Regio-Predigtreihe 2026 der Region Ost
„Aus der zweiten Reihe“
Predigt zu Paulus und seinen „Supportern“
von Pfarrer Johannes Kurz
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
fast alle Briefe des Apostel Paulus haben diesen Gruß im Wortlaut so am Anfang.
Neben Petrus spielt er, Paulus – der Völker-Apostel, wie er bisweilen genannt wird, in der Apostelgeschichte die Hauptrolle und seine Briefe sind die ältesten Schriftzeugnisse im Neuen Testament. Maßgeblich hat er die Entstehung der christlichen Gemeinschaften in Kleinasien und Europa mitgeprägt.
Aber natürlich handelte Paulus nicht allein. Er hatte Unterstützerinnen und Unterstützer, Supporter, wie das englische Wort dafür lautet.
Tychikus, Onesimus, Lydia und Barnabas
– diesen vier Personen aus dem Unterstützerkreis des Apostel Paulus wollen wir heute eine Bühne geben und sie sich uns vorstellen lassen:
sie sind sozusagen die heutigen Kandidatin und Kandidaten für den Oskar für die beste männliche und weibliche Nebenrolle, die best supporting actors.
Und am Ende möchte ich sie einladen, mithilfe der Stimmkarte ein persönliches Stimmungsbild abzugeben, wer Sie dabei heute am meisten bewegt hat.
Als erstes darf ich vorstellen:
Tychikus – er ist der Verbindungsmann im Hintergrund
• Epheser 6,21–22; Kolosser 4,7–9
Ich bin Tychikus.
Wenn du meinen Namen noch nie gehört hast – willkommen im Club.
Die meisten Leute lesen die Briefe des Paulus und übersehen, dass am Ende manchmal ein kleiner Satz steht: „Tychikus wird euch alles erzählen.“ Das bin ich!
Mein Job? Briefe überbringen. Nicht irgendwelche Briefe – sondern die Originale, die später als Epheser, Kolosser und ein paar andere weltberühmte Texte bekannt wurden. Heute würde man vielleicht sagen: Ich war der Kurier für Bestseller, die Millionen von Herzen verändert haben.
Aber damals war das nicht glamourös. Kein Kamel mit Chauffeur. Keine gut gepflasterten Straßen.
Stattdessen: staubige Wege, schmerzende Füße, hungrige Wölfe (und noch hungrigere Straßenräuber), Hitze am Tag, Kälte in der Nacht – und immer die Gefahr, dass man mich für einen Spion oder Aufrührer hielt.
Paulus vertraute mir, nicht nur weil ich schnell laufen konnte, sondern weil er wusste: Ich bringe nicht nur Papier von A nach B, sondern ich bringe mich selbst ein. Er schrieb: „Tychikus, der geliebte Bruder und treue Diener im Herrn.“ (Epheser 6,21) Das war meine Auszeichnung.
Und wenn ich in Ephesus oder Kolossä ankam, las ich nicht nur vor. Ich erzählte, wie es Paulus ging. Ich übersetzte seine Freude und seinen Schmerz in Mimik, Stimme, Gesten. Ich ermutigte die Gemeinden, als stünde Paulus selbst vor ihnen. Ich war nicht der Apostel, aber ich brachte die seine Botschaft und mit ihnen Gott selbst direkt zu den Menschen.
Ohne mich wären manche Gemeinden vielleicht im Dunkeln geblieben, ohne Trost, ohne Leitung.
Also ja – wenn es im Umfeld des Paulus einen „Oscar“ für die beste Nebenrolle gibt, dann steht mein Name auf der Nominierungsliste.
Denn manchmal besteht Größe nicht darin, selbst das Rampenlicht zu suchen, sondern den Scheinwerfer auf den Richtigen zu richten.
Soweit zu Tychikus, dem Verbindungsmann.
Hören wir nun von Onesimus, dem entflohenen Sklaven, der Thema ist im Philemonbrief – übrigens mit nur einem Kapitel der kürzeste Paulusbrief und sehr des Lesens wert.
Ich bin Onesimus.
Mein Name bedeutet „nützlich“. Ironischerweise war ich das am Anfang nicht wirklich. Ich war ein Sklave – Eigentum von Philemon in Kolossä – und ich bin weggelaufen.
Frag nicht, wie gefährlich das war. Wenn man dich erwischt, ist das Beste, was passieren kann, dass du bestraft wirst. Das Schlimmste … reden wir lieber nicht drüber.
Ich wollte einfach nur weg. Weg von den Ketten. Weg von der Gefangenschaft.
Und dann landete ich in Rom. Großstadt. Laut. Voller Verstecke.
