Predigtreihe 2025 der Region Ost „Tierische Predigten“
Predigt über „Vogelflug“ (Jeremia 8,4-7)

von Pfarrer Markus Wittig

Liebe Gemeinde!

Vielleicht war schon mal jemand von Ihnen auf der Halbinsel Fischland-Darß an der Ostsee im Urlaub, wo viele Menschen gern den Sommerurlaub verbringen. Aber Fischland-Darß ist nicht nur im Sommer ein begehrter Ort für Naturliebhaber, liebe Gemeinde. Jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst bietet die Küste Tausenden von Kranichen einen willkommenen Rastplatz auf dem Flug zwischen Skandinavien und Spanien.
Kraniche sind natürlich nicht die einzige heimische Vogelart, die den Winter lieber in wärmeren Regionen verbringt. Storch, Kuckuck, Mauersegler und Nachtigall gehören ebenfalls zu den Zugvögeln, um nur einige zu nennen.

Sehnsuchtsvoll schaue ich den Vögeln im Herbst jeweils nach. Ich würde sie gern begleiten, wenn es hier dunkler und kühler wird, auch wenn ihre Reise ins Licht nicht ohne Gefahren ist. Sofern sie den illegalen Vogelfängern nicht in die Falle gehen, dürfen wir uns pünktlich im Frühjahr wieder an der Rückkehr der Vögel und ihrem Gesang erfreuen. Ich finde es erstaunlich, dass sie ihren Weg finden, jedes Mal neu! Diese Koordination, diese Zielstrebigkeit ist faszinierend! Und wie manche im Schwarm in Formation fliegen, keilförmig, damit die im Inneren des Keils Kraft sparen und sie sich abwechseln können. Welcher Teamgeist!

Das haben übrigens Menschen schon seit Jahrtausenden bewundert. Der heutige Predigttext aus dem Jeremia-Buch ist ca. 2600 Jahre alt. Und wenn ich ihn lese, sehe ich den Propheten Jeremia in den Himmel blicken und sinnieren: Wie wunderbar die Vögel ihren Rückflug in die Heimat wieder gemeistert haben. Und wie schade, dass wir Menschen nicht genau die gleiche innere Koordination und Zielstrebigkeit haben! Was er damit meint? Hören Sie selbst:

Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am Trug, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Schwalbe und Drossel halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.

Könnten wir doch von den Vögeln lernen, so der Prophet, wann es Zeit ist umzukehren! Hätten wir doch wie die Vögel diesen inneren Kompass, der uns zum Licht und zum Leben bringt! Stattdessen rasen wir ohne Sinn und Verstand von einem Termin zum nächsten wie ein panisches Pferd in der Schlacht.

Ich sehe den Propheten seufzend den Kopf schütteln. Aber wie bringt er diese Erkenntnis seiner Gemeinde bei? Und wie legt er ihnen die Lösung des Problems nahe, die Umkehr zu Gott, die Ausrichtung auf seine Gebote? Jeremia beschließt, seine Gedanken aufzuschreiben und seinen Zuhörer/innen vorzulesen. Seht die Vögel am Himmel an … Jeremia ist nicht der Einzige geblieben, der diese Idee hatte.

Hiob empfiehlt seinem Freund Zofar auch: Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir’s sagen … und die Fische im Meer werden dir’s erzählen. Wer erkennte nicht an dem allen, dass des Herrn Hand das gemacht hat, dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, in seiner Hand auch der Geist im Leib eines jeden Menschen? (Hiob 12,7-9)

Hiob wehrt sich damit gegen die Unterstellung Zofars, er habe Gottes Weisheit, Gottes Wege einfach noch nicht verstanden. So schwer zu verstehen ist das nicht, kontert Hiob. Wir sind alle in Gottes Hand. Wir nehmen Glück und Unglück aus denselben Händen, bringen Lob und Klage vor denselben Gott.

