Regio-Predigtreihe 2026 der Region Ost
„Aus der zweiten Reihe“
Predigt zu Jonatan – Königsohn und bester Freund
von Pfarrer Jonas Lauter
Lesungen
12Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. 13Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. 14Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. 15Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.
16Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, auf dass, worum ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe. 17Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.
„Jesus spricht davon, dass niemand größere Liebe hat, als wer sein Leben lässt für seine Freunde. Diese Worte sind nicht nur Ideal – sie wurden gelebt. Jahrhunderte vor Jesus gab es einen jungen Mann, der genau diese Liebe zeigte: Jonathan, der Kronprinz Israels. Hören wir, wie seine Freundschaft mit David begann.“
57Als nun David zurückkam vom Sieg über den Philister, nahm ihn Abner und brachte ihn vor Saul, und er hatte des Philisters Haupt in seiner Hand.
1Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich das Herz Jonatans mit dem Herzen Davids, und Jonatan gewann ihn lieb wie sein eigenes Leben. 2Und Saul nahm ihn an diesem Tage zu sich und ließ ihn nicht wieder in seines Vaters Haus zurückkehren. 3Und Jonatan schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Leben. 4Und Jonatan zog seinen Rock aus, den er anhatte, und gab ihn David, dazu seine Kleider und sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel.
Predigt Jonathan
Sara erzählt von ihrer Geschichte: Sie hatte ihr ganzes Studium darauf ausgerichtet, in einem bestimmten Forschungsinstitut zu arbeiten. Jahrelang hatte sie darauf hingearbeitet. Bewerbung abgeschickt. Vorstellungsgespräch. Und dann: Absage.
Sie war am Boden zerstört. Ihr ganzer Plan – weg.
Aber ein paar Wochen später bekam sie ein Angebot von einer kleinen NGO. Nicht prestigeträchtig. Nicht das, was sie geplant hatte. Sie hat zugesagt – ohne große Begeisterung.
Heute, drei Jahre später, sagt sie: „Das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe hier Menschen getroffen, Freundschaften geschlossen, Arbeit gemacht, die wirklich etwas verändert. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mein Leben so aussehen könnte. Aber es passt.“
Manchmal denken wir, wir wissen genau, wo es langgehen muss. Wir haben einen Plan. Ein Ziel. Einen Weg. Und dann kommt das Leben – oder Gott – und führt uns woanders hin. Und wir fragen uns: War mein Plan falsch? Habe ich versagt?
Heute möchte ich euch von einem jungen Mann erzählen, der den perfektesten Plan hatte, den man sich vorstellen kann – und der ihn losgelassen hat. Sein Name: Jonathan.
Jonathan ist Kronprinz von Israel. Sohn des Königs Saul. Nächster in der Thronfolge. Sein Leben ist vorgezeichnet: Er wird König werden. Alles läuft nach Plan.
Aber vorher muss er kämpfen. Israel ist umzingelt von Feinden, den Philistern. Und eines Tages – sein Vater und das Heer lagern im Schatten eines Granatapfelbaums und warten ab – eines Tages sagt Jonathan zu seinem Waffenträger: „Komm, lass uns rübergehen zu den Philistern.“
Nur sie zwei. Gegen eine ganze Festung.
Sein Waffenträger hätte sagen können: „Bist du verrückt? Wir sind nur zwei!“ Aber Jonathan sagt etwas, das ich bis heute umhaut: „Es ist dem Herrn nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen.“
Ich möchte, dass einer mit mir geht. Das haben wir eben gesungen. Jonathan weiß: Ich bin nicht allein. Gott geht mit. Und wenn Gott mitgeht, dann kann ich es wagen – auch wenn es aussichtslos erscheint.
Sie gehen. Sie klettern. Sie kämpfen. Und Gott gibt ihnen den Sieg.
Jonathan ist kein Draufgänger. Er ist ein Mann, der weiß: Mein Plan ist nicht alles. Gottes Möglichkeiten sind größer. Ich kann loslassen – und vertrauen.
Und sein Waffenträger? Der sagt zu ihm: „Mach’s ganz, wie es dir gefällt. Geh nur hin, ich bin mit dir, wie dein Herz will.“
Ich möchte, dass einer mit mir geht – Jonathan hatte diesen einen. Seinen Waffenträger. Und später wird er selbst dieser eine sein. Für David.
Und genau das wird ihm später das Leben kosten. Oder besser: das Leben schenken.
Kurz darauf: David tritt auf. Der junge Hirte, der Goliath besiegt hat. König Saul nimmt ihn an den Hof. Und dann steht dieser Vers da – einer der schönsten, geheimnisvollsten Verse der ganzen Bibel:
„Da verband sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie sein eigenes Herz.“
Was passiert da?
Jonathan sieht David – und er versteht. Er versteht, dass dieser junge Mann von Gott gesalbt ist. Dass David der nächste König sein wird. Nicht er, Jonathan. Sondern David.
