.
Und für einen kurzen Moment erinnert die Szene fast an Ghostbusters, wenn es da heißt – und damit sind wir dann auch endlich bei den Schweinen angekommen,
die dieser Predigt ihren Titel gaben:
Es war aber dort an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide. Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren!
Und er erlaubte es ihnen.
Da fuhren die unreinen Geister aus
und fuhren in die Säue;
und die Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, etwa zweitausend,
und sie ersoffen im Meer.
Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande.
Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen,
wie er dasaß, bekleidet und vernünftig,
den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte;
und sie fürchteten sich.
Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und das von den Säuen.
Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.
(Markus 5,11-17)
Die „Legion“ verhandelt wie eine echte Armee über ihren Abzug. Oder besser: Nicht-Abzug.
Die Dämonen möchten nämlich in der Gegend bleiben.
Sie bieten an, in ein anderes „Quartier“ umzuziehen
– beziehungsweise, das trifft es wohl besser, ihre derzeitige Geisel gegen eine andere einzutauschen.
Daher vielleicht die Hoffnung der den Mann besetzt haltenden Kräfte, dass Jesus bereit ist, sich auf einen solchen zu einzulassen.
Und tatsächlich – Jesus stimmt scheinbar diesem dämonischen Deal zu.
Eine Reaktion, die mich beim ersten Lesen und immer wieder danach beschäftigte.
Warum lässt Jesus das zu?
Was hat ihn dazu veranlasst?
Sind denn Tierleben nichts wert?
Es hängt zum einen damit zusammen, dass es Schweine sind: Schweine galten und gelten bis heute im Judentum – und von dorther dann auch im Islam – als unrein:
im 3. Buch Mose im 11. Kapitel wird eine ganze Reihe von unreinen Tieren aufgelistet, deren Verzehr verboten wird.
Das, worum es bei den dortigen Speisegeboten geht, lässt sich mit dem Wort „Integrität“ erfassen.
Die Vorschriften in 3. Mose 11 unterscheiden wie der Schöpfungsbericht drei Klassen von Tieren:
Landtiere, Wassertiere und fliegende Tiere.
Für jede der drei Klassen legen die Gebote einen Standard fest.
Bei den Landtieren sind dies die wiederkäuenden Paarhufer – die Tierarten also, mit denen die Bauern Israels es in erster Linie zu tun hatten.
Bei den Wassertieren sind es die „normalen“ Fische, also Arten mit Schuppen und Flossen;
bei den fliegenden Tieren die „normalen“ Vögel, also Arten mit zwei Flügeln und zwei Beinen.
Fliegende Insekten sind also ausgeschlossen, mit Ausnahme der Heuschrecke, die mit nur zwei Beinen hüpft und daher der Norm in ausreichendem Maße genügt. Ausgeschlossen sind außerdem einige Raubvögel, da diese blutiges Fleisch fressen.
Alle Tierarten, die dem Standard ihrer Klasse entsprechen, gelten als rein.
Man könnte sagen: Sie sind, wie sie sein sollten;
sie sind vollständig, vollkommen oder auch „integer“.
Dies ist keine biologische Wertung, sondern symbolisch, sinnbildich und damit sinnstiftend zu verstehen:
Indem die Menschen darauf achten, nur „Vollkom-menes“ und „Integeres“ zu essen, erinnern sie sich täglich daran, in allen Lebensbereichen einen Lebensstil zu pflegen, der von Integrität geprägt ist.
Die Einhaltung von Speisevorschriften ist also ein äußeres Zeichen für eine innere Einstellung.
Sie soll helfen, das umzusetzen, was Gott fordert:
„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!“
(3. Mose 11,44-45).
Von daher kommt mit dem Besitzwechsel hin zu den Schweinen Unheiliges zu Unheiligem;
aber auch dieses Unheilige muss weichen.
Denn schon im nächsten Moment zerschlägt sich die Hoffnung der Legion, so davonzukommen:
Hat Jesus es geahnt, hat er es vielleicht so geplant,
oder passiert das alles spontan
– wir erfahren es nicht.
Wir lesen nur, dass die Schweine prompt den Hügel hinunterrasen, sich ins Meer stürzen und im Wasser untergehen.
Die Geisterarmee versenkt sich selbst auf ihrer Flucht nach Westen.
Nach Westen, liebe Gemeinde, und das ist kein Zufall.
Von Westen über das Meer kamen die römischen Schiffe.