Und doch – Gott schickte mich direkt in die Arme eines Mannes, der selbst dort im Gefängnis eingesperrt war: Paulus.
Ich kannte seinen Namen. Er predigte von einem Herrn, der größer war als Cäsar und doch bereit war, am Kreuz zu sterben.
Paulus war zwar gefangen, er wartete auf seinen Prozess, aber innerhalb der Gefängnismauern konnte r sich frei bewegen und auch Besuch empfangen. Er predigte, diktierte Briefe.
Ihr fragt vielleicht: Was hat das mit mir zu tun? Ich war ein Niemand. Aber Paulus sah mich an, als wäre ich ein Jemand. Er hörte von mir meine Geschichte, und statt mich zu verurteilen, sprach er von Freiheit – einer, die kein Kettenbrecher, sondern der Messias selbst gibt.
Ich kam öfters zu ihm – und schließlich ließ ich mich taufen.
Irgendwann sagte er: „Onesimus, du bist jetzt nicht nur mein Kind im Glauben, du bist mein Bruder.“ Klingt schön, oder?
Aber dann kam der schwierige Teil: „Du musst zurück zu Philemon.“
Ich? Zurück? Zu dem Mann, vor dem ich geflohen bin?
Paulus schrieb einen Brief – nicht irgendeinen Brief. Einen, in dem er Philemon bat, mich nicht mehr als Sklaven, sondern als Bruder in Christus anzunehmen.
Und dann – halt dich fest – drückte er mir den Brief in die Hand und schickte mich los.
Jeder Schritt zurück nach Kolossä fühlte sich an wie ein Gang über glühende Kohlen. Aber als ich ankam und Philemon den Brief las, sah ich etwas, das ich nicht erwartet hatte: Tränen.
Er nahm mich an. Nicht als Eigentum. Er nahm mich in sein Haus auf als Teil seiner Familie.
Darum denke ich manchmal: Wenn es im Umfeld des Paulus einen Oscar gäbe, stünde auf meinem vielleicht: „Beste Nebenrolle in einem Drama um Vergebung“. Ich war nicht der Star – das war Christus.
Aber weißt du was? Ich hätte nie gedacht, dass „nützlich“ wirklich mal zu meinem Namen passt. Aber jetzt passt es. Sogar sehr.
Gehen wir weiter von Onesimus zu Lydia, einer Händlerin in Philippi, in Griechenland, von der in der Apostelgeschichte berichtet wird.
• Apostelgeschichte 16,11–15
Ich bin Lydia:
Purpur – das war mein Geschäft.
Teure Stoffe, begehrt bei den Mächtigen, getragen von Kaisern und Königen. Ich war wohlhabend, angesehen, erfolgreich.
Doch zwischen den Geschäften, zwischen all den bunten Stoffen suchte ich nach einem Gott, der mehr war als Reichtum und Ansehen.
Und so kam es – als Paulus nach Philippi kam, ging er nicht zuerst in die großen Straßen oder zu den Markthallen. Er setzte sich an den Fluss, wo wir Frauen morgens gemeinsam beteten.
Er sprach zu uns, und plötzlich war es, als hätte jemand einen Vorhang aufgezogen. Seine Worte von Jesus Christus trafen mitten in mein Herz.
Ich wusste: Das ist die Wahrheit. Das ist der Herr, nach dem ich gesucht habe.
Ich ließ mich sofort taufen, mit meinem ganzen Haus.
Es war keine kleine Entscheidung – es bedeutete, dass mein ganzes Leben, mein Ruf, mein Geschäft, meine Familie nun von Christus geprägt sein würden. Aber ich zögerte nicht. Und ich drängte Paulus und seine Gefährten: „Kommt in mein Haus und wohnt dort.“
Mein Haus wurde so zu einem Zentrum der ersten Gemeinde in Europa. Dazu bedurfte es keiner spektakulären Wunder, sondern nur guter Worte – und einem offenen Herzen. Das hatte mir Gott geschenkt.
Darum konnte ich die Türen meines Hauses öffnen.
Wenn es im Umfeld des Paulus eine Oscar-Gala gäbe, würde ich vielleicht auf die Bühne gerufen werden: „Beste Nebenrolle – für eine Frau, die ihre Türen öffnete.“ Denn manchmal ist Gastfreundschaft die Bühne, auf der Gott seine Wunder am liebsten geschehen lässt.
Liebe Gemeinde,
viele weitere Supporter gäbe es noch zu erwähnen, aber unsere Zeit und auch der Platz im Kopf ist beschränkt.
Darum für heute nur noch einen weiteren Kandidaten, den ich vorstellen möchte: Barnabas, der Brückenbauer, von dem uns in der Apostelgeschichte an mehreren Stellen berichtet wird.