Auch Jesus nimmt später die Vögel unter dem Himmel als Beispiel für bedingungsloses Vertrauen Gott gegenüber: Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seines Lebens Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? (Matthäus 6,26-27)

Franz von Assisi hatte einen Blick für die Vögel und soll sogar nicht nur über sie, sondern für sie gepredigt haben. Und im Handbuch zur Kindererziehung empfiehlt der Reformator Philipp Melanchthon, von den Vögeln das Loben zu lernen: Die Vögel singen und fliegen auf und ab. Sehen wir denn das umsonst? … Wie die Vögel sich in die Luft schwingen und Gott loben, wie sie können! Aber wir, was tun wir denn?

Erstaunlich, wie sich die Erfahrungen, Sorgen und Gedanken der glaubenden Menschen durch die Jahrhunderte, gar Jahrtausende hindurch ähneln beim Blick nach oben: Sie staunen alle über die Schöpfungsordnung, in die hinein wir als Lebewesen, egal ob tierischer oder menschlicher Natur, geboren sind. Sie sind wehmütig darüber, dass wir als Menschen nicht genau die gleichen inneren Koordinaten haben, die uns Richtung und Ziel im Leben vorgeben. Stattdessen plagen wir uns mit Fragen nach dem richtigen Weg und dem bestmöglichen Lebenssinn und -ziel, nach den Koordinaten von Gut und Böse, von Erfolg und Misserfolg. Das ist wohl der Preis, den wir für unsere Freiheit und unseren Verstand zahlen!

Andererseits waren Jeremia und Hiob, Jesus, Franziskus und Melanchthon doch auch freie Menschen. Was haben sie anders gedacht oder gemacht als der Großteil der Bevölkerung um sie herum, dass sie zu solchen Erkenntnissen kamen?

Wenn ich mir die gerade Genannten anschaue, dann sind es alles Menschen mit einem wachen Sinn für die Natur um sich herum und mit einer wachen Seele für den Schöpfergott, auf den alles zurückgeht, für den Vater im Himmel als unser ganz persönliches Gegenüber. Es sind alles Menschen, die gern gebetet und gelobt haben, und das erstaunlicherweise, obwohl sie nicht durchweg Glückskinder waren, wie man vermuten könnte.

Jeremia hat damals mehr als ein Jahrzehnt lang Kriegserfahrung mit seinem Volk geteilt. Wahrlich keine leichte Ausgangssituation für einen Propheten und Prediger des Herrn!

Hiob hatte bekanntlich nicht nur seinen Besitz eingebüßt, sondern auch seine Kinder durch Krankheit verloren und wurde dann schließlich selbst krank.

Der Weg Jesu dürfte uns allen bekannt sein. Palmwedel und Hosianna-Rufe waren leider kurzlebig. Seine Gegner haben Oberhand gewonnen und Pilatus hat ihn schließlich ans Kreuz nageln lassen.

Franz von Assisi lebte in selbst gewählter Armut.

Und die Reformatoren wie Philipp Melanchthon wurden von ihrer Mutterkirche ausgestoßen, sofern sie nicht von selbst den Absprung wagten in einer Zeit, als man außerhalb der katholischen Kirche kein Heil vermuten durfte.

Und dennoch – oder gerade deshalb – fühlten sich all diese Menschen hingezogen zu einem Gott, zu dem man jederzeit zurückkehren kann wie die Vögel nach dem Winter oder wie der verlorene Sohn nach dem Scheitern.

Ich stelle mich gerne in die Reihe der Vogelbewunderer. Immer, wenn ich Vogelschwärme wegfliegen oder zurückkehren sehe, werde ich mich von nun an daran erinnern, dass es auch in meinem Leben Sinn und Ziel gibt. Denn, wie es Hiob ausgedrückt hat, „in Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Geist im Leib eines jeden Menschen.“ Und das finde ich sehr beruhigend auch in unruhigen Zeiten. Amen.

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