Und was tut Jonathan? Er zieht seinen königlichen Mantel aus. Er gibt David sein Schwert. Seinen Bogen. Seinen Gürtel. Alles, was ihn als Kronprinz auszeichnet.
Er sagt: „Du sollst König sein. Nicht ich.“
Das ist nicht Bescheidenheit. Das ist nicht „Ich bin ja nicht so wichtig.“
Das ist radikales Vertrauen. Jonathan sagt: Mein Plan war, König zu werden. Aber Gottes Plan ist größer. Und ich lasse darin Gottes Liebe wachsen.
Ich wart‘, dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht.
David ist auf der Flucht. Gehetzt. Verfolgt. Und Jonathan? Jonathan wird dieser eine. Der mit ihm geht. Der zu ihm steht – auch im Schweren. Der in den dunklen Stunden ihm verbunden bleibt.
Jonathan wird für David das, was sein Waffenträger für ihn war: Der eine, der mitgeht. Der versteht. Der trägt.
Im Lehrerzimmer gibt es eine Kollegin – Mitte fünfzig, erfahren, über zwanzig Jahre an der Schule. Sie war immer die, die neue Lehrkräfte eingearbeitet hat, die bei Konflikten vermittelt hat, die das Kollegium zusammengehalten hat.
Und dann kam die Frage: Wer übernimmt die Klassenleitung der neuen Fünften? Eine Prestigeklasse. Viele haben mit ihr gerechnet.
Aber die Schulleitung hat sich für eine jüngere Kollegin entschieden. Frisch von der Uni. Voller Ideen, aber unerfahren.
Eine Kollegin sagt: „Wir haben alle gedacht, jetzt gibt’s Ärger. Aber weißt du, was sie gemacht hat? Sie ist zu der Jungen gegangen und hat gesagt: ‚Ich freue mich für dich. Und wenn du Rat brauchst – meine Tür steht offen.'“
Und sie meinte es ernst. Sie hat nicht gekämpft. Sie hat nicht gemauert. Sie hat Platz gemacht – und ist genau dadurch die geworden, die das Kollegium zusammenhält.
Genau das tut Jonathan. Er sieht David nicht als Konkurrenten. Er sieht ihn als den, den Gott berufen hat. Und er wird sein bester Freund.
Er webt mit David ein Band – kein Band der Macht, sondern ein Band der Liebe.
Aber das Leben ist nicht einfach. Jonathans Vater Saul wird eifersüchtig auf David. Saul will David töten. Und Jonathan steht zwischen seinem Vater und seinem Freund.
Stellt euch das vor: Auf der einen Seite euer Vater, der König. Auf der anderen Seite euer bester Freund, der verfolgt wird.
Jonathan versucht, zu vermitteln. Er geht zu Saul und sagt: „David hat dir nichts getan. Warum willst du ihn töten?“
Und Saul? Saul wird so wütend, dass er seinen eigenen Sohn mit dem Speer angreift. Jonathan muss fliehen – vor seinem eigenen Vater.
Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist? Der eigene Vater will dich töten – weil du zu deinem Freund stehst?
Später trifft Jonathan David heimlich. Sie weinen miteinander. Und dann sagt Jonathan diese unglaublichen Worte zu David:
„Geh in Frieden. Der Herr sei zwischen mir und dir – auf ewig.“
„Der Herr sei zwischen mir und dir.“
Das ist mehr als eine Floskel. Das ist ein theologisches Programm.
Jonathan sagt: Unsere Beziehung ist nicht nur eine Sache zwischen uns beiden. Gott ist das Band, das uns verbindet.
Wenn wir Gott in unseren Beziehungen mitdenken – in Freundschaften, in Partnerschaften, in der Familie – dann verändert sich etwas Grundlegendes:
- Dann ist die Beziehung nicht mehr nur abhängig von meinen Gefühlen oder deiner Leistung.
- Dann ist da eine dritte Kraft, die trägt, die hält, die größer ist als wir beide.
- Dann wird Liebe nicht zum Besitz, sondern zum Geschenk.
Gott zwischen un – das heißt: Ich kann dich loslassen, ohne dich zu verlieren. Ich kann dir Raum geben, weil Gott uns beide hält.
Jonathan weiß: Ich werde David vielleicht nie wiedersehen. Aber der Herr ist zwischen uns. Auf ewig.
Das ist Liebe, die nicht klammert. Das ist Treue, die nicht kontrolliert. Das ist Verbindung, die im Loslassen wächst.
Ein Ehepaar erzählt – sie sind seit über dreißig Jahren zusammen –“Wir haben früh verstanden: Wir sind nicht füreinander da, um uns gegenseitig zu besitzen. Wir sind füreinander da, um uns gegenseitig zu Gott hin freizugeben.“
Das klingt paradox. Aber es funktioniert. Weil Gott das Band ist, das sie verbindet.
Manche von euch haben vielleicht schon gehört: Es gibt die Frage, ob Jonathan und David eine homosexuelle Beziehung hatten.