• Apostelgeschichte 9,26–27; 11,22–26; 15,36–41
Mein Name ist Barnabas, das heißt übersetzt: „Sohn des Trostes“.
Ich wusste immer: Menschen brauchen jemanden, der an sie glaubt, wenn alle anderen zweifeln.
Als Saulus nach seiner Bekehrung nach Jerusalem kam, fürchteten sich alle vor ihm. Sie sahen nur den alten Verfolger, den Christenjäger.
Aber ich sah mehr. Ich nahm ihn bei der Hand, führte ihn zu den Aposteln und erzählte seine Geschichte. Ohne mein Wort hätte er vielleicht nie Zutritt bei ihnen gefunden.
Später in Antiochia sah ich, wie die junge Gemeinde wuchs. Doch ich wusste: Diese Aufgabe brauchte mehr als nur mich.
Also holte ich Saulus, und wir arbeiteten Seite an Seite.
Ein Jahr lang lehrten wir zusammen, dann rief uns der Heilige Geist in die Mission. Ich war bereit, meine Bühne zu teilen – ja, ihn zur Hauptfigur werden zu lassen.
Doch dann kam Johannes Markus. Auf einer unserer Reisen kehrte er frühzeitig um – vielleicht aus Angst, vielleicht aus Schwäche.
Paulus konnte ihm das nicht verzeihen. Später, als wir eine neue Missionsreise planten, entbrannte ein scharfer Streit zwischen uns: Paulus wollte Markus nicht mitnehmen. Ich aber bestand darauf, ihm eine zweite Chance zu geben.
Die Meinungsverschiedenheit wurde so heftig, dass wir uns trennten. Paulus ging mit Silas, ich nahm Markus und segelte nach Zypern.
Manche sahen darin meinen Abgang von der großen Bühne. Aber ich wusste: Meine Aufgabe war es nicht, bei den großen Missionaren an vorderster Stelle zu wirken, sondern den Übersehenen beizustehen.
Markus wuchs in seine Aufgaben mehr und mehr hinein – und Jahre später nannte selbst Paulus ihn wieder einen wertvollen Mitarbeiter.
Wenn es einen Oscar für die beste Nebenrolle im Umfeld des Paulus gäbe, würde vielleicht ich ihn bekommen – nicht weil ich der Strahlendste war, sondern weil ich Räume öffnete, so dass andere leuchten konnten. Ich war es, der Brücken des Verstehens bauen konnte: für Paulus, als niemand ihm glaubte, und für Markus, als niemand ihm vertraute. Das war meine Rolle. Und ich bin dankbar, dass ich sie gespielt habe.
Liebe Gemeinde,
jeder große Film lebt von seinen Schauspielern.
Und jeder Hauptdarsteller, jede Hauptdarstellerin davon, dass andere sie unterstützen und ihnen ihren Platz auf der Bühne zukommen lassen.
Auch Gottes Geschichte lebt davon, dass Menschen ihre Plätze ausfüllen – treu, mutig, gastfreundlich, ermutigend.
Was meinen Sie?
Wer von diesen vier hat Sie heute am meisten beeindruckt und Ihrer Meinung nach – es ist ja nur ein kleines Stimmungsbild, also nur zu – einen Oscar für die ‚Beste Nebenrolle‘ verdient?
War es Tychikus, der nicht nur Briefe aus Pergament zu den Gemeinden brachte, sondern zur Stimme des Paulus selbst wurde, sein Herz, seine Tränen und seine Freude vermittelte.
War es Onesimus, ein entflohener Sklave, der durch Paulus zum Glauben kam und von ihm nur mit einem Brief ausgestattet an seinen christlichen Besitzer Philemon zurückgeschickt wurde und erlebte, was Gottes Geist vermag: aus einem Sklaven einen Bruder zu machen.
War es Lydia, die nach Gott suchte, lange bevor Paulus in ihre Stadt kam. Die seinen Worten ihr Herz öffnete – und dann ihr Haus. Und so die erste Gemeinde in Europa mitbegründete.
Oder war es Barnabas, der Paulus den Jesusanhängern und Aposteln in Jerusalem vorstellte und für ihn bürgte, der später mit Paulus seine erste Missionsreise unternahm und später, als es Zerwürfnisse gab, zu Markus hielt und weiterhin Bücken baute, so gut er konnte.
Vielen Dank, dass Sie sich auf diese ungewöhnliche Predigt eingelassen haben, die uns allen hoffentlich half zu erkennen:
– Oscar hin oder her –
Miteinander sind wir alle eingeladen, Gottes Kinder zu sein.
Und wir sind aufeinander angewiesen im Glauben.
Der Friede Gottes aber, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