Diese brachten Soldaten und nahmen im Gegenzug den größten Teil dessen mit, was Land und Leute erwirtschaftet hatten. Auch Sklaven nahmen sie sich unter denen, die ihre Schuldenlast nicht mehr tragen konnten.
Viele Menschen in der Region – Juden wie Griechen – hätten die Besatzer liebend gern nach Westen ins Meer zurückgedrängt.
Und jetzt spielt sich genau das vor ihrer Nase ab,
nur dass keine Menschen zu Schaden kommen.
Zweitausend Schweine, das ist eine gewaltige Herde. Nicht ganz so viele, wie eine römische Legion Soldaten hat, die meist aus 3000 bis 6000 Soldaten bestand, aber die Richtung stimmt, und darauf kommt es an.
Die Symbole der römischen Legio X Fretensis, die in dieser Zeit in Syrien eingesetzt war und auch im jüdischen Krieg, sind auf zahlreichen Münzen belegt: Kriegsschiff und Eber!

Was hier geschieht, ist ein Paukenschlag für die Freiheit,
der weit ins Land hinein zu hören ist.
Schon einmal hatte ein jüdischer Prophet eine feindliche Armee im Meer untergehen lassen.
Aber auch wenn an den Showdown zwischen Mose und den Ägyptern am Schilfmeer in diesem Augenblick hier wohl keiner direkt denkt,
für die Leserinnen und Leser des Evangeliums war das durchaus ein Hinweis, wer hier am Wirken ist.
Markus erzählt auch, dass alle staunen, dass der „Besessene“ plötzlich wie ausgewechselt erscheint:
er ist anständig gekleidet,
seine Stimmung ausgeglichen,
die Kontrollverluste überstanden.
Er ist sogar ganz erschreckend normal!
Das kleine Drama weckt bei den Umstehenden die Neugier und verursacht zugleich eine Menge Unbehagen.
Es bleibt auch unklar, ob das Unbehagen eher dem Verlust der Schweine zuzuschreiben ist oder der Veränderung des Mannes, mit dem die Dämonen ihr böses Spiel getrieben hatten.
Vielleicht wissen die Menschen es selbst nicht.
Jedenfalls bitten sie Jesus und seine Jüngerschar,
sie mögen verschwinden.
Jesus stört die Ordnung und er stört die Unordnung.
Dass da jemand im Namen Gottes unterwegs ist,
der ganz erstaunlich furchtlos ist und es schafft,
Menschen aus ihrer Ohnmacht und Verzweiflung herauszuholen, das macht alle nervös.
Im Untergang der Schweinelegion schimmert schon der Untergang der römischen Militärdiktatur durch und mit ihr das Anbrechen des Reiches der Himmel, das Jesus verkündigt.
Liebe Gemeinde:
Wir leben derzeit zum Glück nicht unter fremder Besatzung oder in einer Diktatur.
Ohnmachtsgefühle, Wut, und alles, was sie begleitet, kennen wir trotzdem.
Wenn uns heute der Evangelist Markus von Schweinen und Dämonen erzählt, dann um zu zeigen, wie ernst Jesus die Schadensmächte nimmt, die Menschen anfallen.
Diese Schweine-Geschichte tut mir richtig gut. Saugut.
Ich staune darüber – erleichtert, wie das Böse, das manchmal so übermächtig auftrumpft, sich selbst zerstört.
Weiter heißt es:
Und als Jesus in das Boot trat, bat ihn der Besessene, dass er bei ihm bleiben dürfe.
Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm:
Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Wohltat dir der Herr getan und wie er sich deiner erbarmt hat.
Und er ging hin und fing an, in den Zehn Städten auszurufen, welch große Wohltat ihm Jesus getan hatte; und jedermann verwunderte sich.
(Markus 5,18-20)
Wir werden mit dem Geheilten ermutigt und ermächtigt zu bekennen:
Gegen die Resignation ist ein Kraut gewachsen:
Gott selbst hat in Jesus den destruktiven Mächten und Gewalten dieser Welt den Kampf angesagt.
Und wie der irdische Jesus auf Schritt und Tritt
kleine, gewaltlose Aufstände vom Zaun gebrochen hat, so tut der Auferstandene das nun überall da, wo sich Menschen auf ihn einlassen
und in seinem Namen und Geist zusammentun.
Da endet die Machtlosigkeit und die Isolation.
Schwein gehabt. Da geht was.
Und manchmal, manchmal auch ein bisschen mehr.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