Ehrlich gesagt: Die Bibel sagt es nicht explizit. Aber es ist gut vorstellbar. Die Intensität ihrer Liebe, die Art, wie sie voneinander sprechen – „Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe“ schreibt David später über Jonathan – das alles lässt Raum für diese Deutung.
Und ich finde es wichtig, das zu sagen: Diese tiefe, bedingungslose Liebe – sie ist nicht auf heteronormative Beziehungen beschränkt.
Ob zwischen zwei Männern, zwei Frauen, oder zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts: Gott schenkt uns die Fähigkeit zu lieben – damit wir nicht allein durchs Leben gehen. Damit wir einander stärken. Damit wir einander tragen.
Was die Bibel hier zeigt, ist das eigentlich Revolutionäre: Diese beiden Menschen liebten einander bedingungslos. Herz an Herz. Bund auf Leben und Tod.
Echte Liebe heißt, dem anderen den Raum zu geben, den Gott ihm zugedacht hat. Auch wenn es bedeutet, dass ich selbst zurücktrete.
Und das können wir alle lernen – in welcher Form von Beziehung auch immer wir leben.
Jonathan hatte einen Plan: König werden. Herrschen. Groß sein.
Aber Gott hatte einen anderen Plan. Und Jonathan hat losgelassen.
Er ist nicht verbittert geworden. Er hat nicht gekämpft um das, was ihm „zustand“. Er hat nicht versucht, seinen Traum zu retten.
Stattdessen hat er sich verbunden – mit David, mit Gottes Plan, mit einer Liebe, die größer war als sein eigenes Ego.
Und genau dadurch ist er groß geworden.
Nicht als König. Sondern als Freund. Als der, der David gehalten hat, als alles zusammenbrach. Als der, der bis heute in der Bibel steht – nicht auf dem Thron, sondern im Herzen.
Größe findet, wer den eigenen Plan loslässt – und im Plan Gottes Liebe wachsen lässt.
Vielleicht sitzt du heute hier und fragst dich: Habe ich den falschen Weg gewählt? Habe ich etwas verpasst?
Vielleicht hast du einen Traum aufgegeben. Einen Beruf. Eine Beziehung. Eine Rolle.
Und du fragst dich: War das ein Fehler?
Jonathan sagt dir heute: Nein. Es war kein Fehler. Es war Vertrauen.
Vertrauen, dass Gott einen Plan hat. Dass dein Leben nicht kleiner wird, wenn du loslässt – sondern weiter. Tiefer. Echter.
Dass Gott das Band ist zwischen dir und den Menschen, die du liebst. Zwischen dir und deinem Weg. Zwischen dir und deiner Zukunft.
Jonathan und David haben ein Band gewebt – mit Herz und Hand. Sie haben einander getragen in Traurigkeit, einander geholfen in Leid und Not. Sie haben einander gesagt, was recht und gut ist. Sie haben einander geglaubt – zu jeder Zeit.
Und der Herr war zwischen ihnen. Auf ewig.
Gleich werden wir ein Lied singen, das genau davon erzählt: „Einander brauchen mit Herz und Hand, gemeinsam weben ein buntes Band.“
Das ist es, wozu Gott uns beruft. Nicht zur Einsamkeit der Macht. Nicht zum Kampf um den ersten Platz. Sondern zur Gemeinschaft. Zum Miteinander. Zum Band, das uns verbindet.
Jonathan starb später im Kampf – an der Seite seines Vaters Saul. Er wurde nie König.
Aber David – der König, den Jonathan liebte – schrieb später über ihn:
„Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe.“
Jonathan ist nicht vergessen. Weil er nicht an seinem Plan festgehalten hat. Sondern an Gott. Und an der Liebe.
Möge Gott uns den Mut geben, wie Jonathan zu leben: Vertrauend. Liebend. Loslassend. Und gerade dadurch – in Gottes Plan groß.
Möge Gott uns zu Menschen machen, die einander brauchen, einander tragen, einander helfen. Die gemeinsam weben an seinem bunten Band der Liebe.
Möge Gott mit uns gehen – durch Leid und Freuden, zu allen Zeiten.
Amen.
SEGEN
Jonathan sagte zu David: „Geh in Frieden. Der Herr sei zwischen mir und dir – auf ewig.“
Mit diesen Worten segne ich euch im Namen Gottes:
Der Herr sei zwischen dir und den Menschen, die du liebst. Er halte euch, auch wenn ihr getrennt seid. Er verbinde euch, auch wenn ihr loslassen müsst.
Der Herr sei zwischen dir und deinem Weg. Er führe dich, auch wenn du die Richtung nicht kennst. Er trage dich, auch wenn du stolperst.
Der Herr sei zwischen dir und deiner Zukunft. Er gebe dir Vertrauen, statt Angst. Er schenke dir Hoffnung, statt Verzweiflung. Er lasse dich wachsen in seiner Liebe.
So segne dich der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.
